Dreier´s Bücherwelt: Endlich Wochenende


   Nach etwa zwei Stunden hatte sich die Aufregung im Park gelegt. Die Wachen waren wieder in ihre Quartiere zurückgekehrt. Man hatte die Suche nach den Vieren aufgegeben.

   

   Die Kinder wurden während der Suche aus der Hütte und in das Verlies im Keller des Palastes geführt. Während die Wachen die Kinder dorthin brachten, hatten diese große Angst. Ein paar versuchten zu fliehen, jedoch ohne Erfolg. Die Wachen schossen auf die Fliehenden. Zwei wurden so schwer verletzt, dass sie starben, zwei weitere waren leichter verletzt. Einer hatte einen Pfeil in den linken Arm bekommen, der andere in die linke Schulter. Im Verlies kümmerten sich die übrigen um die beiden. Viel konnten sie allerdings nicht tun, da ihnen entsprechendes Verbandszeug fehlte. Sie entfernten die Pfeile und verbanden die Wunden mit dem, was sie anhatten.

   

   Zwei der Wachen kamen zurück und holten einen der Jungen, es war Hatus. Hatus hatte große Angst, er wehrte sich anfangs, ließ es dann aber doch zu, dass sie ihn abführten. Die Wachen führten ihn in einen großen, nur spärlich möblierten Raum. In der Mitte des Raumes stand ein Hocker, auf den er sich setzen sollte. Die Wachen platzierten sich links und rechts neben ihm. Hatus schaute sich ängstlich um. Wenige Minuten später trat der König durch eine Seitentür und setzte sich auf einen Stuhl, der in einiger Entfernung zu Hatus stand.

   »Für wen arbeiten das Mädchen und die drei Jungen, die abgehauen sind?«, fragte der König Hatus.

   Hatus starrte den König an, antwortete jedoch nicht. Daraufhin stießen die Wachen Hatus mit einem Stock in die Seite.

   »Das weiß ich nicht. Ich kenne die nicht«, sagte Hatus voller Angst.

   »Lüge mich nicht an!«, sagte der König und gab den Wachen ein Zeichen.

   Einer der Wachen hob seinen Stock und schlug Hatus mit all seiner Kraft damit auf den Rücken.

   »Aaaahhh!«

   Hatus standen vor Schmerzen die Tränen in den Augen. Nur mit Mühe konnte er sich auf dem Hocker halten. Ein dicker roter Streifen zeichnete sich auf seinem Hemdrücken ab.

   Mit zorniger Stimme fragte der König erneut: »Für wen arbeiten die Vier?«

   »Ich weiß es nicht, wirklich«, sagte Hatus mit schmerzverzerrter Stimme und Tränen in den Augen.

   Wieder schlug einer der Wachmänner zu. Diesmal konnte sich Hatus nicht mehr halten, er fiel vom Hocker und blieb wimmernd auf dem Boden liegen. Die Wachen zogen ihn wieder auf den Hocker, dabei gingen sie so grob vor, dass sie beinahe seine Arme brachen. Hatus hatte so große Schmerzen, dass er kaum noch Luft bekam.

   »Ein letztes mal, für wen arbeiten die Vier?«, kam es wieder aus der Richtung, in der der König saß.

   Hatus konnte ihn nicht mehr sehen. Die Tränen in seinen Augen verschleierten seinen Blick.

   »Ich … weiß … nicht«, bekam Hatus gebrochen heraus.

   Einer der Wachmänner schlug wieder zu. Hatus spürte noch einen Schmerz, als würde jemand sein Rückgrat herausreißen, dann fiel er ohnmächtig vom Hocker. Voller Zorn stand der König auf und ging zu ihm. Mit dem Fuß drehte er ihn auf den Rücken, um ihm in das Gesicht sehen zu können. Als er sah, dass Hatus bewusstlos war, trat er ihm mit aller Kraft in die Seite. Hatus zuckte nur kurz zusammen, merkte aber von dem Tritt nichts, seine Ohnmacht war zu tief.

   »Verdammte Bastarde. Schafft ihn weg und bringt mir einen anderen!«, schrie der König die Wachen an.

   Die Wachen ergriffen Hatus Arme und schleiften ihn zurück in den Kerker. Dort legten sie ihn in eine freie Zelle und schlossen diese ab. Neugierig drängten sich die anderen Kinder an das Zellengitter und sahen zu Hatus.

   »Was habt ihr mit ihm gemacht?«, wagte jemand aus der Gruppe zu fragen.

   Doch Wachen gingen wortlos zu den Kindern, die daraufhin zurückwichen. Einer der Wachen öffnete die Kerkertür, ging zu den zurückweichenden Kindern und griff sich den ersten, den er zu fassen bekam. Es war Jaspa. Er versuchte sich loszureißen, dabei halfen ihm die anderen Kinder. Der Wachmann aber hob seinen Stock und schlug wahllos auf die Kinder ein, woraufhin sie Jaspa losließen. Der Wachmann zerrte Jaspa aus dem Kerker. Kurz darauf schloss der andere Wachmann die Kerkertür. Die Kinder im Kerker sahen noch, dass sich Jaspa heftig wehrte, als einer der Wachmänner auf ihn einschlug. Kurz darauf bogen sie um die Ecke und waren somit außer Sicht. Die Kinder sahen noch eine Zeit lang in den Gang, in dem die Wachen und Jaspa verschwanden. 

   Nach etwa dreißig Minuten kehrten die Wachen mit Jaspa zurück. Jaspa schien bewusstlos zu sein, da die Wachen ihn, wie vorher Hatus, hinter sich herzogen. Sie warfen ihn zu Hatus in die Zelle und holten sich ein weiteres Kind. So erging es insgesamt sechs Kindern. Alle waren bewusstlos, als man sie zurückbrachte. Dabei achteten die Wachen nicht darauf, wo die Kinder landeten, sie warfen sie einfach wie alte Lappen übereinander. Als die Wachen den letzten in die Zelle geworfen hatten und ohne ein anderes Kind mitzunehmen gegangen sind, ging ein Aufatmen durch die Gruppe. Sie drängten sich an das Kerkergitter, um besser in die andere Zelle sehen zu können. Sie riefen nach ihren Kameraden, aber in dem anderen Kerker rührte sich nichts. Erst nach mehreren Stunden wurde Hatus wach, er krümmte sich vor Schmerzen und stöhnte. Ihm tat der Rücken und Bauch so weh, dass er kaum Luft holen konnte, ohne die Schmerzen zu verstärken. Einige Zeit später kam auch Jaspa zu sich, seine Verletzungen schienen nicht ganz so schwer zu sein wie die von Hatus. Die Kinder sahen, wie Jaspa sich bewegte, und riefen ihm zu: »Geht es euch gut? Was haben die gewollt?«

   Jaspa nickte nur kurz der Gruppe zu und ging zu Hatus.

   »Hatus! Kannst du mich hören!?«

   Hatus antwortete nicht, seine Schmerzen waren zu groß. Er krümmte sich so stark, dass sein Kopf seine Knie berührte. Jaspa konnte ihm im Moment nicht helfen, er ging zu dem Haufen Kinder und legte sie auseinander. Alle hatten rote Streifen auf ihren Rücken, waren aber am Leben. Als Jaspa alle auseinander gelegt hatte, ging er zur Kerkertür und rief den anderen zu: »Sie leben alle noch, sind aber schwer verletzt.«

   »Was ist mit dir?«, fragte jemand.

   »Mir geht es einigermaßen.«

   »Kannst du ihnen helfen?«

   »Ich werde es versuchen«, sagte Jaspa und wendete sich wieder seinen verletzten Kameraden zu.

   Jaspa zog allen Hemde aus und versorgte die Wunden, so gut er konnte. Nach einiger Zeit wurde einer nach dem anderen wach. Ihre Wunden bluteten nicht mehr, waren aber immer noch empfindlich und taten weh. Einer der Jungen, denen Jaspa geholfen hatte, kam zu ihm und bat ihm seine Hilfe an. Er half ihm das Hemd auszuziehen, wobei sich die gebildete Kruste von der Wunde ablöste und diese wieder anfing zu bluten. Danach reinigte er die Wunde, so gut es ging, und legte einen Verband an, den er aus dem Hemd gefertigt hatte. Jaspa spürte jedoch davon nichts. Eine frühere Verletzung hatte die Nerven an seinem Rücken zum größten Teil zerstört. Alle halfen sich gegenseitig die Wunden weiter zu versorgen, nur Hatus war hierzu nicht in der Lage. Seine Verletzungen waren zu schwer. Spät am Abend kamen die Wachen wieder, diesmal holten sie keine Kinder, sie brachten etwas zum Essen und Trinken.

   »Wir brauchen einen Arzt«, sagte Jaspa zu den Wachen.

   Die Wachen aber beachteten Jaspa nicht, sie stellten die Vorräte in die Kerker und gingen wieder. Die Kinder hatten seit dem Morgen nichts mehr gegessen. Ihr Hunger war so groß, dass sie über die Vorräte herfielen. Nachdem sie sich gesättigt hatten, legten sie sich hin und schliefen vor Erschöpfung ein. Die verwundeten Kinder versuchten ebenfalls zu schlafen, aber es kam immer wieder vor, dass einer von ihnen sich im Schlaf auf den Rücken drehte und dann von den Schmerzen wach wurde.