Dreier´s Bücherwelt: Endlich Wochenende


   Ben führte die Gruppe zu dem alten Lagerplatz, auf dem sie mit Jaso unterwegs zum Palast gelagert hatten. Sie hofften ihn dort vorzufinden. Als sie den Lagerplatz erreicht hatten, war dieser jedoch verlassen.

   »Jaso ist nicht hier. Was machen wir jetzt?«, wollte Sven wissen.

   »Das weiß ich auch nicht. Wir werden erst einmal hier bleiben.«

   »Was ist mit den Wachen und Magiern des Königs? Die werden sicherlich bald hier auftauchen.«

   »Das glaube ich nicht. Im Allgemeinen haben alle Angst vor diesem Wald. Ich hoffe, die Magier auch.«

   Ben umgab den Lagerplatz mit einem Schutzbann und wies die anderen Kinder an, sich nicht weiter als zwanzig Meter vom Zentrum des Platzes zu entfernen. Danach ging er zu Garum, um erneut zu versuchen ihn aufzuwecken. Garum rührte sich nicht, er blieb weiterhin bewusstlos.

   »Mach dir keine Sorgen. Er wird schon wieder«, tröstete Lisa, die unbemerkt zu Ben gekommen war.

   »Wenn er stirbt, dann ist es meine Schuld«, erwiderte Ben traurig.

   Lisa versuchte ihn zu trösten, Ben stieß sie aber zurück und lief davon. Lisa blieb bei Garum sitzen.

   »Er braucht Zeit«, sagte Lisa leise.

   Ben ging zu Hatus und untersuchte ihn noch einmal. Seine Verletzungen heilten langsam. Um es zu beschleunigen benutzte Ben wieder Magie, obwohl Hatus dies nicht wollte. Er befürchtete, dass Ben sich wieder verausgaben und dadurch alle in Gefahr bringen könnte.

   Am nächsten Tag machte sich die Gruppe auf zum nächsten Dorf, aus dem einer der Jungen kam. Das Dorf lag etwa zwei Tage von ihrem Standort entfernt. Die Kinder des Königs hatten sich langsam in ihr Schicksal ergeben und wehrten sich nicht mehr. Sie gingen, an den Händen gefesselt, aber nicht mehr geknebelt, friedlich neben den anderen.

   »Sven?«

   »Ja? Was ist, Ben?«

   »Wie kommt es, dass du … du wieder so aussiehst?«

   »Das weiß ich nicht.«

   Es entstand eine kurze Pause.

   »Als wir durch die Tür an der Hütte gegangen sind ...« Sven erzählte Ben, was sich ereignete, als sich die Tür schloss.

   »Wir kamen neben dem Palast wieder zurück. Danach haben wir dich gesucht.«

   »Das ist seltsam«, meinte Ben nachdenklich.

   Sven ging noch eine Weile neben Ben her, begab sich dann aber zu Lisa.

   

   Gegen Mittag machten sie eine kurze Rast, um sich auszuruhen und zu stärken. Sie suchten in der näheren Umgebung nach essbaren Beeren und Wurzeln, die sie dann verspeisten. Nachdem alle gesättigt waren, setzten sie ihren Weg fort. Ben überlegte, wie sie an Vorräte kommen könnten. Auf ihrem ersten Marsch durch den Wald hatte er kein Wild gesehen, das man hätte jagen können. Dies war jetzt auch nicht anders. Eine so große Gruppe über zwei Tage mit Essen und Trinken zu versorgen konnte schwierig werden. Das Wasser konnte er im Notfall aus dem Boden holen, vielleicht konnte er einige Tiere in der Nähe mit Magie anlocken, aber bisher ist jeder Versuch gescheitert. Am Abend rasteten sie auf einer Lichtung. Ben versuchte Tiere mittels Magie anzulocken, aber es kamen keine. Die Beeren, Pilze und Wurzeln, die sie fanden, reichten kaum, um den Hunger zu stillen. Vor allem Wata und Alat protestierten, weil sie so wenig zu essen bekamen. Ben sah nach Garum, konnte aber keine Veränderung feststellen. Jeder Versuch ihn aufzuwecken blieb ohne Erfolg. Zur Vorsicht hatte man für die Nacht Wachen eingeteilt, die, falls sich jemand dem Lager nähern sollte, Alarm geben konnten. Die Nacht verlief ohne weitere Zwischenfälle.

   

   Am nächsten Morgen suchten sie wieder nach etwas Essbarem, fanden jedoch noch weniger als am Vortag. Hungrig machten sie sich auf den Weg. Gegen Mittag erreichten sie den Rand des Waldes. Dort legten sie noch einmal eine Rast ein. Diesmal fanden sie genug, damit sich alle satt essen konnten. Nun mussten sie wachsamer sein, denn es gab kaum noch Deckung. Das Dorf, es war Tranta, konnten sie in der Ferne schon sehen. Sie verließen den Wald Richtung Dorf. Auf halbem Weg gab es eine kleine Baumgruppe, die genügend Deckung bot. Dort angekommen schlugen sie ihr Lager auf.

   »Ihr bleibt hier. Wenn wir alle gehen, werden sie uns eventuell erkennen. Ich gehe mit Sven und Kami in das Dorf und versuche Hilfe zu holen«, sagte Ben.

   Während sich die anderen um den Lagerplatz kümmerten, machten sich die Drei auf den Weg ins Dorf, nachdem Ben einen Unsichtbarkeitsbann um Sven, Kami und sich legte. Sie erreichten das Dorf, als es bereits dämmerte. Kami führte die beiden zu seinem Elternhaus. Als er in das Haus laufen wollte, hielt ihn Sven zurück.

   »Warte, wir müssen erst sicher sein, dass sich nur deine Eltern darin befinden.«

   Ben ging zu einem der Seitenfenster und blickte diskret hindurch. Im Inneren befanden sich acht Personen: eine Frau, ein kleines Mädchen und sechs Männer. Er ging wieder zu Sven und Kami und berichtete, was er gesehen hatte.

   »Mist, dann sind die Spione des Königs schon hier«, sagte Kami. »Was machen wir jetzt?«

   »Ben, kannst du nicht ...?«, fragte Sven und machte dabei eine eindeutige Handbewegung.

   »Ich weiß nicht. Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist. Gegen fünf Magier!?«

   »Aber was ist mit meiner Familie?«

   »Ich denke nicht, dass ihnen etwas passiert. Sie wollen uns, nicht deine Eltern.«

   Nach kurzem Zögern entschlossen sie sich, zur Gruppe zurückzukehren. Dort angelangt berichteten sie, was sie gesehen hatten.

   »Was sollen wir jetzt tun?«, fragte einer aus der Gruppe.

   »Wir müssen zu den Rebellen. Die können uns bestimmt weiterhelfen«, meinte Sven.

   Nach einer kurzen Diskussion entschlossen sie sich die Rebellen aufzusuchen. Allerdings wussten sie nicht, wie sie diese finden sollten. Ben überlegte eine Weile.

   »Ich könnte versuchen, eine Nachricht an die Rebellen zu senden. Allerdings ist dies nicht ungefährlich, die Magier des Königs könnten es mitbekommen.«

   »Wir werden eine andere Lösung finden. Es ist zu gefährlich. Sie könnten uns entdecken«, sagte Sven.

   »Wenn doch nur Garum wach werden würde! Er wüsste vielleicht, wie wir mit den Rebellen Kontakt aufnehmen können.«

   »Ben, komm schnell, mit Garum stimmt etwas nicht!«, rief Lisa aufgeregt.

   Ben lief zu Garum, um ihn zu untersuchen. Garum atmete nur noch flach, seine Haut war kalt und voller Schweiß. Ben setzte sich neben ihn und untersuchte ihn, konnte jedoch nichts finden.

   »Er stirbt«, sagte Ben mit Tränen in den Augen, stand auf und rannte davon. Niemand folgte ihm.

   Lisa kümmerte sich, so gut sie konnte, um Garum. Sven hatte nur gesehen, wie Ben davongelaufen war. Er ging zu Lisa, um in Erfahrung zu bringen, was geschehen war. Lisa berichtete ihm, was Ben gesagt hatte. Sie befürchtete, dass er eine Dummheit begehen könnte. Sven schaute Lisa kurz an und rannte dann Ben hinterher.

   Ben rannte so schnell er konnte in Richtung des Waldes des Todes. Er hörte nicht die verzweifelten Rufe von Sven, der ihm hinterherrannte. Erst als er völlig erschöpft war und nicht mehr laufen konnte, hielt er an und ließ sich auf den Boden fallen. Er schnappte nach Luft, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Seine Lunge brannte und die Beine schmerzten. Nachdem er sich einigermaßen erholt hatte, lief er weiter Richtung Wald, diesmal aber wesentlich langsamer.

   Sven hatte die Verfolgung bereits aufgegeben, er konnte Ben nicht mehr einholen. Er wusste genau, wo Ben hin wollte und was er vorhatte. Verhindern konnte er es nicht mehr, also ging er langsam zurück zu der Gruppe und berichtete seine Vermutung.

   »Wir müssen hier schnell weg. Sie werden uns finden«, sagte eines der Kinder.

   »Nein, wir warten, bis Ben wieder zurück ist«, meinte Sven.

   »Du bist nicht unser Anführer. Du kannst uns nichts befehlen.«

   »Ihr habt recht, ich kann euch nur darum bitten, aber wenn ihr jetzt geht, dann werden sie euch bestimmt finden und gefangen nehmen.«

   »Wenn Ben die Rebellen ruft, dann werden sie uns sowieso finden.«

   »Das glaube ich nicht. Er wird sicherlich versuchen, die Magier auf eine falsche Fährte zu locken.«

   Sie stritten noch einige Zeit. Sven konnte sie allerdings beruhigen und so warteten sie auf die Rückkehr von Ben.

   

   Es wurde bereits dunkel, als Ben den Wald des Todes erreichte. Kurze Zeit später fand er einen Platz, der für sein Vorhaben geeignet war. Er machte sich daran alles vorzubereiten. Er sammelte Steine und Zweige. Mit den Steinen legte er einen Kreis, der groß genug war, um sich hineinzusetzen. Mit den Zweigen legte er ein kompliziertes Muster in den Kreis und setzte sich dann darauf. Danach schloss er die Augen und konzentrierte sich auf Jaso, wobei er den Zauber anwendete, den er bei den Rebellen gelernt hatte. Es dauerte lange, bis er die Verbindung aufgebaut hatte.

   »Jaso, wir brauchen deine Hilfe.«

   »Was ist geschehen?«

   Ben berichtete kurz, was geschehen war.

   »Bleibt, wo ihr seid. Ich werde in zwei Tagen bei euch sein.«

   »So lange können wir nicht dort bleiben. Wir haben keine Vorräte und im Dorf sind zu viele Spione.«

   »In vier Stunden wird ein Verbündeter mit einem Wagen zu euch kommen und Lebensmittel bringen. Das sollte fürs Erste reichen.«

   »Danke.«

   »Verhaltet euch so unauffällig wie möglich. Wir sehen uns übermorgen Abend«, schloss Jaso die Unterhaltung.

   Ben löste die Verbindung, stand auf und zerstörte den Kreis. Danach lief er, so schnell er konnte, zu den anderen, um ihnen von der Neuigkeit zu berichten.

   

   Als Ben im Lager ankam, herrschte eine angespannte Stimmung. Alle schauten ihm argwöhnisch hinterher. Sven wurde von seinem Eintreffen unterrichtet, als er gerade bei Garum war. Er lief Ben entgegen, um den anderen zu verstehen zu geben, dass er hinter seiner Entscheidung stand.

   »In einer Stunde kommt jemand und bringt uns Vorräte«, rief Ben.

   Alle schauten sich ungläubig an.

   »Übermorgen kommt Jaso und hilft uns hier wegzukommen.«

   Der anfängliche Zorn auf ihn hatte sich gelegt, allmählich kehrte wieder Ruhe ein.

   »Wie geht es Garum?«, erkundigte sich Ben.

   »Unverändert«, antwortete Sven.

   Nach etwa einer Stunde kam ein Wagen und brachte Vorräte, die gleich verteilt wurden. Der Fahrer sprach nicht mit den Kindern, er gab ihnen nur zu verstehen, dass sie sich mit dem Abladen beeilen sollten. Nachdem der Wagen abgeladen war, fuhr er wieder ins Dorf zurück.

   

   Am nächsten Morgen ging Ben zu Garum. Es ging ihm noch schlechter als am Vortag. Garum war mehr tot als lebendig. Er atmete so flach, dass man es kaum sehen konnte. Sein Körper war kalt, obwohl man ihn in mehrere Decken eingewickelt hatte. Das Feuer in seiner Nähe schien ihn auch nicht zu wärmen. Ben hatte Angst, dass Garum noch vor Jasos Eintreffen sterben könnte. Lisa und Sven hatten sich in der Nacht abwechselnd um Garum gekümmert. Jetzt versuchten sie Ben Schuldgefühle gegenüber Garum zu nehmen, was ihnen aber nicht gelang.

   Am nächsten Tag ging Ben nachdenklich zum Rand des Waldes, in dem sie sich befanden, und hielt Ausschau nach Jaso. Nach einer Weile kam Jaspa hinzu und setzte sich neben ihn. Beide starrten schweigend in die gleiche Richtung.

   »Worüber machst du dir solche Gedanken?«

   Ben sah Jaspa an.

   »Es ist wegen Garum. Das ist meine Schuld.«

   »Du hast getan, was du tun musstest. Sonst hätten sie euch alle entdeckt.«

   »Ich hätte den Schlafbann nicht anwenden dürfen. Er ist zu gefährlich. Jetzt wird Garum meinetwegen sterben«, entgegnete Ben traurig.

   »Warte doch erst einmal ab. Vielleicht kann ihn Jaso wieder aufwecken.«

   Ben konnte darauf nicht mehr antworten. Ihm standen die Tränen in den Augen. Er stand auf und ging langsam in Richtung Dorf, blieb aber an der Straßenkreuzung stehen und setze sich. Da Jaspa wusste, was in Ben vor sich ging, lief er ihm nicht hinterher. Er beobachtete ihn noch einige Zeit, dann ging er wieder zu den anderen.

   

   Im Laufe des Tages wurden die Kinder immer unruhiger, da sie angst hatten entdeckt zu werden. Sven versuchte sie zu beruhigen, indem er einen Wachdienst einteilte. Bereitwillig machten alle mit, da sie sich damit ablenken konnten. Lisa kümmerte sich unterdessen weiter um Garum. Gegen Mittag gab es erneut Unruhen. Aus der Ferne waren Fuhrwerke zu sehen, die immer näher kamen. Schnell löschten die Kinder das Lagerfeuer und versteckten sich, während sich die Gespanne langsam näherten. Es handelte sich dabei um vier Planwagen mit jeweils zwei Pferden. Seltsamerweise wurden die Gespanne immer langsamer. Sie steuerten direkt auf sie zu, es waren wohl fahrende Händler. Es war schon fast dunkel, als diese das kleine Wäldchen erreichten, in dem sich die Kinder versteckten. Alle bereiteten sich auf einen Kampf vor. Ben holte sich die Zauber für Angriffe in sein Gedächtnis zurück. Sven bewaffnete ein paar Kinder und sich mit Stöcken. Alle versuchten, so gut es ging, in Deckung zu gehen. Als die Wagen nur noch zwanzig Meter von dem Wald entfernt waren, schleuderte Ben einen Blitz in deren Richtung. Der Blitz erreichte jedoch die Wagen nicht, in sicherer Entfernung wurde er abgeblockt. Es waren wohl Magier unter den Kaufleuten. Oder waren es etwa doch Spione? Nachdem der Blitz abgelenkt war, hörte Ben etwas.

   »Ben, lass das. Ich bin es, Jaso.«

   »Jaso?«

   »Ja, lass uns zu euch.«

   Ben stand auf und rief den anderen zu.

   »Es ist Jaso!«

   Die Kinder kamen aus ihren Verstecken und rannten jubelnd zu den Wagen. Kurze Zeit später waren die Wagen am Waldrand, wo sie im Halbkreis aufgestellt wurden. Ben ging zu Jaso, als dieser von der Kutsche gestiegen war.

   »Jaso, komm schnell. Garum geht es immer schlechter.«

   Jaso ging mit Ben zu Garum. Dort angekommen untersuchte er Garum lange, bevor er sich wieder an Ben wandte.

   »Geh und komme erst wieder, wenn ich es dir sage. Sorge dafür, dass niemand näher als zehn Meter herankommt«, sagte Jaso mit strenger Stimme.

   »Was ist? Wird er wieder?«

   »Geh und tue, was ich dir gesagt habe. Vielleicht schaffe ich es noch«, herrschte Jaso ihn an.

   Ben ging und scheuchte alle weiter weg, die zu nahe waren. Jaso errichtete einen Schutzbann gegen Angriffe und einen, durch den kein Laut dringen konnte. Ben sah aus der Ferne, wie sich Garum immer wieder aufbäumte und schrie, jedoch konnte er nichts hören. Dies geschah in immer kürzeren Abständen. Ben bekam Angst und rannte zu ihnen, prallte aber gegen den Schutzbann und fiel benommen zu Boden. Als er wieder richtig bei sich war, schlug er mit den Fäusten gegen den Schutzbann. Er sah nur noch Garum, wie er sich immer wieder mit schmerzverzerrtem Gesicht aufbäumte. Irgendwann gab es Ben auf und kauerte am Rande des Schutzbanns am Boden. Wie lange er so da saß, wusste er nicht. Plötzlich stand Jaso neben ihm.

   »Was ist mit Garum?«

   »Er wird wieder«, antwortete Jaso erschöpft.

   Ben rannte zu Garum, um sich selbst davon zu überzeugen, dass es ihm besser ging. Garum schlief, als Ben sich neben ihn setzte und wartete.

   Jaso hatte alles gegeben, was er hatte, er war mit seinen Kräften am Ende. Langsam ging er zu einem der Wagen, kletterte hinein und legte sich hin. Als Sven dies sah, ging er zu ihm.

   »Jaso, alles in Ordnung?«

   Völlig erschöpft sagte er: »Es wird wieder. Ich brauche nur etwas Ruhe.«

   Danach schlief er ein.