Dreier´s Bücherwelt: Endlich Wochenende


   Sven erwachte, als die ersten Sonnenstrahlen auf sein Gesicht fielen. Er richtete sich auf und besah sich sein Bein.

   »Es tut gar nicht mehr weh«, stellte er fest und strich mit der Hand über den Verband.

   Das Bein fühlte sich geschwollen an. Hastig griff er nach dem Knoten des Verbandes und öffnete diesen. Gerade als er den Verband entfernen wollte, stieß Ben seine Hand weg.

   »Lass den Verband drauf«, sagte er kurz angebunden und schloss den Knoten wieder.

   »Hier, ich hab Frühstück gemacht.«

   Er reichte Sven eine Schüssel mit Früchten und Wurzeln.

   »Meinst du, ich kann damit laufen, ohne dass es schlimmer wird?«

   »Das wird schon gehen.«

   Ben war sich selbst nicht sicher und vermied es, Sven in die Augen zu sehen.

   »Was waren das für Biester?«

   »Das weiß ich nicht. Bisher hat sie noch niemand gesehen und es auch noch überlebt. Wir hatten wirklich verdammtes Glück.«

   Bei dem Gedanken, was hätte passieren können, erschrak Sven. Als sie ihr Frühstück beendet hatten, verstaute Ben die Schüssel und Becher in seinem Rucksack und schulterte diesen.

   »Versuch mal aufzustehen.«

   Er reichte Sven seine Hand. Sven griff danach und zog sich, zusätzlich an einem Baum abstützend, hoch. Dabei vermied er es, das verletzte Bein zu belasten. Als er stand, versuchte er einen Schritt zu gehen.

   »Warte. Hier.«

   Ben reichte ihm einen Stock, den er am Morgen, als Sven noch schlief, für ihn angefertigt hatte. Sven nahm den Stock unter die rechte Schulter und machte einen vorsichtigen Schritt. Es war mühsam, aber er konnte gehen. Langsam machten sie sich auf den Weg Richtung Osten. Es gab keine ausgetretenen Pfade, die sie hätten benutzen können, so mussten sie quer durch den Wald gehen. Das Unterholz und die Unebenheiten des Bodens machten das Vorankommen nicht leichter. Bis zum Mittag hatten sie nicht einmal ein Viertel des Weges zu Bens Dorf zurückgelegt. Schon nach kurzer Zeit ließ sich Sven völlig erschöpft auf den Boden sinken. Ben kniete sich neben ihn und öffnete den Verband. Sacht nahm er die Blätter beiseite und sah sich die Wunde an. Das Bein war geschwollen, aber glücklicherweise blutete der Riss nicht mehr. Die Wunde hatte sich bereits begonnen zu schließen, allerdings waren die Ränder feuerrot. Ben legte sanft seine Hand auf die Wunde. Dabei stellte er fest, dass diese wesentlich wärmer als der Rest des Beines war. Dies war kein gutes Zeichen, die Wunde schien sich zu entzünden.

   »Die Wunde sieht gut aus«, schwindelte er, bevor er frische Blätter auf diese legte und den Verband wieder anlegte.

   Sie aßen und tranken etwas, bevor Ben wieder zum Aufbruch drängte.

   »Wir müssen weiter. Wir haben noch einen langen Weg vor uns.«

   »Was meinst du, wie lange werden wir noch brauchen?«

   »So langsam, wie wir vorankommen, werden wir wohl noch drei Tage unterwegs sein, aber vielleicht haben wir Glück und begegnen jemandem, der uns auf seinem Wagen mitnehmen kann.«

   

   Sie kamen, wie zuvor auch, nur langsam voran. Sven verspürte keine Schmerzen, aber er fühlte sich plötzlich fiebrig. Obwohl es im Wald angenehm warm war, fröstelte ihm. Ben machte sich immer mehr Sorgen. Wenn er Sven ansah, meinte er, sein Zustand verschlechtere sich.

   »Wenn er jetzt auch noch Fieber bekommt, dann schaffen wir es nie bis ins Dorf.«

   Während sie langsam ihres Weges gingen, sprachen sie nicht miteinander. Beide waren erschöpft und hingen ihren Gedanken nach. Es verging einige Zeit, bevor Sven die Stille unterbrach.

   »Wie hast du eigentlich das Feuer gemacht? Bist du ein Magier?«

   »Ja ... Nein. Eigentlich darf das keiner wissen.«

   »Wieso?«

   »Ich darf kein Magier sein. Mein … mein Vater braucht mich doch.«

   »Aber du kannst doch beides.«

   »Nein. Das verstehst du nicht. Du bist ja nicht von hier.«

   »Dann erkläre es mir doch.«

   Während sie weitergingen, überlegte Ben, was er Sven anvertrauen konnte. Nach einer kurzen Pause erzählte er, wie er zur Zauberei kam und warum niemand etwas erfahren durfte.

   

   In dem Land, in dem Ben lebte, war Magie nur ausgewählten Dienern des Königs erlaubt. Der König hatte einen Erlass herausgegeben, in dem stand, dass jeder, der Magie anwendete, unverzüglich ihm vorzuführen sei. Dieser entschied dann, ob die betreffende Person am Hofe als Magier arbeitete oder zum weiteren Studium der Magie auf eine Insel, weit draußen im Meer, gebracht wurde. Die meisten wurden auf die Insel gebracht, allerdings ist von dort niemand zurückgekommen. Es gab unter anderem das Gerücht, dass die Insel nicht existierte und man die Personen einfach im Meer versenkte. Viele waren gegen diesen Erlass, allerdings hatte sich bisher niemand gewehrt. Der König hatte sogar Spione beauftragt, die weitere Gerüchte verbreiteten und gleichzeitig die Bevölkerung aushorchten. Unter anderem wurde auch verbreitet, dass man die Magier in ihren Fähigkeiten unterrichten müsse, um sie und andere vor Schaden zu bewahren.

   

   »Du darfst es niemandem sagen. Ja?«

   »Ich werde dich nicht verraten. Es wird bald dunkel, sollten wir uns nicht einen Rastplatz suchen?«

   »Ja, da vorne ist eine kleine Höhle, da können wir übernachten. Habe dort meine Vorräte versteckt.«

   »Welche Vorräte?«

   »Das Fleisch. Ich sagte dir doch, ich war auf der Jagd.«

   Als sie die Höhle erreicht hatten, entfernte Ben die Zweige und Sträucher, die er zur Tarnung vor dem Höhleneingang aufgeschichtet hatte. Anschließend gingen beide hinein. Ben erzeugte eine Lichtkugel, um das Innere zu erhellen. Sven schaute sich in der Höhle um, sie war nicht all zu groß. In einer Ecke lagen Felle auf dem Boden, in der anderen hing Fleisch von der Decke. Um welche Tierart es sich dabei handelte, konnte er nicht erkennen. Sven begab sich zu den Fellen und legte sich darauf, Ben tat es ihm gleich.

   »Warst du das mit dem Licht?«, wollte Sven wissen.

   »Ja.«

   »Das würde ich auch gerne können«, seufzte Sven.

   »Zeig mal dein Bein. Ich muss den Verband wechseln.«

   Sven legte sein verletztes Bein neben Ben. Der öffnete den Verband und entfernte die Blätter. Als er sich die Wunde ansah, bemerkte er, dass sich bereits Eiter gebildet hatte. Mit sorgenvollem Gesicht sah er, dass die Ränder der Wunde auseinander klafften, sie hatte sich entzündet. Ben legte vorsichtig neue Blätter, die er aus seinem Rucksack geholt hatte, darauf und legte den Verband wieder an. Sven fiel das besorgte Gesicht von Ben auf.

   »Stimmt etwas nicht?«

   »Nein, nein, alles in Ordnung. Das ist immer so bei solchen Wunden«, versuchte Ben ihn zu beruhigen.

   Sven legte sich wieder zurück und atmete tief durch.

   »Du brauchst nicht zu lügen. Ich merke doch, dass da etwas nicht stimmt.«

   Es entstand eine kurze Pause, in der Ben überlegte, wie er es Sven sagen sollte.

   »Äh, ja, wie soll ich es sagen? Es sieht wirklich nicht so gut aus. Die Wunde hat sich entzündet. Die Heilblätter …«

   »Was ist mit den Blättern?«, unterbrach ihn Sven.

   »Die helfen bei Entzündungen nicht. Dafür braucht man andere und die kenne ich nicht.«

   »Mach dir keine Sorgen, das wird schon, wenn wir in deinem Dorf sind.«

   »Das ist es ja. Wir werden bei dem Tempo das Dorf nicht rechtzeitig erreichen.«

   »Was heißt nicht rechtzeitig?«

   »Die Entzündung schreitet schnell voran. Wenn du dich bewegst, dann wird es nur noch schlimmer, und dann …«

   Ben schnürte es plötzlich die Kehle zu, so dass er nicht weiter sprechen konnte. Betroffen schwiegen beide. Kurze Zeit später unterbrach Sven die Stille.

   »Du könntest doch allein zu deinem Dorf gehen und Hilfe holen. Ich werde dann hier warten, bis du zurückkommst.«

   »Wie soll das gehen? Ich kann dich doch nicht hier allein zurücklassen.«

   »Warum nicht? Wenn du jetzt gleich losgehst, bist du bestimmt bis morgen Mittag wieder hier.«

   »Wenn ich ohne das Fleisch zurückkomme, wird er mich bestrafen. Und danach in die Kammer sperren, weil ich ohne etwas zu sagen auf die Jagd gegangen bin.« Ben schaute dabei verlegen zur Seite. »Mit dem Fleisch brauche ich aber länger, es ist so schwer.«

   »Dann nimm doch nur einen Teil mit und sage deinen Leuten, dass hier in der Höhle noch mehr ist.«

   »Das könnte klappen. Ich nehme nur die besten Stücke mit, dann wird er mir schon glauben.«

   Ben deutete auf Svens Bein.

   »Meinst du, du kannst das selbst verbinden?«

   »Es wird schon gehen. Lass einfach die Blätter und etwas zu trinken hier. Ich werde schon zurechtkommen.«

   Ben stand auf und ging in die Ecke mit dem Fleisch, wo er die besten Stücke abschnitt und auf ein bereitgelegtes Fell legte. Das Fell knotete er so zusammen, dass ein Sack entstand. Mit einem Strick fertigte er daraus einen Rucksack, den er sich auf den Rücken binden konnte. Den Sack auf dem Rücken sah er noch einmal zu Sven. Und lächelte.

   »Du schaffst das schon.«

   »Du schaffst das schon«, entgegnete Sven.

   

   Ben ging langsam zum Eingang der Höhle, schaute sich noch einmal um und trat hinaus. Vor der Höhle nahm er die Sträucher und Zweige und tarnte damit den Eingang. Als er mit der Tarnung zufrieden war, ging er so schnell er konnte Richtung Osten, wo sich sein Dorf befand.

   

   Sven war etwas mulmig zumute, als Ben den Eingang tarnte. Er nahm den Verband ab und entfernte die Blätter. Als er die Wunde sah, erschrak er. Die Ränder waren rot und klafften auseinander, zusätzlich hatten sich kleine schwarze Flecken gebildet. In der Mitte war ein Eitersee, der sich bereits verfärbte. Sven nahm etwas von dem Baumsaft und wusch die Wunde. Danach legte er frische Blätter darauf und verband das Bein. Kurze Zeit später schlief er vor Erschöpfung ein.