Dreier´s Bücherwelt: Endlich Wochenende


   Da sie Ben wegen des Unsichtbarkeitsbanns nicht mehr sehen konnten, brachen die Vier die Verfolgung ab. Sie gingen zurück zu Jasos Hütte und berieten, was sie nun als Nächstes tun sollten. Mitten im Gespräch erhob sich Sven und ging zur Eingangstür.

   »Sven, was ist los?«, fragte Jaso, doch er antwortete nicht.

   Jaso lief zu ihm und wollte ihn festhalten, als Sven sich umdrehte und Jaso einen Schlag in den Magen verpasste. Jaso brach zusammen und krümmte sich vor Schmerzen am Boden. Garum lief zu seinem Vater, um ihm zu helfen. Sven öffnete gerade die Tür, als Lisa ihn erreichte und seinen Arm berührte. Sven drehte sich zu ihr um und hob dabei seinen rechten Arm, um zuzuschlagen. Aber irgendetwas schien ihn davon abzuhalten. Er ließ den Arm wieder sinken und ging aus der Hütte: Lisa folgte ihm in sicherem Abstand. Als sie Salu sah, winkte sie ihn herbei und berichtete kurz, was geschehen war. Salu ging zu Jaso, um nach ihm zu sehen. Jaso schien es so weit gut zu gehen, worauf hin Salu wieder zu Lisa eilte.

   »Weißt du, wo er hin möchte?«

   »Nicht genau. Aber wenn er die Richtung beibehält, dann kommen wir zu der verlassenen Hütte, durch die wir beim letzten Besuch nach Hause gingen.«

   Beide folgten Sven, der unbeirrt von all dem seinen Weg fortsetzte. Er ging ohne Eile in Richtung der verlassenen Hütte, so wie es Lisa vorausgesagt hatte. Dort angekommen öffnete er die Tür und ging hinein. In dem Augenblick, als Sven die Tür schloss, verschwand die Hütte. Der Platz, an dem sie stand, war leer. Salu und Lisa starrten fassungslos auf den leeren Platz. Langsam gingen beide näher heran, um zu prüfen, ob die Hütte wirklich verschwunden oder nur unsichtbar war. Salu streckte den Arm aus und tastete nach der Treppe. Es gab jedoch keinen Widerstand. Auch als er weiter in das Grundstück hinein ging, war kein Hindernis zu spüren. Die Hütte war verschwunden.

   

   Da sie die Hütte nicht finden konnten, gingen sie wieder zu Jaso, der sich in der Zwischenzeit wieder erholt hatte, und berichteten. Jaso und Garum konnten es nicht glauben, was Lisa und Salu da erzählten.

   Gemeinsam gingen sie zu dem Platz, an dem die Hütte stand. Jaso versuchte mittels Magie deren Standort zu ermitteln, aber dort, wo noch vor kurzem eine Hütte stand, war nichts mehr zu spüren. Keine Restenergie eines Zaubers, die immer vorhanden war, wenn ein so mächtiger gesprochen wurde.

   »Hier ist nichts. Es ist so, als sei hier nie eine Hütte gestanden.«

   Nach kurzer Zeit gingen sie zurück, aber nicht zu Jaso, sondern in die große Versammlungshütte am anderen Ende des Dorfes. Mittels Magie rief Jaso alle auf, sich dort einzufinden. Es dauerte fast eine ganze Stunde, bis alle die Versammlungshütte erreicht hatten. Salu erhob sich und streckte beide Arme aus, um das Zeichen für Ruhe zu geben. Kurze Zeit später herrschte absolute Stille.

   »Es hat sich etwas ereignet, das eine Abstimmung erfordert. Es besteht der Verdacht, dass Benaru Tazea ein falsches Spiel mit uns treibt.«

   

   »Wieso ist es plötzlich so dunkel?«

   Sven versuchte seine Umgebung mit ausgestreckten Armen zu erkunden.

   »Hallo!«

   Es kam keine Antwort.

   »Hallo!«

   »Sven! Bist du das?«

   »Ja, wo bist du, Ben?«

   »Ich bin hier. Warte, ich mache Licht.«

   Ben ließ eine Lichtkugel im Raum erscheinen. Es wurde hell und Sven konnte sich umsehen.

   »Was ist hier los? Wie komme ich hierher? Wo sind wir?«

   »Wir sind in der Geisterhütte. Es tut mir leid, ich habe dich hierher geführt, weil ich mit dir reden muss.«

   Sven verstand nicht ganz, was Ben von ihm wollte, und sah ihn fragend an.

   »Komm, setzten wir uns«, sagte Ben und setzte sich auf den Boden. Nachdem Sven sich ebenfalls gesetzt hatte, fing Ben an zu reden.

   »Alles was ich jetzt sage, entspricht der Wahrheit, das musst du mir glauben. Das mit dem Kuss im Steinbruch ist wahr. Aber ich habe es niemals dem König gesagt. Der Einzige, der davon wusste, war Sirius. Alles hängt damit zusammen, wie ich zu Sirius kam. ...«

   

   Ben erzählte, dass alles begann, als sein Vater starb und Sirius ihn aufnahm. Sein Ziehvater war bei der Jagd tödlich verunglückt, allerdings konnte Ben das nie richtig glauben. Er durfte sich nicht von seinem Ziehvater verabschieden, wie es üblich war. Man sagte ihm, er solle ihn so in Erinnerung behalten, wie er ihn das letzte mal gesehen hatte. Angeblich war er in den Bergen abgestürzt, was ihn verunstaltete. Ben wusste aber, dass sein Vater nie in die Berge ging um zu jagen, da er Höhenangst hatte. Sirius benahm sich immer merkwürdig, wenn Ben vom Tod seines Ziehvaters sprach, was Ben zuerst nicht verstand. Erst später bemerkte er, dass mit Sirius etwas nicht zu stimmen schien. Sirius ging am Anfang jede Woche einen Tag auf Wanderschaft, dabei nahm er Ben nie mit. Ben schlich eines Tages hinter Sirius her und beobachtete, dass er sich in den Steinbrüchen nahe des Dorfes mit jemandem traf. Was Sirius mit dem Fremden besprach, konnte Ben nicht verstehen, aber der Fremde sah so aus, als könnte er ein Spion gewesen sein. Im Laufe der Zeit wurden die Treffen immer seltener. Ben hatte jedoch nie herausfinden können, was dies zu bedeuten hatte.

   

   »... Glaube mir, ich habe niemanden verraten«, beteuerte Ben zum Schluss.

   Sven sah ihn ungläubig an.

   »Und warum bist du abgehauen und hast mich dann hierher …?« Sven wedelte mit den Armen herum.

   Er fand nicht die richtigen Worte für das, was Ben da getan hatte.

   »Du meinst mit Magie hierher gelenkt?«

   Sven nickte.

   »Ich hatte Angst, dass mir keiner glauben wird. Da wollte ich zuerst mit dir sprechen.«

   Sven erhob sich und sagte: »Komm, lass uns zu den anderen gehen und ihnen alles erklären.«

   »Warte!«, rief Ben. »Wir können die Hütte noch nicht verlassen.«

   »Warum?«, fragte Sven.

   »Naja. Die Hütte ... Sie ist ...«, stotterte Ben herum.

   »Was ist mit der Hütte?«

   »Sie steht nicht mehr im Dorf.«

   Sven wollte nicht glauben, was er da gerade gehört hatte. Er ging zur Eingangstür und öffnete diese.

   »Was ist das? Wie kann …?«, stieß Sven fassungslos aus, als er nach draußen sah.

   »Ich wollte nicht, dass sie uns finden, bevor ich dir alles erklärt habe.«

   Sven drehte sich zu Ben um und deutete gleichzeitig nach draußen.

   »Du hast recht, aber das war der sicherste Ort. Da hier niemand lebt, wird es nicht auffallen.«

   »Das Tal der Stille?«, fragte Sven verärgert. »Wenn du das hier kannst, warum mussten wir dann damals …?«

   »Da konnte ich es noch nicht«, fiel Ben eilig Sven ins Wort.

   »Ich bringe uns jetzt wieder zurück«, sagte Ben und begann mit den Vorbereitungen des Zaubers.

   »Warte, ich möchte Lisa ein paar von den Früchten mitbringen«, sagte Sven.

   Ben hörte mit den Vorbereitungen des Zaubers auf.

   »OK. Bleib aber nicht zu lange, es wird bald dunkel«, sagte Ben mit einem Augenzwinkern.

   Sven verließ die Hütte und ging zum nächstgelegenen Baum, der Früchte trug. Er pflückte so viele er tragen konnte und ging zur Hütte zurück. An der Hütte angelangt, sah er, dass Ben in der Tür stand und sich umsah. Sven reichte ihm eine der Früchte.

   »Hier, die sind besonders süß.«

   »Nein. Komm schnell rein, wir müssen uns beeilen.«

   »Was ist los?«

   »Wie gesagt, es wird gleich dunkel.«

   Ben zog Sven in die Hütte. Er schloss die Tür und ging in die Mitte des Raumes.

   »Setz dich«, sagte Ben und setzte sich auf den Boden.

   Sven tat, was Ben ihm gesagt hatte, und legte die Früchte neben sich. Wieder begann Ben mit den Vorbereitungen des Zaubers, als plötzlich jemand klopfte. Beide blickten überrascht zur Tür.

   »Wer kann das sein?«

   »Ich weiß es nicht. Mach ja nicht auf«, warnte Ben und fuhr mit den Vorbereitungen fort.

   Wieder klopfte es an die Tür, jedoch fester als das letzte mal. Ben konzentrierte sich so fest er konnte. Er hatte es fast geschafft, da ging die Tür auf.

   

   Die Versammlung war fast zu Ende, als Salu erneut das Wort ergriff.

   »Ich denke, wir sollten Ben zu Wort kommen lassen, bevor wir ihn verurteilen.«

   »Dazu müssen wir ihn erst einmal finden. Er könnte sonst wo sein«, kam es aus der Menge.

   »Das ist richtig. Ich glaube, er wird bald wieder hier sein und uns alles erklären.«

   Wieder gab es einen Tumult.

   »Wir haben genug Argumente gehört. Kommen wir jetzt zur Abstimmung. Die rote Kugel ist für die sofortige Verbannung, die schwarze für eine weitere Verhandlung«, sagte Salu und zeigte auf den Behälter in der Mitte des Raumes.

   Die Versammelten gingen gemeinsam zu dem Behälter: Nach und nach warfen sie ihre Kugel hinein. Als die letzte Kugel im Behälter verschwand, nahm Salu diesen und schüttete die Kugeln in eine daneben stehende Schüssel. Die Auszählung ergab ein knappes Ergebnis, aber die meisten stimmten für eine erneute Verhandlung. Langsam löste sich die Versammlung auf. Salu und Jaso saßen noch einige Zeit im Versammlungsraum und unterhielten sich. Sie versuchten herauszufinden, wie sie Ben helfen konnten.

   

   Erschrocken blickten beide zur Tür.

   »Sirius!«, riefen sie fast gleichzeitig und blickten einander an, denn es konnte nicht Sirius sein, der war ja tot.

   Der Mann kam näher. Er stellte sich direkt vor Sven und Ben, die bereits aufgesprungen waren. Er sah wirklich aus wie Sirius.

   »Wie kann das sein?«, fragte Ben ungläubig.

   Der Mann antwortete nicht auf seine Frage, er hob einen Arm und zeigte mit dem Finger auf Sven. Sven wurde es mulmig zumute.

   »Sven, du musst in den Palast«, hörte Sven den Mann sagen, obwohl dieser seinen Mund nicht bewegte.

   Danach zeigte der Mann auf Ben.

   »Ben, du musst Sven helfen in den Palast zu kommen. Nur er kann es verhindern«, sagte der Mann und verschwand so plötzlich, wie er gekommen war.

   Als sich beide wieder gefasst hatten, sahen sie sich an.

   »Ich soll in den Palast gehen, hat er gesagt.«

   »Und ich soll dir dabei helfen«, sagte Ben überrascht.

   »Aber was soll ich da?«

   »Er meinte, nur du könntest es verhindern. Fragt sich nur, was?«

   Sie überlegten noch eine Weile, beschlossen dann aber zuerst wieder nach Sondrum zurückzukehren. Ben bereitete alles für die Rückkehr vor, dann formte er den Zauber. Sven merkte nichts davon, er war immer noch tief in Gedanken versunken.

   

   Ben stand auf und tippte Sven auf die Schulter.

   »Komm. Gehen wir zu den anderen und erklären ihnen alles.«

   Gemeinsam verließen sie die Geisterhütte und liefen direkt zu Jaso. Gerade als sie die Tür der Hütte öffnen wollten, kam Garum heraus und versperrte ihnen den Eingang.

   »Wo wart ihr?«

   »Lass uns bitte rein«, sagte Ben.

   Garum ging zur Seite und ließ beide eintreten. Am Tisch saßen Salu und Jaso, die überrascht zu den Beiden aufblickten. Alle drei setzten sich an den Tisch und Ben fing an zu erzählen, was geschehen war.

   »Glaubst du ihm das?«, fragte Salu Sven.

   »Ja, ich glaube ihm.«

   Daraufhin nickten alle. Sie waren sich einig.

   »Jetzt müssen wir nur noch die anderen davon überzeugen. Ich werde die Versammlung einberufen«, sagte Jaso und entsandte die Einladung mittels Magie.

   »Ben, das mit der Hütte werden wir nach der Verhandlung besprechen.«

   In diesem Augenblick kam Lisa zur Tür herein.

   »Ben! Sven! Da seid ihr ja.«

   »Hier, ich hab dir etwas mitgebracht«, sagte Sven und gab Lisa eine der Früchte.

   »Die sind aus ...«, Lisa sprach nicht weiter, sie sah beide nur verwirrt an.

   »Wir müssen los, sonst müssen die anderen zu lange warten«, sagte Salu und deutete auf die Tür.

   Sie gingen zur Versammlungshütte, wo sie bereits erwartet wurden. Da es schon spät am Abend war, waren sehr viele anwesend. Sven und Ben fühlten sich nicht wohl, da sie von allen angestarrt wurden. Salu eröffnete nach kurzer Zeit die Verhandlung. Im Gegensatz zur Letzten war es diesmal wesentlich schwieriger die Menge zu beruhigen. Nachdem er das doch geschafft hatte, übergab Salu Ben das Wort. Ben hatte noch nie vor einer Versammlung gesprochen. Am Anfang stammelte er nur unverständliche Worte. Erst als Jaso ihm gut zuredete, fiel es ihm leichter. Ben berichtete, was er bereits Sven gesagt hatte. Alle hörten ihm zu und unterbrachen ihn nicht. Nachdem Ben mit seinen Ausführungen fertig war, erzählte Sven die Geschichte aus seiner Sicht. Die anfängliche Aufregung der Versammelten legte sich allmählich; am Ende wurden noch einige Fragen an Ben und Sven gerichtet, die diese bereitwillig beantworteten.

   »Ihr habt nun beide gehört. Kommen wir zur Abstimmung. Die roten Kugeln sind für die Verbannung, die grünen für weitere Unterstützung«, sagte Salu.

   Die Abstimmung dauerte diesmal nicht so lange, das Ergebnis war eindeutig: Die grünen Kugeln überwogen. Da es bereits spät am Abend war, löste sich die Versammlung sehr schnell auf. In Jasos Hütte angelangt, setzten sich alle an den Tisch und unterhielten sich über die Ereignisse des Tages. Nach einiger Zeit meinte Jaso: »Für heute ist es genug. Gehen wir schlafen.«