Dreier´s Bücherwelt: Endlich Wochenende


   Am nächsten Morgen erwachte Ben sehr früh. Nachdenklich setzte er sich auf den Rand des Bettes und vergrub sein Gesicht in den Händen.

   »Wie kann ich Sven nur helfen?«

   Nach kurzer Zeit stand er auf und ging zu Sven, der ruhig und gleichmäßig atmete. Nichts deutete auf ein Fieber hin. Nachdem Ben sich davon überzeugt hatte, dass es Sven gut ging, begab er sich zur Feuerstelle und schürte das Feuer. Immer noch in Gedanken bereitete er automatisch das Frühstück zu. Er war fast mit der Arbeit fertig, als Sirius aus seiner Kammer kam und ihn begrüßte.

   »Guten Morgen, Ben. Gut geschlafen?«

   Ben reagierte nicht darauf, vollkommen in Gedanken deckte er mechanisch den Tisch. Als er eine Schüssel auf den Tisch stellen wollte, nahm ihm Sirius diese ab. Dabei erschrak Ben so heftig, dass er beinahe das übrige Geschirr fallen ließ.

   »Guten Morgen, Ben.«

   »Guten Morgen, Sirius. Weißt du schon, ob es Sven besser geht?«

   »Nein, aber ich sehe gleich nach ihm. Was hast du gestern mit Sven gemacht?«

   Völlig erschrocken sah Ben Sirius an.

   »Ob er etwas gesehen hat?«

   »Ich ... ich hab nichts gemacht«, stammelte er.

   Sirius sah ihn mit geneigtem Kopf an und grinste.

   »Du brauchst dich nicht zu verstellen. Ich hab es gesehen. Ich werde niemandem etwas davon erzählen.«

   »Ja. Also. Ich weiß nicht, was ich gemacht habe. Ich hab nur ganz fest daran gedacht, dass Sven wieder gesund wird, und dann …«, er verstummte.

   Er konnte nicht die richtigen Worte finden, um zu beschreiben, was während des Zaubers geschehen war. Sirius wartete geduldig, bis Ben wieder zu sprechen begann.

   »… dann war da dieses Kribbeln in meiner Hand. Ich hab einfach weiter gemacht. Heute Morgen bin ich in meinem Bett aufgewacht.«

   Verlegen senkte Ben den Kopf, worauf hin Sirius seine Hand unter Bens Kinn nahm und dessen Kopf hoch drückte, so dass er ihm in die Augen sehen konnte.

   »Das war sehr gut. Du hast ihm damit das Leben gerettet. Aber du musst vorsichtiger sein, sonst werden sie dich noch entdecken.«

   »Ja«, sagte Ben verlegen und beendete seine Arbeit.

   In der Zwischenzeit ging Sirius zu Sven, um zu sehen, ob es ihm besser ging. Als er ihn untersuchte, konnte er kein Fieber mehr feststellen. Gerade als er die Decke, unter der Sven lag, beiseite heben wollte, erwachte dieser. Noch völlig benommen zog sich Sven erschrocken in die hinterste Ecke des Bettes zurück.

   »Guten Morgen, Sven. Darf ich mir dein Bein noch einmal ansehen?«

   Sven bekam noch mehr Angst, worauf er sich noch weiter zurückzog. Erst als er Ben sah, der inzwischen an das Bett gekommen war, entspannte er sich.

   »Guten Morgen, Sven«, sagte Ben. 

   »Du brauchst keine Angst zu haben. Das ist Sirius, mein … mein Vater. Er will dir nur helfen.«

   Nur langsam schob sich Sven näher an Sirius heran und nahm dabei die Decke beiseite. Sirius konnte nun das Bein von Sven untersuchen. Nichts deutete mehr auf eine Verletzung hin, nicht einmal eine Narbe war zu sehen. Als Ben das unversehrte Bein sah, staunte er.

   »Wie kann das sein?«

   »Das war dein Verdienst, Ben.«

   Sven konnte den beiden nicht folgen, er wunderte sich nur, dass die Wunde nicht mehr vorhanden war, als er sein Bein betrachtete.

   »Wie habt ihr das gemacht?«

   »Ben und ich haben die Wunde versorgt, so gut wir konnten. Das ist alles«, sagte Sirius und verschwieg, dass Ben die Wunde mit Magie geheilt hatte.

   Sven zog sich an, während Sirius und Ben sich zum Frühstück hinsetzten.

   »Komm, es gibt Frühstück!«, rief Ben ihm zu.

   Nachdem sich Sven gesetzt hatte, begannen sie zu essen. Während dessen unterhielten sie sich nicht, jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Als sie aufgegessen hatten, begann Ben den Tisch abzuräumen. Sven wollte helfen, als Sirius ihm zu verstehen gab sitzen zu bleiben.

   »Woher kommst du?«

   »Ich komme aus …«, Sven wusste nicht so recht, wie er es Sirius erklären sollte. Ben hatte ihm schon nicht geglaubt. »… aus Neustadt. Ich bin durch eine Tür und plötzlich war ich hier. Die Tür ist dann verschwunden.«

   »Erzähl einfach einmal alles in Ruhe von vorne, vielleicht kann ich dir dann helfen nach Hause zu kommen.«

   Nach einer kurzen Pause fing Sven an zu erzählen, wie er in das Tal kam, Ben kennen lernte und was er mit ihm erlebt hatte. Die Geschichte deckte sich mit den Berichten von Ben. Während Sven erzählte, unterbrach ihn Sirius nicht. Manchmal nickte er oder gab einen zustimmenden Laut von sich. Als Sven seine Erzählungen beendete, kam Ben aus seiner Kammer und setzte sich zu ihnen. Er hatte sich nach dem Aufräumen zurückgezogen, um zu überlegen, was er Sirius und Sven alles von seinen Fähigkeiten berichten sollte, sofern er darauf angesprochen wurde. Kopfschüttelnd sah Sirius beide an.

   »Was ist?«, fragte Ben.

   Sven sah Sirius verständnislos an. »Glauben Sie mir nicht?«

   »Doch, doch, ich glaube dir, Sven. Was dich betrifft Ben, ich glaube, wir müssen noch ein Wörtchen miteinander reden.«

   Sirius, stand auf und ging in seine Kammer. Ben folgte ihm mit gesenktem Kopf. Sven sah beiden verständnislos nach. Als Ben an Sirius Kammer ankam, saß dieser bereits auf seinem Bett und zeigte auf einen Stuhl, auf den sich Ben setzen sollte. Ben trat in die Kammer, schloss die Tür und setzte sich.

   »Ben, warum hast du mir nichts von deinen Fähigkeiten erzählt?«

   »Ich hatte Angst, du würdest mich verraten«, sagte Ben mit gesenktem Kopf und trauriger Stimme.

   »Habe ich dir jemals einen Grund gegeben, an so etwas zu glauben?«

   »Nein, aber … ich weiß nicht«, stammelte Ben.

   »Ich würde niemals etwas tun, was dir schaden könnte, das musst du mir glauben!«

   Ben hielt seinen Kopf gesenkt und antwortete nicht.

   »Ich kann dir nur helfen, wenn du mir vertraust.«

   »Tue ich doch.«

   Ben hob langsam den Kopf und sah zu Sirius.

   »Möchtest du es mir jetzt sagen?«

   Ben zögerte einen Augenblick, dann begann er zu erzählen.

   

   Es war vor etwa vier Jahren, als Ben eine Veränderung an sich bemerkte, konnte diese aber noch nicht zuordnen. Eines Abends, als er ein Feuer machen wollte, brannte dies nicht, da das Holz noch zu feucht war. Um zu prüfen, warum das Feuer nicht brennen wollte, strich er mit der Hand über das Holz, wobei er an ein wärmendes Feuer dachte. Plötzlich, ohne erkennbaren Grund, brannte das aufgeschichtete Holz lichterloh, beinahe hätte er sich dabei die Hand verbrannt. Dies war der erste Zauber, den er ausgeführt hatte. Im Laufe der Zeit baute er seine Fähigkeiten aus, indem er sich an immer neuen Dingen versuchte. Bis zum heutigen Tag konnte er Feuer machen, Wasser aus der Erde holen, Tiere lähmen, Licht erzeugen, Dinge auffinden, Sachen reparieren und nun auch heilen.

   »Jetzt weiß ich auch, warum du ein so guter Jäger bist«, sagte Sirius mit einem Grinsen im Gesicht.

   Ben musste bei der Bemerkung von Sirius ebenfalls grinsen.

   »Wie viel davon weiß dein Freund Sven?«

   »Nicht alles. Nur das mit dem Feuer und mit dem Licht.«

   »Dann belassen wir es erst einmal dabei. Noch wissen wir nicht genau, wer er ist. Was hast du eigentlich im Tal der Stille gemacht?«

   »Ich hatte gespürt, dass da jemand war, der meine Hilfe brauchte. Dann bin ich einfach hin.«

   »Du hättest getötet werden können. Ben, tue das nie wieder. Hörst du?«, sagte Sirius mit fester Stimme.

   »In Ordnung«, versprach Ben eher gelangweilt.

   »Eigentlich hättest du eine Strafe verdient, aber in Anbetracht der Ereignisse belassen wir es einmal dabei«, sagte Sirius mit erhobenem Zeigefinger, innerlich jedoch freute er sich über die Offenheit und Fähigkeiten von Ben.

   Beide standen auf und verließen die Kammer.

   »Wo ist Sven?«, wunderte sich Sirius.

   »Vielleicht ist er ja nach draußen«, antwortete Ben.

   Beide hatten die Eingangstür gerade erreicht, als Sven diese öffnete und eintrat. Er erschrak so sehr, als er beide vor sich stehen sah, dass er ein kleines Stück zurückwich. Nachdem er sich erholt hatte, trat er ein und schloss die Tür.

   »Sven, ich habe über deine Geschichte nachgedacht. Ich glaube nicht, dass ich dir helfen kann.«

   Sven wurde bei den Worten von Sirius traurig.

   »Lass den Kopf nicht hängen. Ich denke, wir finden noch einen Weg, wie du wieder nach Hause kommst. In das Tal kannst du auf jeden Fall nicht mehr zurück. Das wäre zu gefährlich.«

   »Aber wie soll ich dann nach Hause kommen? Die Tür ist doch dort!«

   »Das werden wir noch sehen. Erst einmal müssen wir dafür sorgen, dass du etwas anderes zum Anziehen bekommst. Ben, schau doch mal in der alten Truhe nach, da müssten noch ein paar Sachen liegen, die Sven passen könnten.«

   Ben begab sich zu der alten Truhe, die neben dem Bett stand, öffnete diese und durchsuchte sie. Nach kurzer Zeit fand er eine Hose, ein Hemd und ein Wams, das Sven passen könnte. Mit den Sachen ging er in seine Kammer und rief Sven zu: »Sven, du kannst dich in meiner Kammer umziehen«, legte die Sachen auf sein Bett und ging wieder hinaus.

   Sven zog sich in der Kammer um. Die Sachen waren zwar etwas zu groß, aber wesentlich unauffälliger als seine alten. Fertig angezogen verließ er die Kammer und trat vor Sirius und Ben.

   »Habt ihr auch Schuhe dazu?«

   Ben ging noch einmal zur Truhe, holte ein paar Lederstiefel heraus und gab sie ihm. Sven schlüpfte hinein und lief ein paar Schritte.

   »Passen prima.«

   Sirius und Ben sahen ihn sich an. Nun konnte man nicht gleich sehen, dass er nicht aus dieser Gegend war. Es fehlte nur noch eine glaubwürdige Geschichte, warum Sven sich bei den beiden aufhielt.