Dreier´s Bücherwelt: Der kleine Magier


   »Meinst du, dass wir in Hamburg sicher vor ihm sind?«

   »Ich glaube schon. Gunilla hat mir eine Adresse gegeben, wo wir Hilfe bekommen.«

   Der Flug dauerte nur noch eine halbe Stunde. Peter schaute durch das Fenster und betrachtete die unter ihnen vorbeiziehenden Wolken. Es faszinierte ihn. Plötzlich schreckte er zurück und gab einen erstickten Laut von sich.

   »Was hast du?«

   »Da unten ...«, sagte Peter und zeigte aus dem Fenster.

   Hans beugte sich über ihn, sah hinaus, konnte jedoch nichts Ungewöhnliches entdecken. 

   »Hm. Was meinst du damit?«

   Peter sah noch einmal durch die Öffnung in der Außenwand. Alles schien normal zu sein.

   »Aber eben war da noch ...«, Peter verstummte.

   »Hoffen wir, dass du dich geirrt hast«, meinte Hans und strich Peter beruhigend über den Kopf.

   

   Ein heftiger Schlag ging durch das Flugzeug, woraufhin es ein wenig absackte, wie ein Auto bei einem Schlagloch. Die Warnlichter gingen an und aus dem Lautsprecher wurde bekanntgegeben, dass der Flug wegen eines plötzlich aufgezogenen Unwetters etwas holprig werden würde. Aus Sicherheitsgründen sollten sie sich anschnallen und die Plätze nicht verlassen. Kurz darauf gab es wieder einen Schlag, diesmal sackte das Flugzeug noch mehr ab. Die Flugbegleiterin, die die Durchsage gemacht hatte, konnte sich nicht mehr halten und stürzte zu Boden. Sie kroch zu ihrem Sitz und schnallte sich an. Wieder fiel das Flugzeug nach unten. Die Passagiere wurden unruhig. Aus dem Lautsprecher kam eine Männerstimme.

   »Hier spricht der Kapitän. Das Unwetter ist stärker als angenommen. Leider können wir die Wetterfront nicht umfliegen. Bitte bleiben Sie angeschnallt und verlassen Sie nicht ihren Sitzplatz. Folgen Sie den Anweisungen der Flugbegleiter.«

   Ein Klicken im Lautsprecher beendete die Durchsage. Peter sah seinen Vater mit aufgerissenen Augen an.

   »Meinst du etwa ...?«, fragte daraufhin Hans.

   »Er ist es, ganz bestimmt. Er wird uns kriegen.«

   »Beruhige dich, vielleicht ist es ja doch nur ein harmloses Gewitter.«

   Wieder ging ein Ruck durch die Kabine. Lose herumliegende Gegenstände wurden durch die Luft geschleudert. Das Flugzeug neigte sich bedrohlich zur Seite. Plötzlich zeigte die Nase nach unten. Sie rasten auf die Erde zu. Das Flugzeug taumelte und schüttelte sich so heftig, dass es ächzte und krächzte. Einige Passagiere schrien, während andere anfingen zu beten. Peter sah noch einmal aus dem Fenster, konnte jedoch wegen des Unwetters nichts erkennen. Hans versuchte seine Nervosität vor seinem Sohn zu verbergen. Peter sah seinen Vater fragend an, der ihm daraufhin zunickte. Peter schloss die Augen, lehnte sich in seinem Sitz zurück und versuchte sich zu entspannen. Zuerst wollte es ihm nicht gelingen, da das Flugzeug immer noch von dem Unwetter geschüttelt wurde. Es dauerte mehrere Minuten, bis er sich so weit beruhigt hatte, dass er mit seinem Vorhaben beginnen konnte.

   Der Sturzflug schien beendet zu sein, da das Flugzeug wieder in der Horizontalen flog. Das Unwetter zerrte nicht mehr an der Maschine. So plötzlich, wie es entstanden war, verschwand es auch wieder. Der Flugkapitän meldete sich wieder über Lautsprecher.

   »Wir haben das Unwetter passiert und werden in wenigen Minuten in Hamburg landen. Bitte bleiben Sie zu ihrer eigenen Sicherheit angeschnallt und folgen Sie den Anweisungen der Flugbegleiter.«

   

    Das Flugzeug landete und die Passagiere stiegen erleichtert aus. Hans und Peter begaben sich auf direktem Weg zum Ausgang und nahmen ein Taxi.

   »Heiligengeistfeld bitte«, sagte Hans.

   Der Fahrer sah nach hinten. »Welche Hausnummer?«

   »Fahren Sie uns zu dem Bunker am Rand des Platzes.«

   

   Nach etwa einer Stunde hielt das Taxi an. Hans bezahlte und stieg mit seinem Sohn aus.

   »Wo müssen wir jetzt hin?«, fragte Peter.

   »Wir gehen zum anderen Ende des Bunkers. Dort gibt es einen Durchgang. Wir müssen nur aufpassen, dass uns niemand sieht, wenn wir hindurchgehen.«

   Langsam, sich dabei das Bauwerk ansehend, gingen beide zum anderen Ende des Gebäudes. Peter holte seine Kamera aus der Tasche und machte ein paar Fotos. Am Ende des Bunkers angekommen, blieb Hans stehen und zeigte nach oben: »Von dort oben hat man einen wunderbaren Blick über den Platz.« 

   Peter sah seinen Vater fragend an. Dann begriff er, was sein Vater vorhatte, und sah ebenfalls nach oben. Sie gingen ein paar Schritte weiter. Dort befand sich an der Wand eine aufgemalte Tür. Hans streckte seinen Arm und berührte den angedeuteten Klingelknopf. Als nichts geschah, versuchte es Peter. Hans sah sich unterdessen nach möglichen Beobachtern um. Es dauerte nicht lange, da veränderte sich die gezeichnete Tür. Sie wurde plastischer und bekam Struktur. Nur wenige Sekunden später war die Tür real und öffnete sich. Hans und Peter gingen eilig hindurch. Kaum hatten sie die Türschwelle überschritten, da schloss sich die Wand. Von außen war wieder eine aufgemalte Tür zu sehen.