Dreier´s Bücherwelt: Endlich Wochenende


   Am nächsten Morgen waren alle wie gerädert: Sie hatten zu wenig und unruhig geschlafen. Die Ereignisse des Vortages spukten durch ihre Träume. Während des Frühstücks hing jeder seinen eigenen Gedanken nach. Irgendwann unterbrach Jaso die Stille: »Sven, dein Ausbilder ist gestern hier angekommen. Du wolltest ihn doch etwas fragen?«

   »Ja. Wo ist er? Kann ich gleich zu ihm?«

   »Immer langsam. Er kommt nachher hier vorbei.«

   Sie waren gerade damit beschäftigt den Tisch abzuräumen, als es an der Tür klopfte. Sven lief hin und öffnete.

   »Hallo Sven.«

   »Hallo Opru. Komm rein.«

   Opru war Svens Ausbilder. Er hatte Sven in Jonam auf seine Aufgabe im Palast vorbereitet.

   Opru setzte sich mit an den Tisch und richtete sich an Sven:

   »Wie ist es im Palast gewesen?«

   »Nicht so gut. Aber wir haben die Königskinder gefangen genommen.«

   »Das habe ich bereits gehört.«

   »Opru, woher kommt eigentlich der Dolch, den du mir geschenkt hast?«

   Opru sah Sven an, die anderen hatten sich in der Zwischenzeit ebenfalls zu den beiden gesetzt. Nach einer kurzen Pause fing Opru an zu erzählen.

   

   Der Dolch war sehr alt, er wurde vor mehr als tausend Jahren von einem der mächtigsten Zauberer angefertigt, der Pisto hieß. Damals traten zum ersten Mal die Türen auf. Am Anfang gab es einen regen Austausch zwischen beiden Welten. Über zwei Jahrhunderte verlief der Handel friedlich, jedoch geschah eines Tages etwas Schreckliches. Vor einer der Türen wurde ein Toter gefunden, er stammte aus der anderen Welt. Kurze Zeit später geschah ein zweiter Mord. Man fand heraus, dass es der Magier Zahro war, der sie umgebracht hatte. Daraufhin wurden die Beziehungen beider Welten angespannt. Als man Zahro für seine Taten zur Verantwortung ziehen wollte, flüchtete er durch eine der Türen. Danach hatte Pisto für jede Tür ein Siegel angefertigt. Die Siegel setzte er auf seinen Dolch und die Türen und verschloss bis auf eine alle. Durch die letzte noch offene Tür ist er in den Tunnel gegangen. Pisto lebte in den Tunneln und sorgte so dafür, dass niemand diese betrat. Später bestimmte man, dass der Wächter der Tunnel im Abstand von dreißig Jahren ausgetauscht werden sollte. Nur der König durfte die Person erwählen, die durch die Tür als Wächter ging. Hierzu musste ein Ritual angewendet werden, damit die Türen sichtbar wurden. Im Laufe der Zeit wurde erzählt, dass die Tunnel mit einem Bann belegt seien, der die Anwesenheit einer Person in den Tunneln erzwingt, da sonst diese und die Umgebung zerstört werden würden. Von Zahro hatte man nie wieder etwas gehört.

   

   »Nun kennst du die Geschichte des Dolchs.«

   »Was ist mit den anderen Türen?«

   »Das weiß ich auch nicht. Aber die Erste erschien wieder vor etwa zwanzig Jahren. Etwa ein Jahr, bevor der heutige König an die Macht kam.«

   »Wieso kann man nicht mehrmals hindurchgehen, so wie damals?«

   »Man könnte, aber du hast sie verschlossen«, sagte Opru und zeigte auf den Dolch.

   Sven griff vor Schreck danach; langsam verstand er, was der Dolch eigentlich darstellte.

   »Warum hast du mir den Dolch gegeben?«

   »Garti wollte, dass ich dir den Dolch und den Bogen gebe. Wenn du wissen möchtest, warum, dann musst du sie fragen. Du hast doch den Bogen noch?«

   »Äh … Ja … Nein ...«

   »Ich habe ihn für Sven aufbewahrt, als er in den Palast ging«, meldete sich Jaso und holte den Bogen aus seiner Kammer.

   »Was hat es mit dem Bogen auf sich?«

   »Das wirst du herausfinden, wenn du wieder im Palast bist.«

   »Woher weißt du ...?«

   Opru stand auf und ging. An der Tür hielt er kurz an. »Das kann ich dir nicht sagen, noch nicht«, und verließ die Hütte.

   Sven sah zu Jaso, doch dieser zuckte nur mit den Schultern. Sven lief Opru hinterher. Er suchte die nähere Umgebung ab, fand ihn jedoch nicht. Enttäuscht kehrte er zurück. Mit gesenktem Kopf setzte er sich an den Tisch.

   »Woher weiß er, dass ich in den Palast muss? Wir haben es doch erst gestern Abend erfahren und seitdem mit keinem gesprochen.«

   »Er ist ein großer Zauberer und steht in ständiger Verbindung mit Garti.«

   »Wer ist eigentlich diese Garti?«, wollte Lisa wissen.

   »Garti ist die älteste und mächtigste Magierin in unserer Welt. Man erzählt, dass sie mehrere Hundert Jahre alt sei, genau weiß das aber niemand.«

   Sven hatte in der Zwischenzeit seinen Bogen genommen und näher betrachtet. Gerade als er ihn weglegen wollte, entdeckte er etwas an der Innenseite.

   »Lisa, schau dir das einmal an!«, rief er und gab Lisa den Bogen.

   Lisa sah sich die Innenseite des Bogens an, dann strich sie mit den Fingern darüber, wobei sie die Augen schloss.

   »Das sind Symbole«, sagte sie und gab den Bogen zurück.

   Sven versuchte die Zeichen zu erkennen, sie waren aber zu klein.

   »Habt ihr eine Lupe?«, fragte er in die Runde.

   Garum stand auf und ging in seine Kammer. Als er zurück kam, hatte er eine große Lupe in der Hand, die er Sven reichte. Sven nahm sie und schaute sich die Symbole auf dem Bogen genauer an.

   »Kannst du etwas erkennen?«, fragte Lisa.

   Nach einer Weile sagte Sven: »Ja, es sind die gleichen wie auf dem Dolch«, und blickte dann auf.

   »Jetzt müssen wir noch herausfinden, was das alles zu bedeuten hat, und was du im Palast verhindern sollst«, sagte Garum.

   »Auf jeden Fall benötigt er dafür den Dolch und den Bogen«, warf Ben ein.

   »Aber was ist es?«, fragte Sven.

   Alle dachten angestrengt nach, was Sven wohl im Palast tun sollte. Sie konnten es sich aber nicht vorstellen.

   Am Mittag liefen Lisa, Sven und Ben ziellos im Dorf herum; sie versuchten einen klaren Kopf zu bekommen. Sven hatte seinen Bogen mitgenommen, um am Dorfrand etwas damit zu üben. Da sah Ben eine bekannte Gestalt.

   »Kanto!«, rief er und rannte zu seinem Ausbilder.

   »Ben. Schön dich wieder zu sehen.«

   »Vielleicht kannst du uns helfen!«, sagte Ben und fing an zu erzählen, was sie von Opru und dem Geist von Sirius erfahren hatten. In der Zwischenzeit waren Lisa und Sven ebenfalls bei ihnen eingetroffen. Kanto hörte sich die Geschichte an und meinte: »Du hast viel gelernt, seit wir uns das letzte mal gesehen haben.«

   »Darum geht es jetzt nicht«, sagte Ben. »Kannst du uns helfen?«

   »Ich fürchte nein. Aber ich werde mit Opru sprechen, wenn ich ihn sehe.«

   »Kannst du mir heute etwas mehr über den Stein erzählen?«, fragte Ben.

   »Nein, das kann ich nicht«, sagte Kanto und ließ Ben einfach stehen.

   Nun verstanden die Drei gar nichts mehr.

   »Was ist nur los hier? Alle tun so geheimnisvoll«, meinte Lisa.

   Sven und Ben hoben die Schultern, sie konnten es sich auch nicht erklären. Gemeinsam gingen sie weiter; erst als sie vor der Geisterhütte standen, fiel ihnen auf, wo sie hingelaufen waren. Sie blieben eine Zeit lang vor dem Eingang stehen, dann griff Lisa nach der Tür, öffnete sie und ging hinein.

   »Kommt, oder wollt ihr da draußen bleiben?«

   Sven und Ben zögerten noch einen Augenblick, dann gingen sie hinter Lisa her.

   »Was willst du hier? Die Hütte ist leer«, sagte Ben.

   »Ich weiß nicht genau, aber ich glaube, die Hütte hat etwas mit Svens Aufgabe zu tun. Macht bitte die Tür zu.«

   Als Sven die Tür geschlossen hatte, erzeugte Ben eine Lichtkugel und ließ diese in der Mitte des Raumes schweben. Lisa sah dies zum ersten mal und erschrak.

   »Du brauchst keine Angst zu haben. Sie ist nicht gefährlich.«

   Lisa beruhigte sich wieder und starrte fasziniert auf die Lichtkugel.

   »Lisa, was wolltest du hier?«, fragte Sven.

   Lisa antwortete nicht, sie starrte nur auf die Lichtkugel.

   »Wenn du noch länger so hineinschaust, dann wirst du blind.«

   Lisa erschrak und sah hastig weg.

   »War nur ein Scherz. Was suchst du hier?«

   »Ich weiß nicht, aber ich denke, hier ist der Schlüssel zu allem.«

   Während Lisa und Sven sich unterhielten, sah Ben sich in einer der Kammern um. Die Kammer war nicht sehr groß, wahrscheinlich diente sie einmal als Schlafkammer. Außer den kahlen Wänden schien es hier nichts zu geben. Um sicher zu gehen, dass er nichts übersehen würde, ließ er eine Lichtkugel erscheinen und sah sich noch einmal um.

   »Lisa, Sven, kommt mal her und seht euch das an!«

   Als beide in die Kammer kamen, stand Ben vor einer Wand.

   »Was ist?«, fragte Sven.

   »Hier, da ist ein Symbol.«

   Sven und Lisa sahen sich das Symbol genauer an. Dieses hatten sie noch nie gesehen.

   »Es wird nicht mehr funktionieren«, sagte Lisa auf einmal.

   »Was meinst du damit?«

   »Wahrscheinlich hat Sven die Tür bereits verschlossen, als wir hierdurch nach Hause sind.«

   Sven nahm seinen Dolch und zeigte mit der Spitze auf das Symbol. Er hoffte damit die Tür wieder öffnen zu können, aber es geschah nichts. Während Sven enttäuscht den Kopf hängen ließ, schüttelte Ben seinen nur.

   »Dachtest du, du könntest damit die Tür öffnen?«, fragte er lachend.

   Sven ging ohne etwas zu sagen aus der Kammer.

   »Das war gemein«, sagte Lisa und folgte ihm.

   Als Lisa den großen Raum betrat, war Sven nicht mehr zu sehen. Lisa dachte, er sei in der anderen Kammer und ging darauf zu. Plötzlich öffnete sich die Tür und eine Gestalt trat herein. Lisa erschrak zuerst, erkannte dann aber in der Gestalt Sirius.

   »Du musst mit Sven in den Palast, sonst wird es ihm nicht gelingen«, sagte die Gestalt und verschwand.

   In dem Augenblick kam Sven durch die geöffnete Tür.

   »Hast du das gesehen?«

   »Was meinst du?«

   »Sirius. Er stand eben noch da und hat mit mir geredet.«

   »Nein. Ich hab niemanden gesehen. Was hat er gesagt?«

   »Ich soll mit dir in den Palast.«

   Sven starrte Lisa an. »Was?«

   »Er meinte, sonst könnte es nicht gelingen oder so, was immer er damit auch meint.«

   Ben kam hinzu: »Was ist los?«

   »Sirius war wieder hier und sagte, Lisa solle mit in den Palast gehen«, entgegnete Sven.

   Sie berieten noch, was sie davon halten sollten. Dann sahen sie sich weiter in der Hütte um, fanden aber keine weiteren Hinweise. Nachdem sie alles abgesucht hatten, verließen sie die Geisterhütte und gingen zurück zu Jasos Hütte. Dort fanden sie Jaso und Garum zusammen gekauert auf dem Boden. Sie liefen zu ihnen. Jaso bemerkte sie und schüttelte den Kopf. Mit einer Hand wies er sie an stehen zu bleiben.

   »Was ist passiert?«, fragte Ben betroffen.

   Da sahen sie, dass Garum sich nicht bewegte.

   »Sie haben ...«, sagte Jaso mit Tränen in den Augen.

   Er konnte es nicht aussprechen. Langsam kam Lisa näher und kniete sich neben Jaso und Garum. Lisa berührte fürsorglich Jaso, sie legte ihre Hand auf dessen Arm und sah ihn dabei an.

   »Was ist passiert?«, fragte sie mit ruhiger Stimme.

   »Vor einer Stunde kamen die Spione des Königs und haben alle Kinder zusammengetrieben. Garum hatte sich gewehrt, da haben sie ihn ...«, Jaso sprach nicht weiter.

   In der Zwischenzeit kamen Sven und Ben ebenfalls näher. Ben besah sich Garum und erschrak: So etwas hatte er noch nie gesehen.

   »Was haben die nur mit ihm gemacht?«

   »Sie haben ihn mit Magie gelähmt«, sagte Jaso. »Ich konnte es nicht verhindern.«

   »Dann mach es doch rückgängig.«

   »Das kann ich nicht, der Zauber ist zu stark für mich.«

   

   Ben sah sich Garum an, dann begann er sich zu konzentrieren. Er versuchte geistig in Garum einzudringen, um herauszufinden, wie er ihm helfen könnte. Langsam glitt sein Geist aus seinem Körper und drang in Garums ein. Das, was Ben da sah, war das Schrecklichste, was er je gesehen hatte. Garums Geist war gefangen in einer Kiste, die von wilden Kreaturen bewacht wurde. Sobald die Kreaturen Ben sahen, stürmten sie auf ihn zu. Ben versuchte sie mit einem Schutzzauber abzuwehren. Die entstandene Schutzwand durchdrangen die Kreaturen jedoch ohne Mühe. Ben bekam Angst. Was sollte er tun? Er erinnerte sich an die Geisterhütte und daran, was er dort getan hatte. Er formte den Zauber und schleuderte ihn den Kreaturen entgegen. Die Kreaturen reagierten auf den aufprallenden Zauber indem sie zurückwichen, aber nicht verschwanden, wie Ben es gehofft hatte. Die Kreaturen kamen bedrohlich nahe. Noch einmal formte er den Zauber. Diesmal legte er seine gesamte Kraft hinein und schleuderte ihn den Kreaturen entgegen, die wieder auf ihn zu kamen. Als der Zauber die Kreaturen traf, lösten diese sich auf. Ben lief zu Garums Geist und befreite ihn aus der Kiste, danach kehrte er erschöpft in seinen Körper zurück.

   

   Jaso, Lisa und Sven hatten nicht bemerkt, womit Ben beschäftigt war. Sie sahen nur, dass er plötzlich zur Seite kippte. Im gleichen Augenblick bewegte sich Garum. Erschrocken sahen sie abwechselnd von Garum zu Ben. Garum richtete sich langsam auf und sah zu Ben.

   »Ben!«

   »Was hat er getan?«, fragte Jaso.

   »Er hat mich befreit.«

   Garum erholte sich sehr rasch. Jaso hob Ben auf, da dieser nicht mehr gehen konnte, und legte ihn in Garums Bett. Ben hatte sich zu stark verausgabt. Sie konnten nur abwarten, bis er sich wieder erholt hatte. Währenddessen berichtete Garum, was Ben getan hatte. Nachdem Garum seine Erzählungen beendet hatte, sah Jaso noch einmal nach Ben: Er schlief tief und fest.

   »Wir können im Moment nichts für ihn tun. Legt euch hin, es ist genug für heute. Morgen sehen wir weiter.«

   Am nächsten Morgen erwachte Ben als Erster. Er konnte sich nur noch schemenhaft an die Ereignisse des letzten Tages erinnern. Er schaute sich um und bemerkte erst als er bereits aufgestanden war, dass er sich in Garums Kammer befand. Ben verließ diese, um Sven zu suchen, der im großen Raum in der Nähe des Kamins schlief. Ben versuchte ihn zu wecken.

   »Sven. Wach auf«, flüsterte er und schüttelte ihn dabei sanft.

   Langsam öffnete Sven die Augen.

   »Ben, was ist los?«

   »Wir müssen so schnell wie möglich in den Palast.«

   »Warum? Es ist noch viel zu früh.«

   »Wir müssen die anderen retten.«

   »Gut. Dann lass uns Lisa wecken.«

   Beide suchten Lisa, fanden sie jedoch nicht. Sie war nicht in der Hütte. Sie gingen zu Jaso. Ben rüttelte Jaso: »Lisa ist verschwunden.«

   Doch Jaso brummte nur: »Lass das. Lisa ist bei Salu. Was ist los mit dir?«

   »Wir müssen schnellst möglich in den Palast. Die anderen brauchen unsere Hilfe.«

   Jaso stand auf und ging zur Feuerstelle.

   »Machen wir erst einmal das Frühstück. Ihr werdet es brauchen. Die Kinder sind noch nicht im Palast. Sie werden noch mindestens zwei Wochen unterwegs sein. So lange wird ihnen nichts passieren.«

   »Sie sind bereits im Palast«, sagte Sven.

   Jaso konnte es nicht glauben.

   »Das ist unmöglich!«

   »Doch. Sie haben es geschafft, alle Kinder in den Palast zu transportieren. Ich habe es in meinen Träumen gesehen.«

   »Ich dachte, Ben wäre ...«

   »Nein. So wie es aussieht, gibt es auch noch andere.«

   »Dann müsst ihr euch beeilen. Ich werde Salu und Lisa in Kenntnis setzen.«

   Jaso bat Salu per Magie, Lisa zu ihm zu bringen. Kurz nachdem sie das Frühstück fertig hatten, kamen Salu und Lisa. Sie frühstückten gemeinsam und berieten, wie sie im Palast vorgehen sollten. Als sie zu Ende gefrühstückt hatten, verabschiedeten Lisa, Sven und Ben sich von den anderen und gingen auf den Platz im Zentrum des Dorfes. Dort stellten sie sich nebeneinander und fassten sich an den Händen. Ben konzentrierte sich und formte den Transportzauber.