Dreier´s Bücherwelt: Endlich Wochenende


   Am Abend wachten Ben und Lisa fast gleichzeitig auf. Ben schaute nach Garum, der immer noch schlief. Alle Versuche ihn aufzuwecken blieben erfolglos. Lisa war gerade dabei, Ben zu trösten, als Sven aufwachte.

   »Wie geht es Garum?«

   »Er schläft immer noch. Ich fürchte, er wird nicht mehr aufwachen«, sagte Ben mit trauriger Stimme.

   »Wieso?«

   »Der Zauber, den ich angewendet habe, um ihn einschlafen zu lassen, ist gefährlich. Es kommt vor, dass die betreffende Person danach nicht wieder aufwacht.«

   »Das kann ich nicht glauben.«

   »Ich musste es tun. Sonst hätten die Wachen uns gefunden.«

   Ben klang verzweifelt. Kurze Zeit sahen alle drei Garum schweigend an.

   »Vielleicht kann Jaso ihn wieder aufwecken«, meinte Sven schließlich hoffnungsvoll.

   »Und wie willst du ihn zu Jaso bringen?«

   »Durch die Tür in der Mauer, du weißt schon wo.«

   »Das ist nicht so einfach. Wir müssten ihn die gesamte Strecke tragen. Ich glaube kaum, dass wir das schaffen werden«, sagte Ben und schaute Sven vielsagend von oben herab an.

   »Ben, das war gemein«, sagte Lisa und sah Sven mitleidig an.

   »Ist schon gut Lisa, er hat ja recht«, meinte Sven mit gesenktem Kopf.

   »Und wenn wir die anderen Kinder um Hilfe bitten?«, fragte Lisa. »Sie könnten uns beim Tragen helfen.«

   »Die Hütte wird sicherlich noch bewacht.«

   »Aber sie könnten uns helfen. Wir sollten versuchen sie zu befreien.«

   »OK! Lasst es uns versuchen. Lisa, bleib du hier bei Garum. Sven und ich werden versuchen, zu den Kindern zu gelangen.«

   Sven und Ben verließen das Versteck und machten sich auf den Weg zur großen Hütte. Da es bereits dunkel war, konnten sie ungesehen die Hütte erreichen. Sie schlichen zum Eingang und schauten hinein. Die Hütte war leer. Die Decken und Schüssel waren auf dem Boden verstreut, alles war durcheinander.

   »Was ist denn hier passiert?«, fragte Sven fassungslos.

   »Sie müssen sie abgeholt haben. Durch die Tür in der Mauer sind sie nicht, das hätten Garum und ich bestimmt bemerkt.«

   »Aber wo könnten sie denn sein?«

   Beide überlegten eine Weile.

   »Das Verlies, im Palast«, sagte Ben. »Das ist groß genug, um alle unterzubringen.«

   Sie machten sich auf den Weg zum Palast, wo sie ohne gesehen zu werden ankamen. Da dieser nicht verschlossen war, kamen sie ohne Schwierigkeiten hinein. Im Inneren war es so dunkel, dass sie nichts erkennen konnten, aber den Weg kannten sie noch vom letzten Besuch. Nach kurzer Zeit erreichten sie den Vorraum zu den Kerkern. Dort brannten mehrere Fackeln an den Wänden, was ihnen das weitere Vorhaben erleichterte. Zuerst lauschten sie, um festzustellen, ob sich die Kinder im Kerker befanden. Ein leises Stöhnen kam aus einer der Zellen auf der rechten Seite. Sven und Ben gingen zu dem Kerker, aus dem das Stöhnen kam. Ben öffnete die verschlossene Tür mittels Magie und sie traten ein. Sie sahen sich um und erschraken, als sie die Verletzungen auf den Rücken der Kinder sahen. Ihre Rücken waren blutverkrustet, auch die Kleider waren mit Blut befleckt. Sven kniete sich neben einen der verletzten Jungen und sah sich die Wunden genauer an.

   »Diese Schweine!«

   »Ja, die müssen ziemlich fest zugeschlagen haben«, stimmte Ben zu.

   Durch die Unterhaltung der beiden wurde Jaspa wach. Als er sich umdrehte, erschrak er, da Ben ihm direkt ins Gesicht sah.

   »Psst.«

   Wie kommt ihr hier rein?«

   »Wir holen euch hier raus. Seid ganz still, ich werde versuchen euch zu heilen.«

   Jaspa starrte Ben nur ungläubig an. Ben gab ihm daraufhin zu verstehen, dass er sich auf den Bauch legen sollte, was Jaspa auch tat. Ben begann die Wunden zu heilen.

   »Was ist passiert?«

   »Sie haben sich einen nach dem anderen geholt und nach euch ausgefragt. Da wir nichts wussten, haben sie uns geschlagen. Sieh bitte nach Hatus, ihn hat man besonders schlimm zugerichtet.«

   Jaspa zeigte dabei auf einen Jungen, der zusammengekrümmt in einer Ecke des Kerkers lag. Ben ging zu dem Jungen und sah sich die Wunden auf dessen Rücken an. Sie waren nicht viel schlimmer als die von Jaspa, somit konnte er sie auch leicht heilen. Danach versuchte er den Bauch von Hatus zu untersuchen, dies gelang ihm jedoch nicht, da der sich dagegen wehrte.

   »Jaspa, komm her und hilf mir.«

   Jaspa ging zu ihm und versuchte Hatus zu beruhigen. Alles Zureden half nichts, Hatus wehrte sich nur noch stärker. Daraufhin winkte Ben Sven zu, der zu ihm eilte. Gemeinsam konnten sie Hatus so festhalten, dass Ben ihn genauer untersuchen konnte. Der Bauch von Hatus war angespannt und blau. Ben legte seine Hand darauf und versuchte zu heilen. Aber, wie bereits bei Fatas, waren die Verletzungen sehr stark. Ben konnte die Wunde im Inneren nicht vollständig ausheilen. Zumindest hörte die Blutung auf, so dass Hatus eine Überlebenschance hatte.

   »Mehr kann ich im Moment nicht für ihn tun«, sagte Ben und stand auf.

   Sven und Jaspa ließen Hatus los, der sich langsam entspannte. Ben ging nacheinander zu den restlichen Verletzten und heilte deren Wunden. Danach war er so erschöpft, dass er anfing zu wanken. Seine eigene Verletzung und die Heilung hatten fast seine gesamte Kraft aufgebraucht. Er war auf dem Weg zur anderen Kerkertür um diese mittels Magie zu entriegeln. Ben schaffte es gerade noch die Tür zu öffnen, da verließen ihn die Kräfte und er brach zusammen. Die Kinder, die bereits auf die Kerkertür zu liefen, blieben erschrocken stehen. Da bemerkte Sven den Zusammenbruch von Ben und rannte zu ihm.

   »Kommt und helft mir.«

   Ängstlich kamen ein paar Kinder zur Kerkertür und öffneten diese. Gerade als sie Sven helfen wollten Ben hoch zu heben, hörten sie Stimmen und Schritte, die vom Eingang des Verlieses kamen. Die Stimmen kamen ihnen bekannt vor. Als sie erkannt wurden, ging ein Raunen durch die Gruppe. Hastig trugen sie Ben in die hinterste Ecke und stellten sich um ihn herum. Sven ging zurück zu den verletzten Kindern und versteckte sich dort. Gerade als sie die Kerkertüren geschlossen hatten, traten Wata und Alat in den Vorraum.

   »Sieh dir die an«, sagte Wata.

   »Sehen aus wie verscheuchte Hühner«, sagte Alat.

   Beide lachten und gingen zu dem Kerker auf der rechten Seite. Sie sahen hinein und stellten fest, dass die Kinder dort verletzt waren.

   »Die werden nicht mehr lange hier sein«, sagte Alat und grinste dabei.

   »Die sollte man besser gleich entsorgen«, meinte Wata herablassend.

   »Sollen wir die da noch ein bisschen bearbeiten?«, meine Alat und zeigte auf die Verletzten.

   »Oh ja, wir könnten auf ihnen herumspringen. Bewegen können die sich ja nicht mehr.«

   Wata ergriff die Kerkertür und zog daran.

   »Die ist ja offen!?«

   »Super, dann können wir gleich anfangen.«

   Beide traten in den Kerker und sahen sich um. Sven lag auf der rechten Seite, Wata und Alat hatten ihn nicht erkannt. Als beide mitten im Kerker standen, sprang Sven auf, schloss die Tür und versperrte den Weg hinaus. Beide fuhren herum und sahen Sven an.

   »Sieh dir den Affen an«, sagte Wata. »Der glaubt, er könnte uns damit Angst machen.«

   Alat ging langsam auf Sven zu. Während dessen standen die anderen Kinder auf.

   Als Alat Sven erreichte, sagte Wata ängstlich:

   »Alat.«

   »Was ist?«

   »Die sind alle wach.«

   Alat blickte sich um und erschrak. Langsam ging er zurück zu seinem Bruder. Die Kinder umkreisten die Beiden und näherten sich ihnen dabei. Gerade als sie anfangen wollten zu schreien, packten die Kinder Wata und Alat und hielten ihnen den Mund zu.

   »Fesselt und knebelt sie!«, sagte Sven im Befehlston.

   Sie zogen den Beiden Hemd und Hose aus und benutzen diese um sie zu fesseln und zu knebeln. Somit konnten Wata und Alat nicht mehr die Wachen rufen oder davonlaufen. Die Kinder aus dem anderen Kerker verließen diesen und stürmten zu den Königskindern. Gerade als sie sich auf sie stürzen wollten, rief Sven: »Lasst sie in Ruhe!«

   »Aber warum?«, fragte jemand.

   »Die können wir noch brauchen. Mit den beiden ...«

   Sven redete auf die Kinder ein und schaffte es, dass sie die Königskinder in Ruhe ließen.

   »Was ist mit Ben?«, fragte er am Schluss.

   »Er liegt dort drüben«, sagte einer der Jungen und zeigte in den anderen Kerker.

   Sven ging zu Ben, der immer noch bewusstlos war. Sven kniete sich neben ihn.

   »Ben«, sagte er und rüttelte ihn.

   Er rührte sich jedoch nicht.

   »Ben, wach auf.«

   Ben stöhnte und öffnete langsam die Augen.

   »Was ist passiert?«

   »Du hast dich verausgabt und bist ohnmächtig geworden.«

   »Was ist mit den anderen?«

   »Denen geht es gut. Wir haben die Königskinder gefangen genommen.«

   »Ihr habt was? Seid ihr verrückt?«

   »Wieso?«

   »Die Wachen werden sie bestimmt schon suchen. Wenn die hierher kommen, dann sind wir verloren.«

   »Mit den beiden als Geiseln sollten wir ungehindert fliehen können.«

   »Das glaube ich nicht. So verrückt, wie der König ist.«

   Beide berieten noch eine Weile, dann gingen sie zu den anderen Kindern. Alat und Wata saßen gefesselt am Boden, sie hatten große Angst.

   »Wir müssen hier raus, bevor die Wachen zurückkommen«, sagte Ben. »Wir nehmen die beiden mit.«

   Sie machten sich auf den Weg das Verlies zu verlassen. Hatus war in der Zwischenzeit aufgewacht und so weit genesen, dass er gehen konnte. Die Königskinder wehrten sich so heftig, dass die Gruppe sie jeweils zu zweit führen musste. Sie hatten Glück, die Wachen schienen nichts von all dem mitbekommen zu haben. Sie erreichten die Tür ins Freie ohne Probleme.

   Ben öffnete die Tür und sah nach, ob sich jemand in der Nähe befand. Er konnte niemanden entdecken und winkte den anderen zu. Nacheinander verließen sie den Palast und begaben sich auf den Weg zu Lisa und Garum. Als sie die große Hütte erreichten, gingen sie hinein, um eventuell benötigte Sachen zu holen. Jeder nahm sich eine Decke und eine Schüssel. Sven suchte und fand Bekleidung für Lisa und sich, die nicht so auffällig war, wie die, die sie anhatten. Seine zog er gleich an, die für Lisa band er zu einem Bündel und nahm es mit. Sie verließen die Hütte und gingen zu dem Busch, in dem sich Lisa und Garum versteckten. Dort angelangt entfernte Ben den Unsichtbarkeitsbann, den er die ganze Zeit über aufrechterhalten hatte. Ben ging zu Garum und sah nach ihm.

   »Er schläft«, sagte Lisa.

   Ben versuchte noch einmal, Garum aus seinem Schlaf zu holen, was ihm jedoch nicht gelang. Mit Hilfe von Sven holte Ben Garum aus dem Versteck. Danach gab Sven Lisa das Bündel. Sie ging in den Busch, um sich umzuziehen.

   »Wir müssen ihn tragen«, sagte Ben zu der Gruppe.

   Ein paar der Kinder hoben Garum auf und trugen ihn. Die gesamte Gruppe machte sich auf den Weg zur Tür in der Mauer, die in den Wald des Todes führte. Ben legte um alle einen Unsichtbarkeitsbann. Eine so große Gruppe unbemerkt zu führen war nicht einfach. Sie hatten die Tür fast erreicht, da bemerkte Ben einen Gegenzauber.

   »Da sind sie!«, rief jemand.

   Der Unsichtbarkeitsbann war gebrochen. Die Kinder fingen an so schnell zu laufen, wie sie nur konnten.

   »Schießt endlich, ihr Schwachköpfe!«, rief der König, der sich ebenfalls bei den Wachen befand.

   »Ihre Kinder sind unter ihnen, wir könnten sie verletzen«, wandte einer der Wachen ein.

   »Das ist mir egal. Schießt! Bringt sie alle um oder ich werde euch umbringen lassen!«, schrie der König voller Zorn.

   Während die Wachen zögerten, baute Ben erneut einen Schutzbann auf. Die Magier bemerkten dies nicht, so dass es ihm auch gelang.

   »Schießt endlich, oder ich lasse euch alle hängen!«, schrie der König.

   Die Wachen spannten ihre Bögen und schossen. Die Kinder liefen weiter zur Tür. Der erste, der sie erreichte, öffnete diese und ging hindurch. Die Pfeile prallten an dem Schutzbann ab, als bereits die Hälfte der Kinder hindurchgegangen waren.

   »Wofür lasse ich euch Idioten eigentlich noch am Leben? Entfernt den Schutzbann!«, schrie der König die Magier an.

   Die Magier machten sich daran dem Schutzbann entgegen zu wirken. Als er fiel, waren nur noch drei Kinder vor der Tür, unter ihnen befand sich auch Ben. Erneut spannten die Wachen ihre Bögen und ließen ihre Pfeile los. Die Drei schafften es durch die Tür. Als Ben diese schloss, hörte man, wie sich die Pfeile in die Holztür bohrten. Die Tür ging nach außen auf, somit konnten die Kinder diese mit einem Baumstamm so weit absichern, dass sie von innen nicht mehr geöffnet werden konnte.