Dreier´s Bücherwelt: Endlich Wochenende


   Es war eine unruhige Nacht. Sven und Ben hatten vor Aufregung kaum Schlaf gefunden. Als der Morgen anbrach, kamen die Wachen in das Zelt und brüllten:

   »Raus aus den Betten!«

   Sie zogen den Kindern die Decken weg und gaben ihnen zu verstehen, dass sie sich am Eingang des Zeltes aufstellen sollten.

   Schlaftrunken standen sie auf und reihten sich vor dem Zelt auf. Als der Letzte aufgestanden war, wurden sie zu einem Brunnen geführt, vor dem mit Wasser gefüllte Steintröge standen. Sie mussten sich dort all ihrer Kleider entledigen und waschen. Sven und Ben versteckten ungesehen ihre Waffen an einem der Tröge. Während die Kinder sich wuschen, wurden ihre Kleider eingesammelt und verbrannt. Kurze Zeit später wurden sie in ein kleines Zelt geführt, wo sie neue Kleider erhielten. Nachdem alle neu eingekleidet waren, wurden sie, vorbei an den Steintrögen, zum Haupteingang des Palastes geführt. Ben konnte währenddessen sein Messer und den Dolch von Sven unbemerkt holen. Am Tor angelangt, rief einer der Wachen etwas, was sie nicht verstehen konnten. Kurz darauf wurde das Tor geöffnet.

   

   Ängstlich folgte die Gruppe Kinder den Wachen durch das Tor. Als sie die ersten Ausläufer des Parks sahen, vergaßen sie vor lauter Staunen ihre Angst. Der Park, den sie kurz darauf betraten, war von unbeschreiblicher Schönheit. Die Wege waren mit schneeweißem Kies bestreut und von niedrigen Hecken eingerahmt. Sie schlängelten sich durch den gesamten Park bis zum Palast. Einige der Sträucher neben den Wegen waren zu kunstvollen Figuren geformt. Die Bäume bildeten auf den weiten Rasenflächen Wäldchen, die von riesigen Beeten mit unbekannten Blumen, die in den schönsten Farben des Regenbogens leuchteten, unterbrochen wurden. An einigen Bäumen hingen Früchte, die so groß wie der Kopf eines Kleinkindes waren. In der Luft war ein unbeschreiblicher Wohlgeruch nach Blumen und Früchten aller Art.

    

   Die Wachen führten die Kinder in den hinteren Teil des Parks, wo sich zwei Hütten unterschiedlicher Größe befanden. Sie wurden in die größere der beiden geführt, die aus nur einem Raum bestand. An der hintersten Wand lagen Stapel von Decken und kleinen Schüsseln, sonst war der Raum leer.

   »Hier werdet ihr euch aufhalten, bis ihr gerufen werdet«, sagte einer der Wächter.

   »Wo sind die anderen?«, fragte jemand.

   »Die meisten sind schon nach Hause. Die anderen werden gleich hier sein«, sagte der Wächter grinsend.

   »Ihr dürft die Hütte nur verlassen, wenn man es euch erlaubt. Den Rest werden euch die anderen Kinder erklären.«

   Die Wächter verließen die Hütte und ließen die Kinder allein. Diese schauten sich verängstigt um, als plötzlich eine kleine Gruppe Kinder die Hütte betrat. Es waren drei Jungen und ein Mädchen. Einer der Jungen forderte die wartenden Kinder auf, sich auf den Boden zu setzen und ruhig zu sein. Als alle saßen und Ruhe eingekehrt war, fing der Junge an zu reden.

   »Hallo, ich bin Garum, das sind Fahra, Naro und Lisa. Ich werde euch sagen, wie ihr euch hier verhalten müsst, damit ihr nicht in Schwierigkeiten kommt.«

   Ben sah zu dem Mädchen, als er dessen Namen hörte. Als Garum anfing zu erzählen, hörten alle zu.

   Sie sollten sich so lange in der Hütte aufhalten, bis sie von den Wachen geholt und zu den Königskindern gebracht wurden. Danach würden sie wieder zurückgebracht werden. Sie durften die Hütte nur verlassen, wenn sie sich waschen, ihre Notdurft verrichten, das sie in der angrenzenden kleineren Hütte tun konnten, oder von den Wachen dazu aufgefordert wurden. Die drei Mahlzeiten, die es gab, sollten sie ebenfalls in der Hütte auf dem Boden, wo sie auch schliefen, einnehmen.

   Garum hatte gerade seine Erzählungen beendet, als die Wachen mit dem Essen kamen. Es war eine karge Mahlzeit, die aus einem wenig schmackhaften Brei bestand, der eher an Schlamm mit Steinen erinnerte, als an etwas Essbares. Während des Essens schlich Ben zu Lisa.

   »Lisa!? Bist du das? Ich bin so froh dich zu sehen. Wie kommst du hierher?«

   »Ben? Das ist ja eine Überraschung!«

   Beide fielen sich vor Freude in die Arme. Als Sven dies bemerkte, ging er zu ihnen.

   »Woher kennst du sie?«

   »Sie ist wie du. Sie kam auch durch eine dieser Türen.«

   Lisa und Sven sahen sich neugierig an, fast gleichzeitig sagten beide: »Weißt du vielleicht, wie man wieder zurückkommt?«, jedoch merkten sie, dass sie es beide nicht wussten.

   »Wie lange bist du schon hier?«

   »Seit etwa einem Jahr. Hier im Palast seit zwei Monaten. Ich hatte Glück.«

   »Wieso Glück?«

   »Die meisten sind nur wenige Wochen hier. Danach sind sie krank oder verletzt und werden weggebracht.«

   

   Die Kinder waren gerade mit dem Essen fertig, als die Wachen zurückkamen.

   »Du, du, du …«, sagte einer der Wächter und zeigte jeweils auf eins der Kinder.

   Auf diese Weise suchte er sechs Kinder aus, Sven war unter den Ausgewählten. Die Wachen führten die Ausgewählten aus der Hütte und dann Richtung Palast. Auf halbem Wege verließen sie den Weg und liefen weiter auf dem Rasen zu einem kleinen See. Am See angekommen, zogen sich die Wachen zurück. Die kleine Gruppe schaute sich unsicher um, da kamen zwei Gestalten vom Palast her auf sie zu. Als diese näher kamen, sahen sie, dass es sich um Kinder handelte. Es mussten die Kinder des Königs sein, sie waren elf und zwölf Jahre alt. Verängstigt ging die Gruppe den beiden entgegen.

   »Ich bin Wata, das ist Alat, mein Bruder. Ihr müsst tun, was wir wollen«, sagte der Jüngere und zeigte auf seinen Bruder und sich.

   »Wenn ihr das nicht tut, dann … du, komm her«, sagte Alat und zeigte auf einen der Jungen in der Gruppe.

   Der Junge ging langsam zu den beiden und verneigte sich, so wie sie es von den Wachen gesagt bekommen hatten. In dem Augenblick, als er sich verneigte, trat ihm Alat mit voller Wucht in den Bauch. Der Junge klappte zusammen und krümmte sich vor Schmerzen auf dem Boden. Ihm blieb die Luft weg. Angestrengt versuchte er zu atmen, was ihm nur unzureichend gelang. Es sah aus, als würde er ersticken. Die Gruppe wollte ihm gerade zu Hilfe eilen, als die Wachen plötzlich wie aus dem Nichts erschienen und sie davon abhielten.

   »Das war nur ein Vorgeschmack. Tut, was wir wollen, und euch wird nichts geschehen«, sagte Alat und grinste dabei höhnisch.

   Die Kinder versuchten ängstlich zurückzuweichen, was ihnen die Wachen aber nicht gestatteten.

   »Wachen! Geht! Wir wollen alleine mit denen sein!«, befahl Wata.

   Die Wachen verneigten sich und gingen wieder. Die Jungen sahen abwechselnd zu den Königskindern und dem Kind am Boden. Während Wata und Alat sich von der Gruppe entfernten, ging diese langsam zu dem am Boden Liegenden. Als sie ihn erreicht hatten, kümmerte sich Sven um ihn, während die anderen Kinder ihn umringten. Er nahm den verletzten Jungen in die Arme und versuchte ihn zu beruhigen. Dabei strich er ihm, um den Schmerz zu lindern, über den Bauch. Langsam bekam der Junge wieder Luft. Als Sven ihn fragte, wie er heiße, bekam er jedoch keine Antwort von ihm. Ein anderer Junge aus der Gruppe sagte, dass sein Name Fatas sei. Kurz darauf bemerkten Wata und Alat, dass die Jungen dem Verletzten halfen. Sie gingen auf die Gruppe zu, die langsam zurückwich, nur Sven blieb bei dem Verletzten. Die Königskinder kamen immer näher. Sie waren so zornig darüber, dass sie bereits ihre Fäuste geballt hatten, als sie Sven erreichten. Sven hatte sich schützend über Fatas gebeugt, als sie ausholten und zuschlagen wollten. Plötzlich hörte man aus der Ferne ein Jagdhorn.

   »Vater ruft uns«, sagten die Königskinder, ließen von ihrem Vorhaben ab und liefen in Richtung Palast.

   Kurze Zeit später kamen die Wachen und führten die Kinder zur Hütte zurück. Fatas, der nicht ohne Hilfe gehen konnte, musste von den Kindern abwechselnd gestützt werden. In der Hütte angekommen, legten sie ihn auf eine bereitgelegte Decke. Sven hob das Hemd von Fatas an, um sich dessen Bauch anzusehen. Er erschrak, als er sah, dass der ganze Bauch ein einziger blauer Fleck war.

   »Gibt es hier einen Arzt?«, fragte er die Vier, die schon länger im Palast waren.

   »Nein. Wenn er morgen nicht wieder gesund ist, wird er weggebracht«, sagte Naro traurig.

   »Sind die beiden immer so?«

   »Ja, manchmal noch schlimmer.«

   »Kann man nichts dagegen tun?«

   »Nein, die Wachen sind zu schnell. Einmal hatte man es versucht, allerdings ohne Erfolg. Alle Beteiligten wurden dabei getötet.«

   

   Abwechselnd kümmerten sich die Kinder um Fatas, dem es nicht besser gehen wollte. Die ganze Nacht über stöhnte er vor Schmerzen.

   »Kannst du ihm nicht helfen, Ben?«

   »Das wäre zu gefährlich. Sie könnten es merken.«

   »Nur ein wenig, damit er nicht mehr solche Schmerzen hat.«

   »Also gut. Pass du auf, dass niemand etwas bemerkt.«

   

   Am nächsten Morgen kamen die Wachen und sahen nach Fatas. Es ging ihm etwas besser, aber noch nicht gut genug um im Palast bleiben zu können. Die Wachen nahmen ihn an den Armen und schleiften ihn nach draußen.

   »Wo bringt ihr ihn hin?«, fragte Sven.

   »Er darf nach Hause gehen«, antwortete einer der Wachen boshaft.

   »Warum hast du ihn nicht geheilt?«, flüsterte Sven an Ben gerichtet.

   »Ich hab es versucht. Aber seine Verletzungen sind sehr schwer. Er wird zumindest, sofern Jaso noch da ist, überleben. Mehr konnte ich nicht für ihn tun.«

   Nach einer Weile kamen die Wachen ohne Fatas zurück und suchten sich erneut sechs Kinder aus. Diesmal war Sven nicht dabei, auch Ben hatte Glück und wurde nicht ausgewählt. Als die Gruppe kurz vor Mittag zurückkehrte, fehlte einer der Jungen.

   »Was ist geschehen?«

   »Sie haben ihn gejagt. Auf der Brücke über dem Fluss haben sie ihn eingeholt und hineingeworfen. Er konnte nicht schwimmen, da ist er ertrunken, dabei haben die Zwei gelacht.«

   »Diese Bastarde«, kam es von den Kindern.

   Plötzlich wurde es still, die Wachen kamen und brachten das Essen. Auch diesmal war es ein undefinierbarer Brei, der allerdings noch ekelhafter schmeckte, wie der letzte. Nach dem Essen wurden wieder Kinder von den Wachen ausgewählt, diesmal waren Lisa und Ben dabei. Nach ein paar Stunden kam die Gruppe vollständig zurück. Ben ging nach seiner Rückkehr zu Sven.

   »Zwei, schon am ersten Tag. Wir müssen verdammt vorsichtig sein.«

   »Ja, aber wie sollen wir je etwas über den König erfahren, wenn wir nicht einmal in die Nähe des Palastes kommen?«

   »Ich werde heute Nacht versuchen in den Palast zu gelangen. Du musst mir dabei helfen.«

   »Aber wie?«

   »Du musst die anderen ablenken, damit sie nicht merken, was ich vorhabe.«

   »Ich wüsste nicht, wie ich das schaffen sollte.«

   »Frag doch einfach Lisa und die drei anderen, wie sie es geschafft haben, so lange zu überleben. Das wird sicherlich jeden interessieren.«

   »Das könnte klappen.«

   

   Nach dem Abendessen ging Sven zu Lisa und fragte sie aus. Kurz darauf versammelten sich alle um die Vier.

   Als alle gespannt den Erzählungen zuhörten, machte sich Ben unsichtbar und verließ unbemerkt die Hütte. Den Palast erreichte er ohne Zwischenfälle. Nach kurzer Suche fand er einen Seiteneingang, der nicht verschlossen war. Behutsam öffnete er die Tür, ging hindurch und schloss diese wieder. So vorsichtig wie nur möglich schlich er durch den Palast und durchsuchte die Räume. Im unteren Bereich befanden sich nur Repräsentationsräume sowie eine Bibliothek und die Waffenkammer. Nachdem er diese durchsucht hatte, ging er in den ersten Stock. Da gab es Türen, die mit Wappen verziert waren. Auf einer war eine Krone, dies war wohl die Kammer des Königs. Langsam öffnete er diese, da er niemanden entdecken konnte, ging er hinein. Der Raum war prunkvoll ausgestattet. Die Wände waren mit Teppichen behangen, die Fenster mit schwerem Stoff verhängt. Der Boden war ebenfalls mit kunstvollen Teppichen ausgelegt. Die Möbel waren reich verziert und zum Teil vergoldet. Es gab eine Kommode mit einem Spiegel, mehrere Schränke und ein Bett. Hinter einem der Wandbehänge war eine Tür, die nur angelehnt war. Aus dem Raum dahinter kamen Stimmen. Wachsam verbreiterte Ben den Türspalt und sah hindurch. Fünf Personen standen um einen Tisch herum und unterhielten sich. Worüber, konnte Ben nicht verstehen. Um besser hören zu können, was gesprochen wurde, schlich er in den Raum und begab sich zum Tisch. Einer der Anwesenden schien der König zu sein, seine Gewänder sahen prunkvoller aus als die der anderen. Auf dem Tisch lag eine Karte, die das Land, in dem sie lebten, zeigte. Der König deutete auf eine Stelle der Karte.

   »Bewacht die hier besonders gut.«

   Danach wies er die Vier an zugehen. Sie verneigten sich und verließen den Raum durch eine Tür, die Ben vorher nicht bemerkt hatte. Der König stand noch eine Weile vor dem Tisch und starrte nachdenklich auf die Karte. Ben schaute sich die Karte genauer an und stellte fest, dass sich darauf seltsame Zeichen befanden.

   »Was mögen die nur zu bedeuten haben?«

   Während Ben versuchte sich die Lage der Zeichen zu merken, ging der König in den Raum, aus dem Ben gekommen war, und setzte sich an die Kommode mit dem Spiegel.

   »Wie kann ich es nur verhindern?«

   Ben hörte das leise Wispern und ging zum König, um ihn zu belauschen.

   »Wer wird es sein? Wachen!«, rief der König plötzlich so laut, dass Ben erschrak.

   Es dauerte nur ein paar Augenblicke und die Wachen standen neben dem König.

   »Wo wart ihr so lange? Ihr müsst schneller werden! Geht!«

   Verärgert stand der König auf und ging zu Bett.

   »Hier werde ich wohl nichts mehr erfahren«, dachte Ben und machte sich auf den Rückweg.

   

   Er kam gerade in die Hütte zurück als die Vier mit ihren Erzählungen fertig waren. Niemand hatte bemerkt, dass Ben nicht anwesend war. Er begab sich zu Sven, um ihm von seinen Erlebnissen zu berichten.

   »Was hat das nur zu bedeuten?«

   »Das weiß ich auch nicht. Leider habe ich nicht alles mitbekommen.«

   »Dann musst du morgen wieder hin. Vielleicht kannst du ja früher los.«

   »Ja, jetzt kenne ich mich im Palast aus. Dann werde ich die Kammer schneller erreichen.«

   

   Die Nacht war viel zu schnell vorbei. Wie jeden Tag wurden nach dem Frühstück einige ausgesucht und zu den Königskindern gebracht. Diesmal schienen sie mit ihren Spielkameraden nicht so hart umzugehen: Am Mittag kehrten alle unbeschadet zurück. Währenddessen unterhielten sich Lisa und Sven ausgiebig. Sven erfuhr, dass Lisa in der Nähe von ihm wohnte.

   »Ob es da einen Zusammenhang gibt?«, fragten sich beide.

   

   Während der letzten drei Wochen gab es keine weiteren Unfälle, alle Kinder waren wohlauf. Ben spionierte weiter dem König nach, während Lisa und Sven versuchten herauszufinden, wie sie wieder nach Hause kommen konnten.

   »Ben, vielleicht sollte ich mit zum König gehen und mir die Karte einmal ansehen?« schlug Sven vor.

   »Nein, das ist zu gefährlich.«

   »Aber du kannst uns beide unsichtbar machen, dann sollte es gehen.«

   »Ich weiß nicht so recht.«

   »Nimm ihn mit. Tue es für mich«, sagte Lisa mit schmeichelnder Stimme.

   Ben überlegte einen Augenblick.

   »OK, dann komm, wir müssen uns beeilen.«

   Ben legte einen Unsichtbarkeitsbann um Sven und sich, danach verließen sie die Hütte. Auf dem Weg zum Palast wies Ben Sven darauf hin, dass er sich während des Aufenthaltes im Palast ruhig verhalten sollte. Über den Seiteneingang gelangten sie in den Palast. Ben führte Sven in das Nebenzimmer, in dem die Karte des Königs lag. Sven sah sich die Karte genauer an, dabei entdeckte er auch die seltsamen Zeichen, von denen Ben immer sprach. Als er mit dem Finger über die Zeichen strich, bemerkte er etwas Eigentümliches, das Ben nicht erwähnt hatte: Die Symbole waren durch Linien miteinander verbunden.

   »Das muss doch etwas zu bedeuten haben«, stellte Sven fest.

   »Sei ruhig, sonst entdecken sie uns noch.«

   »Sieh mal, eines der Symbole ist in der Nähe des Palastes.«

   »Psst, deinetwegen werden sie uns noch hören.«

   Im gleichen Augenblick, als Ben den Satz beendet hatte, ging eine versteckte Tür auf und mehrere Wachen stürmten auf die beiden zu.

   »Ergreift sie!«, rief einer der Wachen.

   Sven und Ben waren so erschrocken, dass sie sich nicht einmal wehrten, als die Wachen sie ergriffen und festhielten. Der Unsichtbarkeitsbann war gebrochen. Man führte sie durch den Palast in den Keller. Dort befanden sich mehrere Zellen, die mit Eisengitter versehen waren. Einer der Wachen öffnete eine der Zellen, dann führte man Sven und Ben hinein und schloss die vergitterte Tür wieder. Nachdem die Wachen gegangen waren, herrschte eine bedrückende Stille. Kurze Zeit später brach Sven diese.

   »Wie konnten sie uns nur sehen?«

   »Das ist deine Schuld. Ich habe dir doch gesagt, dass du die Klappe halten sollst.«

   »Aber das konnte doch nicht den Bann brechen, oder?«

   »Nein, aber durch dein Gerede haben sie uns bemerkt. Die Magier konnten uns dadurch lokalisieren und den Bann aufheben.«

   »Es tut mir leid. Ich wusste nicht …«

   »Jetzt ist es zu spät.«

   Es entstand eine kurze Pause, in der Sven über alles nachdachte.

   »Ich frage mich, warum sie uns nicht gleich getötet haben.«

   »Wahrscheinlich wollen sie wissen, für wen wir arbeiten.«

   »Auf jeden Fall müssen wir zusehen, dass wir hier raus kommen. Kannst du nicht …«

   »Nein, sie haben den Raum mit einem Bann belegt, der jede Art von Magie verpuffen lässt.«

   »Dann sind wir verloren.«

   »Vielleicht nicht. Hast du die Lage der Zeichen noch im Kopf?«

   »Ja, ich habe ein fotografisches Gedächtnis. Soll ich sie zeichnen?«

   »Wenn du das kannst.«

   Sven fing an, die Karte aus dem Gedächtnis auf den Boden zu übertragen. Zur Vereinfachung verwendete er Kreise an Stelle der Symbole. Die Geländemerkmale vereinfachte er, so gut es ging. Als er alle Symbole in die Karte eingezeichnet hatte, verband er diese mit einer Linie miteinander, genau so wir er es auf dem Original gesehen hatte. Beide sahen sich die Karte an. Um die Lage der Symbole noch besser einordnen zu können, zeichnete Ben einige Merkmale ein, die Sven weggelassen hatte. Auch danach wollte sich ihnen der Sinn der Karte nicht erschließen. Nach einiger Zeit unterbrach Ben die Stille.

   »Ich kann nichts entdecken, was uns weiter helfen könnte.«

   »Aber es muss etwas bedeuten. Warum sollte der König die Karte sonst jeden Tag studieren?«

   »Das weiß ich auch nicht. Was ist das?« fragte Ben und zeigte auf einen der Kreise. »Das war gestern noch nicht da. Bist du sicher, dass das hier richtig ist?«

   »Ja, das bin ich.«

   »Schau mal. Der Kreis liegt direkt neben der Hütte.«

   »Du hast recht. Aber was hat das zu bedeuten?«

   »Ist doch klar, dort ist das Tal der Stille und was siehst du?«

   »Einen Kreis.«

   »Und hier ist die Stelle, wo ich Lisa gefunden habe.« Ben zeigte dabei auf einen weiteren Kreis.

   »Dann sind das die Stellen, wo sich Durchgänge befinden!?«

   »Genau. Ihr könntet vielleicht dadurch zurück.«

   »Zuerst müssen wir aber hier raus.«

   »Fragt sich nur, wie?« Ben sah sich um.

   

   In diesem Augenblick kamen die Wachen mit dem König auf den Kerker zu und blieben vor dem geschlossenen Gitter stehen. Sven zerstörte unbemerkt die Zeichnung, indem er sich darauf stellte und diese mit den Füßen verwischte. Inzwischen war der König direkt vor das Gitter getreten.

   »Was wollt ihr von mir? Seid ihr etwa die, die mich …«, er biss sich in die geballte Faust.

   »Wer sollen wir sein?«, fragte Sven.

   »Ich weiß, was ihr wollt. Ihr wollt mich …«, dabei zeigte er auf sich selbst.

   »Wir wollen nur hier raus«, sagte Ben.

   »Du sei still. Du bist der Magier, jaaa?«

   Der König klang, als sei er verrückt.

   »Er ist kein Magier«, schrie Sven vor Angst.

   »Lass es, Sven. Sie wissen es.«

   »Jaaa, ich weiß alles. Mir entgeht nichts. Du, Magier, komm her.«

   Ben ging langsam auf das Gitter zu.

   »Jaaa. So ist es recht. Du weißt, dass du dich hättest bei mir melden müssen?«

   »Ja. Damit du mich wie alle anderen umbringen kannst.«

   »Jaaa, jeder, der Magie kann, wird umgebracht. Hi hi hi.«

   »Und warum? Wir tun doch nichts.«

   »Du schon. Du bist es doch, oder?«

   »Wer soll ich sein? Ich bin nur ein kleiner Junge, sonst nichts.«

   »Oh nein, nein, du bist es, ich weiß es«, der König drehte sich um und wollte gerade gehen.

   »Lasst wenigstens Sven frei, er hat mit der Sache nichts zu tun.«

   Der König blickte Ben an.

   »Er hat etwas damit zu tun und eure Freundin wird auch bald hier sein.«

   

   Kurz darauf kamen zwei Wachen, die Lisa hinter sich herzogen. Sie öffneten die Kerkertür, stießen Lisa hinein und schlossen diese wieder. Sven lief zu Lisa, um ihr zu helfen. Sie war bewusstlos und hatte leichte Verletzungen. Sie hatte sich wohl bei ihrer Festnahme gewehrt. Der König grinste die Gefangenen noch einmal an, dann verließ er mit den Wachen und einem höhnischen Lachen den Kerker. Als der König außer Sichtweite war, ging Ben zu Lisa und untersuchte sie.

   »Sie wird wieder.«

   »Meinst du, wir können durch die Tür an der Hütte wieder nach Hause?«

   »Ich weiß nicht, vielleicht«, entgegnete Ben achselzuckend.

   Nach einiger Zeit wurde Lisa wach.

   »Hallo Lisa.«

   »Sven? Was ist passiert?«

   »Sie haben uns hier eingesperrt.«

   »Ben? Dich auch!?«

   »Sven, kannst du die Zeichnung noch mal anfertigen?«

   »Ja«, meinte Sven und machte sich daran.

   Lisa ging es von Minute zu Minute besser. Sie setzte sich auf und schaute Sven dabei zu, wie er die Karte auf dem Boden zeichnete.

   »Was machst du da?«

   »Das ist die Karte des Königs. Die Kreise sind wahrscheinlich Durchgänge nach Hause.«

   Lisa schaute sich die Karte genauer an.

   »Ist das unsere Hütte?«

   »Ja. Eine Tür ist ganz in der Nähe.«

   »Neben der Hütte ist manchmal so ein seltsames Licht. Vielleicht ist es ja das.«

   »Das könnte sein. Ben, hast du einen Weg hier raus gefunden?«

   »Nein, noch nicht. Der Bann ist zu stark. Ich kann ihn nicht brechen.«

   »Dann müssen wir warten, bis die Wachen uns etwas zu essen bringen«, meinte Lisa.

   »Und was dann?«, wollte Sven wissen.

   »Dann überwältigen wir sie«, meinte Lisa schnippisch.

   »Das ist nicht möglich. Sie werden kaum die Tür öffnen oder gar den Bann entfernen, nur um uns etwas zu essen zu geben«, meinte Ben.

   »Das nicht aber ich könnte versuchen sie abzulenken, während du den Schlüssel an dich nimmst«, entgegnete Lisa.

   »Wie soll ich das machen?«

   »Du kannst es mit Magie versuchen.«

   »Das geht nicht. Der Bann verhindert, dass ich Magie anwende.«

   Lisa senkte traurig den Kopf. Alle drei versuchten einen Ausweg zu finden, aber es schien zwecklos. Die Gitter waren zu stark und der Bann verhinderte, dass Magie helfen konnte. Auch die Karte brachte sie nicht weiter, es gab keine Symbole innerhalb des Palastes. Die Fackeln im Vorraum zu den Kerkerzellen spendeten gerade genug Licht, um einigermaßen etwas erkennen zu können. Fenster gab es keine.

   

   Wie viel Zeit verstrichen war, als erneut Wächter kamen, wussten die Drei nicht.

   »Setzt euch dort drüben an die Wand!«, befahl einer der Wächter und deutete in die hinterste Ecke des Kerkers.

   Als alle drei sich an der besagten Stelle auf den Boden gesetzt hatten, öffnete einer der Wachen die Tür. Ein anderer trat in den Kerker und stellte einen Korb ab.

   »Damit ihr nicht verhungert, bevor man euch hängt«, sagte er, ging hinaus und schloss das Gitter wieder.

   Kurz darauf ließen die Wachen sie wieder allein. Alle drei aßen und tranken, was ihnen der Wachmann gebracht hatte.

   

   Ben wurde durch ein Geräusch geweckt. Er stand auf, um nachzusehen. Als er zum Eingangsgitter ging, sah er Garum.

   »Garum?«, flüsterte er. »Wie kommst du hierher?«

   »Psst. Sei leise. Wecke die anderen. Wir müssen uns beeilen.«

   Ben ging zu den anderen und weckte sie.

   »Psst, leise. Garum wird uns hier herausholen.«

   Lisa und Sven sahen Ben überrascht an, standen auf und gingen mit ihm zum Eingangsgitter, das Garum bereits geöffnet hatte.

   »Wie kommst du denn hierher?«, wollte Ben wissen.

   »Für Erklärungen haben wir keine Zeit. Nur so viel: viele Grüße von Jaso. Kommt jetzt, wir müssen uns beeilen.«

   Die Drei verließen ihr Gefängnis und folgten Garum durch die Gänge zum Ausgang. An der Außentür angelangt, meinte Garum:

   »Jetzt müssen wir wachsamer sein. Seit Kurzem laufen Wachen um den Palast.«

   Er öffnete langsam die Tür und schaute hinaus. Da es bereits dunkel war, konnte er zuerst niemanden sehen. Erst als sich seine Augen an das wenige Licht gewöhnt hatten, sah er in der Ferne einige Wachen patrouillieren. Als er niemanden in der Nähe sah, öffnete er die Tür so weit, dass sie hindurchschlüpfen konnten.

   »Kommt. Aber seid leise«, sagte er und winkte den anderen zu.

   Als alle durch die Tür waren, schlossen sie diese wieder und begaben sich auf den Weg zur Gemeinschaftshütte. Dabei nutzten sie die wenigen Sträucher und Bäume, die auf ihrem Weg standen, als Deckung. Schon von weitem sahen sie ein seltsames Leuchten neben der Hütte.

   »Was ist das?«, fragte Sven und zeigte in Richtung des Lichtes.

   »Das muss eine der Türen sein«, sagte Ben.

   »Lisa, eine Tür! Wir kommen wieder nach Hause!«

   »Leise, sonst werden sie uns noch hören. Da vorne stehen Wachen«, sagte Garum.

   Unsicher schlichen sie sich näher an das seltsame Licht. Nach kurzer Zeit waren sie bereits bis auf etwa fünfhundert Meter herangekommen, als sie eine weitere Wache direkt vor der Tür zur Hütte bemerkten.

   »Verdammt, sie bewachen die Tür zur Hütte«, stellte Garum fest.

   »Vielleicht können wir sie ablenken«, meinte Ben.

   Sie blieben in Deckung und überlegten, was sie nun tun könnten, dabei beobachtete Garum die Umgebung.

   »Ben, du könntest uns doch unsichtbar machen. Dann können wir ungesehen durch die Tür«, sagte Sven.

   »Aber ich kann da nicht durch, genau so wenig wie Garum.«

   »Wieso? Das verstehe ich nicht.«

   »Durch diese Tür kann man nur gehen, wenn man auch aus der anderen Welt kommt.«

   »Aber du …«

   »Ich bin von hier. Eigentlich heiße ich Benaru. Lisa hat mich immer Ben genannt, das hab ich dann beibehalten.«

   »Vielleicht können Lisa und ich hindurchgehen. Ihr könntet dann weiter weggehen und euch zur Ablenkung sichtbar machen.«

   »Das könnte klappen. Was meinst du, Garum?«

   »Ich bin einverstanden. Lasst uns gehen.«

   Ben legte den Unsichtbarkeitsbann um alle, dann gingen sie weiter zum Licht. Was Ben aber nicht wusste, war, dass die Magier des Königs einen Bann um das Licht und die Hütte gelegt hatten, der jede Art von Magie unwirksam werden ließ. Sie hatten das Licht fast erreicht, als einer der Wachen plötzlich rief: »Dort, ergreift sie!«

   Alle Vier fingen an zu laufen.

   »Wieso können die uns sehen?«, fragte Garum.

   »Verdammt, die haben hier einen Gegenbann angebracht. Den hab ich nicht bemerkt.«

   Sie liefen so schnell sie konnten, jedoch hatten die Wachen begonnen auf sie zu schießen. Sie mussten den herumfliegenden Pfeilen immer wieder ausweichen, so dass sie nur noch langsam vorankamen. Immer mehr Wachen kamen den anderen zur Hilfe angelaufen. Ben versuchte die Pfeile mit einem Schutzbann abzuwehren, was aber durch den Gegenbann verhindert wurde. Kein Zauber, den er wirkte, gelang ihm, der Bann war zu mächtig. Sie schafften es bis auf einhundert Meter heranzukommen, als plötzlich einer der Wachen sich vor das Licht stellte und mit seiner Armbrust auf die Vier zielte.

   »Auseinander«, schrie Garum.

   All vier sprangen in verschiedene Richtungen, dabei verfehlte ein Pfeil Garum nur knapp. Ben nutzte die Unachtsamkeit des Wachmannes während des Ladens der Armbrust, um näher an ihn heranzukommen. Er erreichte ihn noch, bevor dieser die Armbrust wieder geladen hatte. Ben nahm sein Messer und stach zu. Der Wachmann sackte zusammen und blieb, vor Schmerzen gekrümmt, vor dem Licht liegen. Ben rollte ihn zur Seite um die Tür, die sich im Licht befand, frei zu bekommen.

   »Kommt schnell, bevor die anderen Wachen hier sind«, rief Ben.

   Alle drei liefen zur Tür, Lisa öffnete diese und trat als erste hindurch. Sven blieb in der Tür stehen und drehte sich noch einmal um.

   »Ben, Garum, kommt mit. Sie werden euch sonst töten.«

   »Das geht nicht. Wir wären tot, bevor sich die Tür schließt.«

   »Woher willst du das wissen, Ben?«

   »Ich hab es gesehen, als mein Freund Hantu durch eine solche Tür gegangen ist. Geht jetzt, die Wachen werden bald nahe genug sein.«

   »Ihr müsst euch beeilen, geht und grüßt Jaso von mir ...«

   In diesem Augenblick schrie Garum plötzlich auf.

   Die Wachen hatten ihn am Bein getroffen. Ben drehte sich zu ihm und konnte dadurch gerade noch rechtzeitig einem heranfliegenden Pfeil ausweichen.

   »Haut endlich ab!«, schrie Ben, nahm Garum unter den Arm und lief mit ihm Richtung Mauer. Sven ging durch die Tür, schloss diese und blickte noch einmal durch das kleine Fenster. Er sah gerade noch, wie Ben von einem Pfeil an der Schulter getroffen wurde und zusammenbrach, als plötzlich die Landschaft verschwand. Sven standen die Tränen in den Augen. Obwohl er nichts mehr sehen konnte, starrte er immer noch durch das Fenster. Als Lisa ihre Hand auf seine Schulter legte, zuckte er zusammen.

   »Er wird es schon schaffen.«

   »Ich werde einen Weg zurück zu ihm finden, dann kann ich ihm helfen.«

   

   Nach einer Weile machten sich beide auf den Weg durch den Tunnel. Je tiefer sie hinein gingen, desto dunkler wurde es. Schon bald konnten sie nichts mehr sehen. Damit sie sich nicht verlieren, nahmen sie sich an den Händen.

   Bummm Krrrr, Bummm Krrrr

   »Was war das?«, fragte Lisa.

   »Ich weiß es nicht. Das war beim letzten Mal auch so. «

   Bummm Krrrr, Bummm Krrrr

   »Es macht mir Angst. Bei mir war so was nicht.«

   Bummm Krrrr, Bummm Krrrr

   »Es kommt näher«, sagte Lisa ängstlich.

   »Da vorne sehe ich was.«

   Bummm Krrrr, Bummm Krrrr

   »Komm Lisa, lauf. Da vorne ist Licht. Vielleicht kommen wir hier raus.«

   Gemeinsam fingen sie an zu laufen. Das Geräusch wurde immer lauter und kam in immer kürzeren Abständen.

   Bummm Krrrr, Bummm Krrrr

   »Ich kann nicht so schnell«, sagte Lisa angestrengt.

   »Wir müssen weiter. Es kommt immer näher.«

   Bummm Krrrr, Bummm Krrrr

   Der Verursacher des Geräusches war bereits so nahe, dass sie auch das Schnauben dessen hören konnten. Beide versuchten daraufhin noch schneller voranzukommen. Sie liefen so schnell sie konnten, aber was auch hinter ihnen her war, kam immer näher.

   »Aaaaaaaah!«

   Wegen der Dunkelheit hatten sie das Loch im Boden nicht gesehen und stürzten hinein.