Dreier´s Bücherwelt: Endlich Wochenende


   Während ihrer Wanderung fragte sich Sven, wie lange sie wohl zu Bens Elternhaus unterwegs sein werden.

   »Werden die Vorräte auch für mich reichen? Zwei Tage von zu Hause entfernt. Ob seine Eltern wissen, wo er ist?«

   Beide folgten schweigend dem Bach stromaufwärts. Nach einiger Zeit bog der Bach nach Westen ab, während die Jungen nach Osten weiter gingen. Sven hatte Mühe, mit Bens Schritten mitzuhalten, langsam verließen ihn die Kräfte. Irgendwann blieb er völlig außer Atem stehen und schnappte nach Luft, während Ben ohne es zu bemerken weiter lief. Als Sven wieder einigermaßen Luft bekam, rief er: »Warte! Ich kann nicht mehr.«

   Ben blieb stehen, blickte sich um und kam langsam zurück.

   »Was ist los mit dir? Wir müssen uns beeilen, sonst schaffen wir es nicht, bis zum Sonnenuntergang das Tal zu verlassen.«

   Sven war immer noch außer Atem.

   »Warum müssen wir uns so beeilen?«

   »Es ist zu gefährlich, sich nachts ohne den Schutz des Baches hier aufzuhalten.«

   »Warum? Gibt es hier wilde Tiere?«

   »Ja ... Nein ... Ich weiß es nicht genau, aber komm jetzt, wir müssen uns beeilen.«

   Sven fragte nicht weiter nach, da Ben so drängte weiter zugehen. Damit Sven nicht wieder außer Atem geriet, lief Ben etwas langsamer, so dass Sven ihm folgen konnte. Aber auch das Tempo war für Sven fast schon zu schnell, es fiel ihm schwer, schritt zu halten. Nach etwa drei Stunden machten sie eine kurze Rast, dabei aßen und tranken sie, um sich zu stärken. Während dessen blickte sich Sven immer wieder um, konnte jedoch keine Gefahr erkennen.

   »Ist es noch weit?«

   »Nein, wenn wir so weiterkommen, werden wir in etwa sechs Stunden das Tal verlassen können.«

   »Ich verstehe das nicht, warum können wir nicht hier übernachten?«

   »Es ist zu gefährlich. Ohne den Schutz des Baches würden wir die Nacht nicht überleben.«

   Sven wurde flau im Magen, er schaute sich noch einmal um, jedoch diesmal wesentlich ängstlicher als noch vorhin.

   »Du brauchst keine Angst zu haben, wir schaffen das schon«, sagte Ben, um ihn zu beruhigen.

   Kurze Zeit später beendeten sie ihre Rast und liefen weiter. Sven konnte Ben kaum folgen, aber die Angst beflügelte seine Schritte. Er fragte sich immer wieder, was wohl so gefährlich sein mochte, dass sie nicht im Tal übernachten konnten. Die Ungewissheit darüber nagte an ihm.

   »Was ist hier so gefährlich?«

   »Das weiß keiner so genau. Bisher hat niemand eine Nacht ohne den Schutz des Baches überlebt. Man hat immer nur die blutverschmierten Sachen derer gefunden, die es versucht hatten oder das Tal nicht rechtzeitig verlassen konnten.«

   Svens Angst wurde dadurch noch verstärkt, er sprach daraufhin nicht mehr. Schweigend liefen sie weiter durch das Tal. Die Landschaft veränderte sich langsam. In der Ferne konnten sie bereits die ersten Ausläufer des Waldes erkennen.

   

   Nach weiteren drei Stunden legten sie erneut eine Rast ein, um sich zu stärken. Diesmal drängte Ben nach kurzer Zeit zum Aufbruch.

   

   Nicht nur der Wald kam näher, auch der Abend kündigte sich langsam an. Die Sonne hing bereits sehr tief, als der Waldrand in greifbare Nähe rückte. Ben trieb Sven an, schneller zu gehen. Sven war mit seinen Kräften am Ende, doch er gab sein Bestes.

   »Mach schneller, wir müssen vor Sonnenuntergang den Wald dort erreichen.«

   Sven war so außer Atem, dass er nur noch zustimmend nickte. Seine Beine fühlten sich an, als ob daran große Gewichte hingen. Es fiel ihm immer schwerer, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Durch das angestrengte Wandern in den letzten neun Stunden tat ihm alles weh. Gerne hätte er sich hingesetzt und etwas ausgeruht, aber ein ständiges Kribbeln im Rücken trieb ihn voran.

   

   Sie waren nur noch etwa fünfhundert Meter vom Waldrand entfernt, als die Sonne unterging und es plötzlich so dunkel wurde, dass man die Hand vor Augen nicht mehr sehen konnte. Beide blieben stehen und blickten sich um. Ben holte eine Kerze aus seinem Rucksack und zündete diese an. In diesem Moment kamen Geräusche von allen Seiten, die zuvor nicht zu hören waren. Nach kurzer Zeit hörte man Knurren, Fauchen und Scharren, das immer näher zu kommen schien. Das zuvor leblose Tal füllte sich mit Leben. Die Jungen schauten sich zuerst erschrocken an, dann liefen sie plötzlich gleichzeitig Richtung Wald. Dabei erlosch die Kerze, aber seltsamerweise gab es im Wald Licht, so dass sie ihn sehen konnten.

   Sie waren noch vierhundert Meter vom Waldrand entfernt. Rings um sie wurde es immer lauter.

   »Mach schneller, wir müssen den Wald dort erreichen!«

   Sven rannte so schnell er konnte, er mobilisierte Kräfte, die er zuvor nicht kannte. Die Angst trieb ihn zu Hochleistung an.

   Noch dreihundert Meter.

   Die Geräusche wurden lauter. Was immer es auch war, es kam unaufhaltsam auf sie zu.

   »Schneller, schneller, sonst sind wir erledigt!«, rief Ben Sven zu.

   Noch zweihundert Meter.

   In der Dunkelheit leuchtende Augen kamen immer näher. Das Knurren und Fauchen wurde lauter.

   Noch einhundert Meter.

   Der Waldrand war zum Greifen nahe. Die Geräusche kamen näher. Man konnte sogar schon Zähne erkennen, die beim Näherkommen mit den Augen auf und ab schwangen.

   Noch fünfzig Meter.

   Ben hatte den Waldrand schon erreicht und sich zu Sven umgedreht. Sven versuchte noch schneller zu laufen, aber seine Beine wollten nicht mehr. Er setzte einen Fuß vor den anderen, doch die Schritte wurden immer kürzer.

   »Lauf! Lauf schneller, sie sind hinter dir!«

   Sven gab sein Bestes, jedoch war er mit seinen Kräften am Ende. Ben sah, wie die Augen und Zähne immer näher an Sven herankamen. Sie waren schon so nahe, dass sie ihn fast schnappen konnten.

   Noch zehn Meter.

   »Sie sind direkt hinter dir! Lauf, sonst kriegen sie dich!«

   Sven hatte so große Angst, dass er die Schmerzen in den Beinen vergaß und weiter lief. Das Hecheln und Schnauben der Geschöpfe, die schon sehr nahe waren, trieben ihn weiter voran. Plötzlich sprang eines der Geschöpfe auf ihn zu, verfehlte ihn jedoch. Sven hörte den Aufprall neben sich und sah zur Seite. Das, was er da sah, mobilisierte seine letzten Reserven.

   Noch fünf Meter.

   Das Geschöpf, das ihn angesprungen hatte und unglücklich aufkam, rappelte sich wieder auf. Erneut lief es auf Sven zu.

   Noch ein Meter.

   »Spring, sie haben dich gleich!«

   Sven nahm all seine Kraft, die er noch hatte, und hechtete nach vorne. Im selben Augenblick sprang auch das Geschöpf hinter ihm. Es flog in sehr geringem Abstand hinter Sven, holte mit der Vorderpfote aus und traf dabei seine Wade. Sven landete mit einem Aufschrei bäuchlings innerhalb des Waldes, er hatte es geschafft. Das Geschöpf, das ihn angesprungen hatte, drehte sich in der Luft, stieß sich an etwas ab und verschwand in der Dunkelheit. Sven drehte sich erschöpft auf den Rücken, starrte in den Himmel und schnappte angestrengt nach Luft, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Ben lag nur wenige Meter von ihm entfernt und lachte erleichtert. Als Sven sich nicht rührte, sprang Ben auf und lief zu ihm.

   »Sven, alles in Ordnung?«

   Ben kniete sich neben Sven und untersuchte ihn.

   »Alles in Ordnung? Hast du ...?«

   Als Ben das blutbefleckte Bein sah, verschlug es ihm die Sprache. Er richtete die Lichtkugel, die er erschaffen hatte, nachdem die Kerze erlosch, so aus, dass er die Verletzung besser sehen konnte. Es war ein tiefer Riss in der Wade, den Sven vor Erschöpfung nicht spürte. Ben öffnete hastig seinen Rucksack und nahm ein paar Blätter und Stoffstreifen heraus. Mit dem Baumsaft wusch er die Wunde, legte die Blätter darauf und verband diese.

   »Sven geht es dir gut?« Sven jedoch antwortete nicht. Plötzlich drehte er sich zur Seite und übergab sich. Als Sven fertig war, wischte er sich den Mund mit dem Ärmel ab und versuchte aufzustehen.

   »Aua!«, schrie er und ließ sich wieder fallen.

   Behutsam setzte er sich auf, schaute auf sein Bein und wunderte sich, da es verbunden war.

   »Wer war das denn?«

   Vor lauter Erschöpfung hatte er nichts davon mitbekommen, als Ben den Verband angelegt hatte.

   »Bleib ruhig liegen, sonst geht der Verband ab und die Wunde kann nicht heilen.«

   »Ist es schlimm?«

   »Es ist ein tiefer Riss in der Wade, aber es ist nicht so schlimm«, log Ben, um Sven nicht zu beunruhigen.

   Die Geschöpfe dieses Tales besaßen ein Gift, das die Wunden, die sie verursachten, nur sehr schlecht heilen ließ. Während es sich im Körper ausbreitete, zerstörte es die Zellen.

   

   Sven hatte sich von den Strapazen noch nicht erholt, er atmete immer noch unregelmäßig. Die Blätter, die Ben ihm auf die Wunde gelegt hatte, fingen langsam an zu wirken. Es waren Heilblätter, die für besonders schmerzhafte Wunden verwendet wurden. Sie enthielten ein schmerzstillendes Mittel, das zugleich beruhigend wirkte. Sie zeigten auch, wie schlimm eine Verletzung war, denn je schneller sie wirkten, desto bedrohlicher war diese. Kurze Zeit später schlief Sven ein. Ben blieb neben ihm sitzen und beobachtete ihn.

   »Was mach ich jetzt nur? Wenn die Blätter jetzt schon wirken, dann muss die Verletzung doch schlimmer sein, als ich dachte. Und wenn sich die Wunde entzündet? Dann schaffen wir es nicht rechtzeitig ins Dorf. Vielleicht sollte ich vorgehen, um Hilfe zu holen? Oder ich schicke eine Nachricht nach Hause. Aber dann werden sie mich finden.«

   Ben überlegte noch einige Zeit angestrengt, dabei schaute er immer wieder nach Sven. Erst spät in der Nacht kam Ben zur Ruhe und schlief ein.