Dreier´s Bücherwelt: Der kleine Magier


   Rolf und Dieter kamen mit ihren Ermittlungen nur langsam voran. Es waren bereite drei Wochen vergangen, doch sie wussten immer noch nicht, wer die verbrannte Frau war. Die Fragen an die Königin der Anderen waren noch nicht beantwortet worden. Alles schien sich gegen die Ermittlungen zu stellen.

   Beide saßen in ihrem Büro und brüteten über den Bildern und Akten des Falles, als es plötzlich an der Tür klopfte.

   »Herein«, sagte Rolf, während Dieter weiter die Unterlagen studierte.

   Die Tür war nur einen Spaltbreit geöffnet, da erhob sich Rolf hastig von seinem Stuhl und schrie:

   »In Deckung!«

   Dieter reagiert erst, als Rolf die Aufforderung zum zweiten Mal ausrief, und ließ sich vom Stuhl unter seinen Schreibtisch gleiten.

   Beide sahen zur Tür. Diese war bereits vollständig geöffnet. Im Türrahmen stand eine ältere Frau.

   »Rolf! Seit wann bist du so schreckhaft?«

   Rolf kam unter seinem Schreibtisch hervor, stand auf und ging der Frau entgegen.

   »Das war nur ein Test für meinen Partner. Ich wollte wissen, wie er reagiert, wenn es ernst wird.«

   »Willst du mich ihm nicht vorstellen?«

   Dieter, der ebenfalls aufgestanden war, ging zu den Beiden.

   »Gunilla, das ist Dieter.«

   Diesem blieb fast das Herz stehen, als er den Namen hörte. Vor ihm stand eine Königin. Wie sollte er sich verhalten? Er verbeugte sich, worauf hin Rolf grinste.

   »Nicht so steif. Sie beißt nicht.«

   Sie unterhielten sich längere Zeit mit Gunilla. Dabei erfuhren sie, dass Hans und Peter noch lebten und auf dem Weg außer Landes waren. Wohin die Beiden gehen wollten, wusste Gunilla nicht.

   

   Rolf und Dieter fuhren zum Bahnhof. Es waren zwar schon mehrere Wochen vergangen, als Hans und sein Sohn dort waren, aber sie hatten eine leise Hoffnung, dass sich jemand an die beiden erinnerte. Sie beschlossen als Erstes die Obdachlosen und Prostituierten zu befragen, die sich im und um den Bahnhof befanden. Es dauerte nicht lange, da hatte Dieter einen Jungen gefunden, der etwas gesehen haben glaubte. Der Junge war etwa dreizehn Jahre alt und war fast jeden Tag im Bahnhof, wo er auf seine Kundschaft wartete. Rolf gesellte sich zu ihnen und fragte den Jungen nach weiteren Einzelheiten.

   »Da war diese Frau. Sie ist mir gleich aufgefallen, weil sie so komisch gegangen ist. Sie ist zuerst in die Richtung ...«, der Junge zeigte auf den Fahrkartenautomaten. »... dann ist sie dort nach draußen auf den Vorplatz. Plötzlich gab es ein helles Licht und sie war weg.«

   Rolf beschrieb dem Jungen das Aussehen von Hans und Peter. Er wollte wissen, ob er die beiden ebenfalls gesehen hatte. Der Junge konnte sich an Peter erinnern, der mit einem Mann in den Zug nach Frankfurt gestiegen war.

   »Danke, hier für dich«, Rolf gab dem Jungen einen Geldschein.

   Der Junge bedankte sich und ging.

   »Jetzt wissen wir wenigstens, wohin sie gefahren sind«, meinte Dieter und sah dem Jungen kopfschüttelnd nach. »Noch so jung ...«

   »Darum soll sich die Sitte oder das Jugendamt kümmern. Komm, der nächste Zug nach Frankfurt geht in einer halben Stunde.«

   

   Nach ihrer Ankunft am Frankfurter Bahnhof gingen Rolf und Dieter zunächst zur Bahnaufsicht. Sie hofften, dass dort jemand die Beiden gesehen hatte. Allerdings konnte sich keiner von den Bahnbediensteten an Hans und Peter erinnern. Auch die Befragung der sich im Bahnhof aufhaltenden Obdachlosen und Prostituierten brachte nichts. Entweder hatte sie keiner gesehen, oder sie waren hier nicht eingetroffen.

   »Und wenn sie vorher schon ausgestiegen sind?«

   »Das glaube ich nicht«, meinte Rolf.

   »Wieso bist du dir da so sicher, dass sie hier waren?«

   »Es ist so eine Ahnung. Ich denke, sie wollten zum Flughafen. Lass uns gehen, vielleicht hat man sie ja dort gesehen.«

   

   Am Flughafen angekommen, suchten sie sogleich die dortige Aufsicht auf. Da sich keiner der zurzeit Anwesenden an Hans und Peter erinnern konnte, wollte Rolf die Überwachungsbänder durchsehen. Leider war dies nicht mehr möglich, da die Bänder bereits überschrieben worden waren. Auch die Befragung von Angestellten an den Flugabfertigungen ergab keine neuen Erkenntnisse.

   »Wohin könnten sie geflogen sein?«, fragte sich Rolf nachdenklich.

   Dieter sah sich noch einmal im Flughafengelände um, während Rolf weiterhin versuchte, Angestellte zu finden, die Hans und Peter gesehen hatten. Dieter sah ein Mädchen und einen Jungen, die zusammen unter einer Treppe saßen. Beide waren etwa zwölf bis fünfzehn Jahre alt und sahen aus, als ob sie schon länger dort verweilten. Langsam näherte sich Dieter den Beiden.

   »Hallo! Seid ihr öfter hier?«

   Die beiden sahen Dieter erschrocken an, sie hatten sein Kommen nicht bemerkt.

   »Ihr braucht keine Angst zu haben. Ich bin nicht wegen euch hier.«

   Langsam entspannten sie sich. Dieter erklärte den Beiden, dass er einen Mann und einen Jungen suchte, und beschrieb deren Aussehen. Sie sahen sich kurz an, dann meinte der Junge: »Die waren vor etwa drei Wochen hier. Sie sind dort drüben durch die Abfertigung. Es war so gegen zwölf Uhr.«

   »Wisst ihr auch, wo sie hingeflogen sind?«

   »Ich glaube, es war Hamburg«, sagte das Mädchen.

   »Danke. Ihr habt uns damit sehr geholfen.«

   Dieter verabschiedete sich von den Kindern und suchte Rolf. Als er ihn gefunden hatte, erzählter er ihm, was er in Erfahrung gebracht hatte. Rolf telefonierte kurz und eilte danach zum Abfertigungsschalter.

   »Wir können doch nicht einfach nach Hamburg fliegen! Wir haben nichts dabei und wer soll das alles bezahlen?«

   »Wir tun, was für die Ermittlungen notwendig ist. Was wir benötigen, werden wir kaufen.«

   »Ich glaube nicht, dass wir das über die Spesenabrechnung abwickeln können.«

   »Hierfür haben wir ein uneingeschränktes Budget.«

   »Aber ich habe nicht so viel Geld auf meinem Konto. Ich kann das nicht alles vorstrecken.«

   »Das ist auch nicht nötig. Mit dieser Karte können wir alles bezahlen«, Rolf zeigte Dieter eine platinfarbene Kreditkarte. »Sie hat eine uneingeschränkte Deckung.«

   Rolf bezahlte die Flugtickets. Kurze Zeit später saßen sie bereits im Flugzeug.

   »Mit wem hast du eigentlich telefoniert?«

   »Mit einem Freund in Hamburg. Er erwartet uns am Flughafen und wird uns bei der Suche unterstützen.«

   »Ist er auch ...?«

   »Nein«, fuhr ihm Rolf ins Wort. »und kein Wort darüber!«

   Der Flug und die Landung verliefen ohne Probleme. In Hamburg gingen Rolf und Dieter gleich zu der verabredeten Stelle im Flughafengebäude.

   »Hallo Karl, wie läuft es so bei dir?«

   »Danke der Nachfrage, aber wir sollten das besser woanders besprechen.«

   »Das ist übrigens Dieter, mein Partner.«

   Karl begrüßte Dieter eher zurückhaltend. Dieter hatte den Eindruck, dass Karl etwas gegen ihn hätte. Zusammen verließen sie das Flughafengebäude und stiegen in den Dienstwagen. Sie fuhren Richtung Stadtzentrum. Während der Fahrt erzählte Rolf von der Suche nach Hans und Peter. Karl nickte dabei gelegentlich. 

   Die Fahrt dauerte über eine Stunde. Im Polizeipräsidium angekommen, begaben sie sich in Karls Büro.

   »Es sind bereits über drei Wochen vergangen, seitdem die Beiden hier gelandet sind. Es wird schwierig sein, jetzt noch Zeugen zu finden.«

   Darauf hin antwortete Rolf: »Das wissen wir. Aber wir müssen sie unbedingt finden. Kannst du nicht eine Fahndung herausgeben?«

   »So weit du mir berichtet hast, haben sie sich nichts zuschulden kommen lassen, außer dass sie verreist sind.«

   Rolf überlegte einen Augenblick und meinte: »Wie wäre es mit Mordverdacht? In ihrem Haus wurde eine Leiche gefunden, die nicht eines natürlichen Todes gestorben ist.« 

   Karl sah Rolf erstaunt an. 

   »Hatte ich das nicht erwähnt?«