Dreier´s Bücherwelt: Der kleine Magier


   Die ersten Sonnenstrahlen erhellten bereits die Straßen, als Peter die Wohnung verließ. Er ging nachdenklich und nicht auf den Weg achtend in Richtung Festwiese. Ein einziger Gedanke beschäftigte ihn so sehr, dass er nichts um sich herum wahrnahm: 

   »Wie kann ich Mawas besiegen?« 

   Er war erst wenige Minuten unterwegs, als ihn ein seltsames Gefühl überkam. Es war eine Empfindung von Vertrautheit und Angst zugleich. Er löste sich von seinen Gedanken und sah sich um. Er befand sich nicht dort, wo er hin wollte. Vor ihm lagen die Trümmer des Hauses, in dem er noch vor ein paar Wochen mit seinem Vater lebte. Die Absperrungen waren immer noch vorhanden, allerdings standen keine Beamten mehr davor, die aufpassten, dass niemand das Gelände betrat. Peter hob das Absperrband an und schlüpfte hindurch. Darauf achtend nicht gesehen zu werden, ging er auf das Trümmerfeld zu. An der Stelle, wo sich einmal der Eingang befand, blieb er abrupt stehen, da das seltsame Gefühl wieder in den Vordergrund trat. Als er sich umsah, konnte er jedoch nichts Ungewöhnliches entdecken. Vorsichtig ging er weiter und durchschritt die Eingangstür, von der nur noch ein Teil des Rahmens stand. So achtsam wie möglich auftretend ging er weiter in das Trümmerfeld. Dort blieb er kurz stehen und orientierte sich. Nachdem er die einzelnen Zimmer lokalisiert hatte, ging er in die Richtung, in der sein Kinderzimmer gelegen hatte. Dort hob er einige Trümmerstücke beiseite. Er hoffte etwas zu finden, was ihm schon in der Vergangenheit geholfen hatte. Es war fast eine Viertelstunde verstrichen, als er das gesuchte Objekt fand. Vorsichtig hob er es auf und säuberte es grob. Der Rahmen war noch gut erhalten, das Glas allerdings war zersprungen. Behutsam entfernte er die letzten Glas- und Schmutzreste von dem Bild. Es zeigte eine junge Frau, neben der ein ebenso junger Mann stand: Seine Eltern. Mit einem Finger strich er über das Gesicht der Frau. Sehnsüchtig dachte er daran, wie schön es doch wäre, wenn sie jetzt bei ihm sein könnte. Er kannte sie nur von diesem Foto. Aber immer, wenn er es ansah, wurde ihm warm ums Herz, so als ob sie ihn umarmen würde.

   »Hallo Peter! Dachte mir schon, dass du hier bist.«

   Peter lief ein eiskalter Schauer den Rücken herunter. Starr vor Schreck konnte er sich nicht bewegen. Erst nach einigen Sekunden löste sich seine Anspannung und er drehte sich langsam zu dem Sprecher um.

   »Mawas!«

   »Du weißt, was ich von dir möchte?«

   »Ich werde es dir nie übergeben. Um es zu bekommen, musst du mich schon töten.«

   Peter hatte den Satz kaum beendet, da schleuderte Mawas ihm den ersten Zauber entgegen. Gerade noch rechtzeitig konnte Peter einen Schutz aufbauen.

   »Warte!«, rief er Mawas zu. »Lass es uns woanders austragen. Ich möchte nicht, dass Unschuldige verletzt werden.«

   »Was interessiert es dich? Nach deinem Tod werden sie sowieso alle sterben.«

   Peter bekam ein flaues Gefühl im Magen. Hastig überlegte er, wie er verhindern könnte, dass Unbeteiligte bei dem Kampf zu Schaden kamen. Dazu fiel ihm nur ein Ort ein.

   »Tragen wir es in deiner Welt aus.«

   Verwundert über diesen Vorschlag nickte Mawas nur und zeigte zum Rand des Trümmerfeldes. Dort befand sich ein Durchgang, der direkt in Mawas Welt führte. Als Peter sich dem Tor näherte, ließ er Mawas nicht aus den Augen. Kaum hatte Peter die Pforte erreicht, da setzte sich auch Mawas in Bewegung. Peter schritt zuerst hindurch und wartete auf der Gegenseite auf ihn. Als auch Mawas hindurchgeschritten war, schloss sich das Tor wieder. Beide standen mitten auf dem Versammlungsplatz der Festung. Mawas Diener hatten den Platz umstellt, so dass Peter diesen nicht ohne weiteres verlassen konnte.

   »Bist du so schwach geworden, dass dir deine Diener bei dem Kampf gegen mich helfen müssen?«, spottete Peter.

   »Sie werden nicht eingreifen. Sie sind nur da, um nach dem Kampf wieder für Ordnung zu sorgen«, entgegnete Mawas mit einem Grinsen.

   Peter hatte das kleine Ledersäckchen immer noch um den Hals gebunden und unter seinem Hemd versteckt. Jetzt holte er es langsam hervor, so dass Mawas es gut sehen und seine Magie spüren konnte. Kaum hatte er dies getan, da fuhr ein Lächeln über Mawas Gesicht.

   »Dafür wirst du mich schon töten müssen.«

   Mawas nickte kurz und griff an.