Dreier´s Bücherwelt: Endlich Wochenende


   Irgendwann erwachte er mit starken Kopfschmerzen, die dem Schlagen mit einem Hammer auf einen Amboss glichen, und einer unbeschreiblichen Übelkeit.

   »Was ist nur passiert? Wo bin ich?«

   Er fasste sich an den Kopf und versuchte sich aufzurichten. Sogleich wurde ihm noch übler und die Kopfschmerzen verstärkten sich. Augenblicklich legte er sich wieder hin, danach ging es ihm besser. Er versuchte, die Augen zu öffnen, schloss diese jedoch sogleich wieder. Das einströmende Licht tat so weh, als würde eine Nadel in die Augen stechen. Dabei wallten die Kopfschmerzen und Übelkeit wieder auf. So blieb er einige Zeit ruhig liegen und dachte nach. Ab und zu versuchte er, die Augen einen kleinen Spalt weit zu öffnen, was aber immer wieder mit heftigen Schmerzen und Übelkeit bestraft wurde. Wie lange er so da lag, wusste er nachher nicht mehr. Manchmal glaubte er, dass er dies nicht überstehen würde, so heftig waren die Reaktionen.

   »Ich muss es langsamer angehen.«

   Nach langer Zeit gelang es ihm, die Augen einen Spalt weit ohne Schmerzen zu öffnen. Etwa eine Stunde später konnte er diese ganz öffnen, ohne Kopfschmerzen und Übelkeit hervorzurufen. Er sah sich um.

   »Es scheint alles noch so zu sein wie vorhin. Wie lange ich wohl geschlafen habe?«

   Sven setzte sich auf und lehnte sich an den Baumstamm. Danach versuchte er sich aufzurichten, wobei er sich am Baum hochzog. Gerade als er sich ein kleines Stück hochgezogen hatte, gaben seine Beine nach.

   »Ich muss erst wieder zu Kräften kommen.«

   Er massierte seine Beine, da bemerkte er, dass diese taub waren. Die Berührungen seiner Hände spürte er nicht.

   »Verdammt, was mach ich jetzt bloß?«

   Voller Frust ballte er seine Hände zu Fäusten und schlug damit auf seine Beine ein; auch dies spürte er nicht. Nach einiger Zeit sah er ein, dass es keinen Sinn hatte, und hörte damit auf. Da bemerkte er, dass sein Mund immer trockener wurde und er Durst bekam.

   »Ich muss etwas trinken.«

   Der Baum, an dem er saß, befand sich etwa zehn Meter vom Bach entfernt. Da Sven nicht gehen konnte, versuchte er auf allen vieren zum Bach zu gelangen. Dabei brach er immer wieder zusammen, er konnte sich nicht halten. Danach versuchte er sich nur mit den Armen voran zu ziehen, was ihm auch gelang. Allerdings war dies kein leichtes Unterfangen: Seine Arme wurden sehr schnell kraftlos und er kam nur langsam voran.

   »Ich muss es schaffen. Ich muss es schaffen.«

   Mit jedem Zug, den er machte, schwanden seine Kräfte. Es schien, als würde sich der Bach immer weiter von ihm entfernen. Sein Mund wurde immer trockener und der Durst immer stärker. Es dauerte sehr lange, bis er den Bach erreichte. Dort angekommen blieb er erst einmal bewegungslos liegen: Die Arme taten ihm weh, seine Kräfte waren am Ende. Nachdem er sich wieder einigermaßen erholt hatte, tauchte er die Hände in das Wasser.

   »Was ist, wenn das Wasser an allem Schuld ist? Mal überlegen. Ich habe zuerst die Früchte gegessen und dann Wasser getrunken, oder war es umgekehrt?! Ich kann mich nicht mehr erinnern!«

   Verzweifelt überlegte er, wie es nun gewesen war, dabei wurde sein Verlangen nach Wasser immer stärker.

   »Ich hab zuerst getrunken und dann gegessen, danach wieder getrunken. Vielleicht waren es ja die Früchte. Ich muss etwas trinken, sonst werde ich noch verrückt!«

   Erneut tauchte er seine Hände in das Wasser und führte diese an den Mund, hielt sich aber zurück und sah sich das Wasser aus der Nähe an. Dabei ran es ihm langsam durch die Finger und sein Durst wurde noch größer. Um trinken zu können, musste er seine Hände erneut in das Wasser tauchen. Er führte gerade die gefüllten Hände an den Mund, als diese, durch einen Schlag, sich plötzlich öffneten und das Wasser entließen. Überrascht beobachtete Sven, wie das Wasser im Boden versickerte, dann sah er zur Seite, wo der Schlag herkam. Dort stand ein Junge etwa in seinem Alter mit langen dunklen Haaren. Er war mit einer Lederhose und Wams bekleidet, hatte einen Rucksack und einen Wasserschlauch auf dem Rücken und ein Messer an seinem Gürtel hängen.

   »Du darfst das nicht trinken. Es macht dich krank«, sagte der Junge ernst und zeigte dabei mit seinem Stock, den er in der rechten Hand hielt, auf das Wasser.

   »Aber ich habe so Durst.«

   »Hier trink das.«

   Der Junge reichte ihm seinen Wasserschlauch.

   »Was ist das?«

   »Das ist Baumsaft.«

   Sven öffnete den Schlauch und roch hinein, danach setzte er ihn an den Mund und trank. Es schmeckte leicht süßlich und war angenehm kühl.

   »Nicht so hastig, sonst wird dir schlecht.«

   Hastig nahm er den Schlauch vom Mund.

   »Danke«, sagte er und gab den Schlauch zurück, dabei bemerkte er: »Ich kann nicht mehr gehen.«

   »Hast du von dem Wasser getrunken?«

   Sven nickte, blickte zu den Bäumen und zeigte dabei auf die Früchte.

   »Von denen hab ich auch gegessen.«

   »Dann macht das nichts. Morgen kannst du wieder gehen. Wenn du Durst hast, dann musst du zu den Bäumen gehen.«

   »Und was soll ich da machen?«

   »Du weißt ja gar nichts! Du musst die Rinde aufritzen und den Baumsaft trinken. Das Wasser hier ist nicht gut, es macht einen krank. Du bist nicht von hier?«

   »Nein, ich komme aus Neustadt.«

   »Woher?! Hab ich noch nie was von gehört.«

   »Aus Neustadt. Das ist gleich da drü …« Sven zeigte in die Richtung, aus der er gekommen war. »Da drüben war eben noch eine Tür, da bin ich durchgekommen.«

   Der Junge schaute in die Richtung und hob die Schultern an.

   »Ich bin Ben«, sagte er und reichte Sven die Hand.

   »Ich bin Sven«, entgegnete er und reichte ihm ebenfalls die Hand. »Woher kommst du?«

   »Ich komme aus Samen, das liegt zwei Tage von hier in diese Richtung«, dabei zeigte Ben nach Osten.

   »Und was machst du dann hier?«

   »Ich bin auf der Jagd. Wir brauchen frisches Fleisch.«

   Ben setzte sich zu Sven. Beide unterhielten sich bis zum Abend. Unerwartet stand Ben auf und sammelte in der Nähe liegende Steine und Zweige. Sven sah zu, wie er die Steine zu einem Ring zusammenlegte und die gefundenen Zweige in dem Steinkreis aufschichtete. Als Ben damit fertig war, fuhr er mit der Hand über das aufgeschichtete Holz, das daraufhin lichterloh brannte. Erschrocken drehte sich Sven zur Seite, als das Feuer mit einem Knall aufloderte. Ben bemerkte diese Reaktion nicht und bereitete unbeirrt das Abendessen zu. Sven wollte Ben nicht zu nahe treten, indem er nachfragte, wie dieser das Feuer angefacht hatte, obwohl es ihn brennend interessierte. Gemeinsam aßen sie von den Früchten und tranken dazu heißen Tee, den Ben auf dem Feuer zubereitet hatte. Nach dem Abendessen räumte Ben das Geschirr zur Seite und legte sich hin. Kurz darauf schlief er tief und fest. Sven hingegen lag noch lange wach und dachte über die letzten Tage nach. Erst spät in der Nacht fielen ihm vor Müdigkeit die Augen zu.