Dreier´s Bücherwelt: Endlich Wochenende


   Es war Donnerstag, als der Arzt ihre Entlassung bekannt gab. Am frühen Nachmittag kamen Lisas Vater und Svens Mutter, um sie abzuholen. Kaum war Sven wieder zu Hause, da versuchte er, sich in den Keller zu schleichen.

   »Wo willst du hin?«, fragte seine Mutter.

   »Ich will Lisa besuchen.«

   »Ihr habt euch doch erst vor einer Stunde voneinander verabschiedet. Der Arzt sagte, du sollst dich noch ausruhen, also, ab ins Bett mit dir.«

   Mit gesenktem Kopf ging Sven in sein Zimmer, das er mit seinem Bruder teilte. Kurze Zeit später kam dieser von der Schule nach Hause und begann Sven zu ärgern.

   »Das fängt ja gut an«, dachte Sven.

   »Gehört das dir?«, fragte Rolf und wedelte mit einem Dolch vor Svens Gesicht.

   »Gib den her, das ist meiner!«, rief Sven und versuchte den Dolch zu erhaschen.

   Nach langem Hin und Her schaffte er es, seinem Bruder den Dolch abzujagen. Als Rolf ihn endlich in Ruhe ließ, sah er sich den Dolch genauer an. Er sah aus wie ein ganz gewöhnlicher Dolch. Sven konnte nichts Außergewöhnliches entdecken. Er legte sich hin, dachte an Ben und überlegte, wie er ihm helfen könnte.

   Nach dem Abendessen ging Sven ins Bett und versuchte zu schlafen. Er wollte ausgeschlafen sein, wenn er am frühen Morgen einen Weg zu Ben suchen ging.

   

   Sven schlief so unruhig, dass er mitten in der Nacht aufwachte. Er nahm seine Taschenlampe und schlich sich damit in den Keller. Zuerst schaute er sich auf der Kellertreppe um. Er hoffte einen Hinweis darauf zu finden, warum er die Treppe hinunter gefallen war, fand aber nichts. Nachdem er seine Neugierde befriedigt hatte, wendete er sich dem linken Gang zu. Am Ende angelangt suchte er die Wände nach dem Stern und dem Kreis ab. So intensiv er auch suchte, er fand sie nicht. Enttäuscht ließ er den Kopf hängen und machte sich auf den Rückweg.

   »Dann war das doch nur ein Traum.«

   In seinem Zimmer angekommen, versteckte er den Dolch und legte sich wieder ins Bett.

   

   Am nächsten Morgen wurde Sven erst spät wach, seine Familie hatte bereits gefrühstückt. Nachdem Sven sein Frühstück beendet hatte, ging er zur Haustür.

   »Wo willst du hin?«, fragte seine Mutter.

   »Zu Lisa, ich muss sie noch was fragen.«

   »Komm aber nicht zu spät. Wir essen um eins.«

   Sven machte sich auf den Weg zu Lisa, die im Nachbarhaus wohnte. An der Wohnungstür angelangt klingelte er. Nach kurzer Zeit öffnete ihr Vater.

   »Hallo Sven, Lisa ist nicht da.«

   »Wo ist sie denn?«

   »Sie ist bei ihrer Tante und kommt erst heute Nachmittag zurück.«

   »Dann komm ich später wieder. Tschüss.«

   Sven ging wieder nach Hause.

   

   Am Nachmittag wollte er wieder zu Lisa, als es an der Tür klingelte. Sven ging hin und öffnete.

   »Hallo Lisa, ich wollte gerade zu dir.«

   »Hallo Sven, darf ich reinkommen?«

   »Ich glaube, das ist nicht so gut, mein Bruder ist ..., du weißt schon. Warte, ich hole noch etwas, dann gehen wir nach unten.«

   Sven holte den Dolch aus seinem Zimmer und ging mit Lisa nach unten. Auf der Treppe blieb er plötzlich stehen.

   »Ich hab meinen Dolch gefunden, hier.«

   Beide standen mitten auf der Treppe, als Sven ihr den Dolch gab. Lisa nahm ihn und strich mit den Fingern über die Klinge.

   »Sieht schön aus«, sagte Lisa. »Was sind das für Zeichen auf der Klinge?«

   »Welche Zeichen? Ich hab keine gesehen.«

   »Hier sieh doch.«

   Sven nahm den Dolch wieder an sich und betrachtete die Klinge genauer. Es befand sich tatsächlich etwas darauf. Was es war, konnte er allerdings nicht erkennen, dazu waren die Symbole zu klein.

   »Die Zeichen sind so klein, dass ich sie nicht richtig erkennen kann.«

   »Lass uns zu mir gehen, ich hab eine Lupe.«

   Sie gingen weiter die Treppe nach unten. An der Eingangstür angelangt meinte Sven: »Ich habe noch einmal nachgesehen, konnte aber die Geheimtür, durch die ich gegangen bin, nicht mehr finden. Der Stern und der Kreis waren auch nicht mehr da.«

   »Lass uns gleich nachsehen, ob mein Eingang noch da ist.«

   Sie liefen zum Nachbarhaus, in dem Lisa wohnte. Dort gingen sie in den Keller. Lisa führte Sven zu der Stelle, wo sich der geheime Mechanismus befinden musste. Lisa und Sven suchten die Wand nach dem losen Stein ab, konnten ihn aber nicht finden. Nach einer Weile gaben sie die Suche auf und gingen in Lisas Wohnung.

   »Vielleicht bringen uns ja die Zeichen auf dem Dolch weiter«, sagte Sven, um Lisa etwas aufzumuntern.

   Lisa nahm ihre Lupe aus einer der Schubladen ihres Schreibtisches und gab sie Sven. Mit der Lupe untersuchte er die Klinge des Dolchs.

   »Lisa, schau mal. Hast du so was schon einmal gesehen?«

   Sven wollte Lisa den Dolch und die Lupe geben, als er plötzlich mitten in der Bewegung anhielt. Verlegen ließ er die Arme sinken.

   »Entschuldigung.«

   »Schon gut.«

   Lisa ergriff Svens Arm und tastete sich zum Dolch, nahm ihn und untersuchte die Klinge mit ihren Fingern.

   »Nein, so was hab ich noch nie gesehen«, meinte sie schließlich und schüttelte dabei den Kopf.

   »Hast du noch eine stärkere Lupe, dann könnte ich die Zeichen eventuell noch besser sehen?«

   »Ja, mein Vater hat noch ein Mikroskop. Vielleicht dürfen wir es benutzen.«

   Lisa verließ das Zimmer und ging zu ihrem Vater, um ihn um das Mikroskop zu bitten. Er überließ ihr es, mit der Bitte darauf aufzupassen. Lisa nahm es und ging zurück in ihr Zimmer. Dort angekommen gab sie Sven das Mikroskop, der den Dolch unter die Linse legte. Es dauerte einige Zeit, bis er die richtige Einstellung gefunden hatte und die Zeichen erkennen konnte.

   »Das ist prima. Jetzt kann ich die Zeichen richtig sehen.«

   »Kannst du sie abzeichnen?«

   »Ja, hast du Papier und Bleistift?«

   »Warte einen Augenblick, ich hol welches.«

   Lisa holte einen Block und ein paar Bleistifte aus einer Schublade und gab sie Sven.

   »Vielleicht kann mein Vater etwas damit anfangen.«

   »Wie kommst du darauf?«

   »Er ist Archäologe und kennt einige alte Sprachen und Symbole.«

   Sven zeichnete alle Symbole ab, die er auf dem Dolch fand. Es dauerte einige Zeit, da sich die Symbole auf beiden Seiten der Klinge befanden. Am Schluss hatte Sven zwölf Symbole gezeichnet. Lisa und Sven nahmen die Zeichnungen und gingen damit zu Lisas Vater, der sich diese lange ansah.

   »Wo habt ihr diese Symbole her?«

   Lisa und Sven sahen sich an und überlegten, was sie sagen sollten.

   »Die haben wir uns ausgedacht«, gab Lisa als Erklärung.

   »Ach so, ausgedacht«, meinte ihr Vater misstrauisch.

   »Wisst ihr, das sind sehr alte Symbole. Man hat solche vor etwa dreihundert Jahren zur Ausführung von Ritualen benutzt. Sie sollten dem Träger nach der Zeremonie Stärke und Weisheit verleihen. Ich habe da noch ein Buch, das ich euch geben kann.«

   Er stand auf, holte ein Buch aus dem Regal und gab es Sven.

   »Hier, darin werdet ihr sicherlich auch einige eurer Symbole finden.«

   

   Sie gingen zurück in Lisas Zimmer und setzten sich auf ihr Bett. Sven schlug das Buch auf und suchte darin die Symbole, die er gezeichnet hatte. Immer, wenn er eines davon gefunden hatte, legte er die Zeichnung dazu. Als er das Buch durchgesehen hatte, waren nur noch drei der zwölf Zeichnungen übrig, diese hatte er nicht im Buch gefunden. Er legte die übrig gebliebenen Zeichnungen beiseite und schlug die Beschreibung des ersten Symbols, das er gefunden hatte, im Buch auf.

   »Dieses Symbol wurde verwendet, um Gefahren abzuwenden. Es handelt sich ...«

   Sven las die Beschreibungen aller neun gefundenen Symbole und notierte sich dabei einige Stichpunkte. Lisa hörte aufmerksam zu. Als Sven nicht mehr weiter las, meinte Lisa: »Ich wüsste nicht, wie uns das weiter helfen könnte.«

   »Ich auch nicht, aber uns fehlen ja noch drei der Symbole.«

   Sven betrachtete noch einmal die Symbole und las dabei die angefertigten Stichpunkte laut vor. Lisa und Sven versuchten, das Geheimnis der Symbole zu entschlüsseln, kamen jedoch zu keinem Ergebnis.

   »Hast du noch die Karte im Kopf?«

   »Welche Karte meinst du?«

   »Die Karte des Königs, die mit den Türen?«

   »Ich denke ja. Ich kann versuchen, sie zu zeichnen.«

   Sven setzte sich an Lisas Schreibtisch, nahm ein Blatt Papier und fing an die Karte zu zeichnen. Er benutzte Kreise an Stelle der Symbole, so wie er es auch im Kerker getan hatte. Als er damit fertig war, nahm er die Karte hoch und schaute sie sich genauer an.

   »Das gibt es doch nicht!«

   »Was ist los?«, fragte Lisa.

   »Es sind zwölf.«

   »Zwölf was?«

   »Zwölf Türen, genau so viele Symbole sind auch auf dem Dolch.«

   »Kannst du dich noch daran erinnern, welche Symbole sich wo auf der Karte befanden?«

   »Ich kann es versuchen, aber die Symbole sind sehr komplex und ähneln sich teilweise.«

   Sven versuchte die Symbole den Kreisen zuzuordnen, was aber schwieriger war als er zu Anfang glaubte. Obwohl er ein fotografisches Gedächtnis besaß, konnte er sich doch nur an die Lage der Kreise und nicht deren Inhalt erinnern. Immer, wenn er glaubte, ein Symbol richtig zugeordnet zu haben, nahm er es wieder weg. Nach einiger Zeit gab er resigniert auf.

   »Lisa, ich glaube nicht, dass ich es schaffe.«

   »Es ist schon spät, versuchen wir es morgen noch einmal.«

   Sven nahm Karte, Symbole und Dolch und ging mit Lisa zur Wohnungstür, wo er sich von ihr verabschiedete. Er ging nach Hause, versteckte seine Sachen und legte sich hin. Er versuchte noch einmal sich die Karte des Königs in sein Gedächtnis zurück zurufen, aber er war so müde, dass es ihm nicht gelang. Noch während er an die Karte dachte, fielen ihm die Augen zu.

   

   Sven befand sich zuerst im Palastgarten, dann in der Hütte bei den Kindern, die sehr traurig aussahen, und plötzlich im Hinterzimmer des Königs, in dem sich die Karte befand. Er betrachtete die Karte und stellte dabei fest, dass die Symbole sehr deutlich zu sehen waren. Schnell versuchte er sich die Symbole einzuprägen, dabei verglich er diese in Gedanken immer wieder mit denen, die er gezeichnet hatte. Gerade als er sich das zwölfte Symbol einprägte, sah er ein Dreizehntes, das nicht vorhanden war, als er beim letzten Mal die Karte gesehen hatte. Auch dieses Symbol prägte er sich genau ein. Vielleicht konnte es später noch von Nutzen sein. Plötzlich standen mehrere Wachen in dem Raum und schrien etwas, das er nicht verstehen konnte. Ängstlich sah er sich um und suchte einen Fluchtweg. Eine Tür am anderen Ende des Raumes stand offen und war unbewacht. Den Wachen ausweichend rannte er darauf zu, doch die Tür wollte nicht näher kommen. Sven rannte so schnell er konnte, die Wachen waren ihm immer noch auf den Fersen, als er die Tür erreichte und hindurchging. Er rannte jetzt durch den dahinter liegenden Gang, der kein Ende nehmen wollte. So schnell Sven auch rannte, die Wachen kamen immer näher. Als Sven zurückblickte, sah er noch, wie einer der Wachen seinen Speer auf ihn zu schleuderte, danach spürte er den Schmerz der eindringenden Speerspitze.

   »Aaaah!«

   

   Sven fuhr mit einem Aufschrei hoch und schaute sich verängstigt um. Sein Atem ging so schwer, als wäre er tatsächlich gerannt. Es dauerte einige Zeit, bis er registrierte, dass er sich in seinem Zimmer im Bett befand. Mit einem erleichterten Seufzer ließ er sich wieder zurückfallen. Erst jetzt merkte er, dass sein Schlafanzug Schweiß nass an seinem Körper klebte. Er hatte das Gefühl, als wäre der Traum kein Traum gewesen. Schwerfällig setzte er sich auf den Rand des Bettes und schaute zu seinem Bruder im Nachbarbett. Er hatte von all dem nichts mitbekommen und schlief noch. Sven stand auf und ging zu seinem Schreibtisch, um die im Traum gesehenen Symbole der Karte zuzuordnen und das neue einzuzeichnen. Vom dreizehnten Symbol fertigte er eine detaillierte Zeichnung an, sah sich das Symbol genauer an, ohne etwas Sinnvolles zu erkennen, und legte sie zu den anderen. Danach markierte er auf der Karte die Symbole, durch die Lisa und er gegangen waren. Als er genauer hinsah, bemerkte er, dass es genau die drei Symbole waren, die sie nicht im Buch finden konnten.

   »Ob es da einen Zusammenhang gibt? Heute ist Samstag, da muss ich nicht in die Schule. Dann kann ich zu Lisa gehen und ihr die Neuigkeiten erzählen.«

   

   Sven wollte gerade aufstehen, als ein Kissen in seinem Nacken landete. Sein Bruder war wach. Es entstand eine ausgelassene Kissenschlacht, bis ihre Mutter sie zum Frühstück rief. Während des Frühstücks besprachen sie, was sie am Wochenende unternehmen wollten. Sven überlegte gerade, wie er sich zu Lisa schleichen könnte, als seine Mutter ihn ansprach.

   »Sven, du hast einiges in der Schule versäumt. Dein Klassenlehrer hat dir den Stoff gebracht, den du durchlesen sollst. Er ist in der ersten Schublade von deinem Schreibtisch.«

   Sven sah mit offenem Mund zu seiner Mutter: »Aber ...«

   »Du hast ja den ganzen Samstag und Sonntag dafür Zeit«, sagte seine Mutter mit einem Lächeln.

   »Mist, jetzt kann ich nicht zu Lisa«, sagte Sven so leise vor sich hin, dass es niemand mitbekam.

   

   Nachdem Sven mit dem Frühstück fertig war, stand er auf und ging mit hängendem Kopf in sein Zimmer. Dort angekommen setzte er sich an seinen Schreibtisch, nahm die Unterlagen aus der Schublade und sah sie sich an.

   »Das schaffe ich nie bis Montag. Vielleicht reicht es ja auch, wenn ich es einmal durchlese«, dachte Sven und fing gelangweilt an die Unterlagen durchzugehen.

   Er hatte noch nicht einmal das erste Thema durchgelesen, da legte er diese bereits wieder beiseite. Ihm spukte immer wieder die Karte im Kopf herum. Geistesabwesend nahm er sie aus der Schublade und legte sie vor sich auf den Schreibtisch. Er war so sehr in die Karte vertieft, dass er nicht bemerkte, dass seine Mutter in das Zimmer kam.

   »Du sollst doch lernen.«

   Sven zuckte erschrocken zusammen.

   »Tue ich doch«, sagte er verlegen.

   Hastig versuchte er die Karte zu verstecken, aber seine Mutter war schon am Schreibtisch und nahm sie ihm ab.

   »Was ist das?«

   »Das ist eine Karte. Die hab ich … für den Geschichtsunterricht gemacht.«

   Seine Mutter schaute ihn misstrauisch von der Seite an.

   »In Ordnung. Dann lerne mal schön weiter. Lisa hat angerufen, du sollst heute Nachmittag zu ihr kommen. Aber erst wenn du deine Hausaufgaben gemacht hast.«

   Sven strahlte bei den Worten seiner Mutter erfreut.

   »OK«, sagte er, nahm die Unterlagen seines Lehrers aus der Schublade und begann wieder zu lernen.

   Seine Mutter verließ das Zimmer und schloss die Tür. Sven war allein. Er legte die Unterlagen beiseite und holte die Karte wieder hervor.

   »Für drei Symbole haben wir keine Beschreibung. Die Verbindungen untereinander ergeben keinen Sinn. Was ist mit dem neuen Symbol? Ob wir dadurch zu Ben gelangen? ...«

   Sven grübelte bis Mittag über der Karte, ging schnell zum Essen und studierte dann weiter die Karte. Am späten Nachmittag war er immer noch keinen Schritt weiter. Er ging zu seiner Mutter und sagte, er sei mit dem Lernen fertig und wolle jetzt zu Lisa gehen. Sie hatte nichts dagegen, worauf Sven zu Lisa eilte. Aufgeregt klingelte er an ihrer Wohnungstür, doch es öffnete niemand. Nach kurzer Zeit klingelte er noch einmal und horchte dann an der Tür. Leise Schritte waren zu hören, dann wurde die Tür geöffnet und Lisa stand vor ihm.

   »Ich bin es, Sven.«

   »Komm rein. Ich bin alleine.«

   Gemeinsam gingen sie in Lisas Zimmer und setzten sich auf den Boden. Sven breitete die Karte aus und berichtete Lisa von der Entdeckung des neuen Symbols. Lisa holte das Buch, in dem sie die anderen neun Symbole gefunden hatten, und gab es Sven. Der durchsuchte das Buch nach dem neuen Symbol, konnte es jedoch nicht finden.

   »Das muss etwas zu bedeuten haben. Vielleicht markiert dies eine Tür, durch die wir wieder zurück können.«

   »Da könntest du recht haben, aber wo sollen wir diese Tür suchen?«

   »Mal sehen. Dort bist du durch die Tür, ich bin hier durch. Das neue Symbol ist hier«, sagte Sven und zeigte dabei auf die Kreise. »Hast du einen Stadtplan?«

   »Ja, warte, ich hole ihn.«

   Nach kurzer Zeit kehrte Lisa mit einem Stadtplan zurück und gab ihn Sven. Der entfaltete den Stadtplan auf dem Boden und legte seine gemalte Karte darüber. Dabei versuchte er die Kreise, durch die Lisa und er gegangen sind, auf die Stellen zu legen, wo sich die Geheimtüren befanden. Seine Karte war allerdings etwas ungenau, weshalb es ihm nicht so richtig gelang. Als er mit dem Ergebnis zufrieden war, stach er mit einem Bleistift jeweils durch das Zentrum der Kreise und markierte damit deren Lage auf dem Stadtplan. Danach entfernte er seine gezeichnete Karte und verstärkte die Markierungen auf dem Stadtplan, indem er um die entstandenen Einstiche mit dem Bleistift einen Kreis malte. Als er damit fertig war, sah er sich die Karte genauer an. Das neue Symbol lag mitten in der Stadt auf dem Marktplatz. Als Sven Lisa dies sagte, schüttelten beide ungläubig den Kopf.

   »Das wird uns nicht weiterhelfen. Dort ist bestimmt keine Geheimtür«, meinte Lisa.

   »Vielleicht doch. Auf dem Marktplatz steht ein alter Brunnen, der eine kleine Tür im Sockel hat. Ich habe einmal gesehen, wie da einer von der Stadt hinein gegangen ist.«

   »Die wird bestimmt verschlossen sein.«

   »Das denke ich auch. Eventuell bekommen wir aber das Schloss auf.«

   »Du willst dort einbrechen?«

   »Wie sollen wir sonst zu der Geheimtür kommen?«

   »Das wird bestimmt nicht einfach. Da müssen wir aber warten, bis es dunkel wird.«

   Sven überlegte einen kurzen Moment.

   »OK. Heute Abend werden wir es versuchen.«

   »Wann holst du mich ab?«

   »Gegen zweiundzwanzig Uhr, ja?«

   »OK, aber nicht klingeln. Ich werde draußen auf dich warten.«

   Sven verabschiedete sich von Lisa und ging beschwingt nach Hause. Nach dem Abendessen ging er zur Überraschung seiner Eltern in sein Zimmer. Dort angekommen suchte er schnell ein paar Dinge zusammen, die er benötigen könnte, und verstaute diese in seinem Rucksack, den er unter dem Bett versteckte. Um nicht zu verschlafen, stellte er seinen Wecker auf einundzwanzig Uhr dreißig und legte sich hin. Nur langsam stellte sich der Schlaf ein. Als er schließlich schlief, träumte er wieder von seinen Abenteuern in dem fremden Land. Kurz bevor der Wecker klingelte, hörte er eine weit entfernte Stimme.

   »Sven, komm und hilf mir!«

   Sein Schaf wurde noch unruhiger, er wälzte sich hin und her, strampelte mit den Beinen und gab stöhnende Laute von sich.

   »Sven, komm und hilf mir!«

   Plötzlich erkannte er die Stimme: Es war Ben.

   »Ben!«, rief er und schreckte dabei aus dem Schlaf auf.

   Sein Bruder wurde davon wach und warf mit Protest sein Kissen nach ihm, schlief dann aber wieder ein. Sven war schweißgebadet und atmete schwer.

   »Was war das?«

   In dem Moment gab sein Wecker den ersten Ton von sich. Er griff nach ihm und schaltete ihn aus, sein Bruder hatte davon nichts mitbekommen. Sven stand auf, zog sich an, nahm seinen Rucksack und schlich sich so leise als möglich aus der Wohnung. Auf dem kürzesten Weg ging er zu Lisas Haus, wo diese schon auf ihn wartete.

   »Hallo Lisa.«

   »Hallo Sven.«

   »Stell dir vor, ich hab im Traum Ben nach mir rufen gehört. Er scheint Hilfe zu brauchen.«

   »Dann müssen wir uns beeilen. Hoffentlich finden wir die Geheimtür.«

   Sven nahm Lisa an der Hand und führte sie die Straße zur Innenstadt entlang. Da Lisa wegen ihrer Blindheit nicht so schnell laufen konnte, benötigten sie fast eine drei viertel Stunde, bis sie den Brunnen auf dem Marktplatz erreicht hatten. Es waren nur sehr wenige Leute unterwegs, was es ihnen erleichterte ungesehen zu bleiben.

   Der Brunnen bestand aus einem großen Wasserbecken, in dessen Mitte eine hohe Säule mit drei unterschiedlich großen runden Terrassen stand, über die sich das Wasser ergoss. Sie mussten fast ganz um den Brunnen herumgehen, um die Tür zu finden. Sven holte seine Taschenlampe aus dem Rucksack und untersuchte die Tür und das Schloss.

   »Das Schloss sieht nicht besonders sicher aus. Das bekomme ich bestimmt auf.«

   Er nahm einen Draht aus dem Rucksack und bog ihn zurecht, um damit das Schloss zu öffnen. Dann steckte er den Draht in das Schlüsselloch und drückte gleichzeitig die Klinke herunter. Die Tür sprang auf.

   »Die war gar nicht abgeschlossen!«

   Sven verstaute den Draht im Rucksack, nahm Lisa an der Hand und führte sie durch die Tür. Dahinter befand sich eine Treppe, die nach unten führte. Sven schloss die Tür und ging mit Lisa nach unten. Am Ende der Treppe angelangt blieben sie stehen. Sven sah sich um.

   »Kannst du schon etwas erkennen?«, fragte Lisa.

   »Nein, noch nicht richtig, aber dort drüben ist, glaube ich, ein Tunnel.«

   Sven ging mit Lisa an der Hand zu dem Tunnel. Er war nicht besonders tief, nach etwa fünfzig Schritten waren sie am Ende angelangt. Beide untersuchten die Wände nach Zeichen und versteckten Mechanismen.

   »Sven, schau mal da.«

   Sven ging zu ihr und betrachtete die Stelle, die Lisa ihm zeigte. Um besser sehen zu können, richtete er seine Taschenlampe darauf. Auf einem der Steine war ein Zeichen, das Sven bereits kannte.

   »Das ist das Symbol, das ich im Traum gesehen habe.«

   »Was machen wir jetzt?«

   »Wir müssen weiter suchen. Vielleicht finden wir auch den Mechanismus zum Öffnen der Geheimtür.«

   Beide suchten weiter die Wände ab. Hier und da glaubten sie den Mechanismus gefunden zu haben, aber sie hatten sich immer wieder geirrt.