Dreier´s Bücherwelt: Der kleine Magier


   Peter wurde langsam wach. Vorsichtig öffnete er die Augen.

   »Hallo, Peter. Da bist du ja wieder.«

   Peter blickte in das Gesicht einer ihm unbekannten Frau.

   »Wo bin ich?« Plötzlich schreckte er auf. »Vater!«

   Die Fremde hielt ihn zurück.

   »Ganz ruhig. Du kannst noch nicht aufstehen. Du musst dich noch etwas ausruhen. Ich bin übrigens Sabine.«

   »Wo ist mein Vater? Warum darf ich nicht zu ihm? Vater!«

   Sie hatte ihre Mühe, Peter davon abzuhalten aufzustehen. Er wehrte sich so heftig, dass er dabei Sabine aus Versehen mit der Faust in das Gesicht schlug. Sie wich zurück und ließ Peter los. Er nutzte die Gelegenheit, sprang aus dem Bett und rannte zur Tür. Sabine konnte nicht schnell genug reagieren, und rief nur hinterher:

   »Peter, warte! Jumgra santu joste.«

   Peter blieb abrupt stehen und drehte sich zu ihr um.

   »Asmu quaro lunt. Wo ist mein Vater?«, fragte er noch einmal mit strenger Stimme.

   »Warte, ich bringe dich zu ihm.« Sabine stand auf und ging zu Peter, wobei sie sich die linke Wange hielt. »Du hast einen kräftigen Schlag« Sie rieb vorsichtig die getroffene Stelle.

   Peter beobachtete sie angespannt. Als sie an ihm vorbeiging, wich er ein Stück zurück, um aus ihrer Reichweite zu gelangen. Sabine öffnete die Tür und bat ihn mit zu kommen. Peter gab ihr zu verstehen, dass sie vorgehen sollte, und ging danach langsam hinter ihr her. Sie bog links ab und hielt an der ersten Tür auf der rechten Seite. Bevor sie die Tür öffnete, sah sie zu Peter zurück. Dann trat sie ein. Peter folgte ihr in einem sicheren Abstand. Erst als Sabine den Blick auf das Bett freigab, konnte er sich nicht mehr zurückhalten und lief an ihr vorbei.

   »Vater! Vater!«, rief er, als er zum Bett lief. Sein Vater reagierte nicht, er war bewusstlos.

   »Er ist schwer verletzt. Wir tun, was wir können, aber auch uns sind Grenzen gesetzt«, Sabine´s Stimme bebte.

   »Was hat er?«

   Sie antwortete nicht gleich, sondern kam erst langsam näher. 

   »Wie viel weißt du von all dem?«

   Peter sah sie an und sagte: »Kofta zermo trawes.«

   Sabine blieb bei den Worten des Jungen erschrocken stehen.

   »Dein Vater wurde an der Schulter von einer Huktra getroffen.«

   Peter verzog keine Miene, als sie den Huktra erwähnte, was Sabine einen Schauer über den Rücken laufen ließ.

   »Lass mich mit meinem Vater allein.«

   Sie nickte kurz, verließ den Raum, schloss die Tür und lehnte sich dagegen. Sie blickte hoch und atmete tief durch.

   »Warum bist du nicht bei dem Jungen?«, Manfred stand plötzlich vor ihr.

   Erschrocken senkte sie den Blick von der Decke und sah ihm direkt in die Augen.

   »Peter wollte mit seinem Vater allein sein«, sagte sie.

   »Du solltest ihn auf keinen Fall unbeaufsichtigt lassen. War die Anweisung nicht deutlich genug für dich?«

   »Warum habt ihr mir nicht gesagt, dass er es ist?«

   »Was soll er sein?«, Manfred verstand die Frage nicht.

   »Der Junge. Er sagte … Kofta zermo trawes«

   »Nur wegen der drei Worte lässt du ihn ohne Aufsicht? Aus dem Weg«, er stieß Sabine zur Seite und öffnete die Tür.

   

   Als die Tür verriegelt war, ging Peter zu seinem Vater an das Bett. Vorsichtig legte er die Decke beiseite, um sich die Verletzung anzusehen. Ein dicker Verband verdeckte die rechte Schulter. Diesen entfernte er, darauf bedacht, seinem Vater keine Schmerzen zuzufügen. Als die Schulter frei war, sah er sich die Wunde genauer an. Es war nur ein kleiner roter Punkt zu sehen, von dem sich strahlenförmig rote Linien ausbreiteten. Peter wollte gerade seinen Beutel unter dem Hemd hervorholen, als die Tür aufgerissen wurde. Abwesend sah er zur Tür und rief:

   »Estra homa!«

   

   Ein gewaltiger Luftstoß schleuderte Manfred an die gegenüberliegende Wand, bevor er auch nur ein Wort sagen konnte. Sabine sprang noch rechtzeitig zur Seite, sonst hätte er sie mitgerissen. Aus dem Raum war Peters Stimme zu hören:

   »Ich sagte, ich möchte mit meinem Vater allein sein!«

   Der Sturm verebbte und die Tür schloss sich. Sabine ging zu Manfred und half ihm aufzustehen.

   »Bist du verletzt?«

   »Nein. Mir geht es gut.«

   »Wie hat er das nur gemacht?«

   Manfred sah sie forschend an: »Du bist noch nicht lange bei uns, oder?«

   »Nein. Erst seit dreißig Jahren.«

   »Das erklärt alles. Man hätte dich nicht für diese Aufgabe auswählen dürfen.«

   »Warum denn nicht? Ich verstehe immer weniger.«

   »Das eben Geschehene beweist, dass Peter das ist, was er zu dir gesagt hatte.«

   Sabine sah ihn nur stumm an.

   »Entschuldige, dass ich vorhin aufbrausend war, aber es klang unwahrscheinlich.«

   Manfred gab ihr durch ein Handzeichen zu verstehen, ihm zu folgen. Beide gingen und erreichten bald eine Tür, die in einen großen Raum führte. Er klopfte an die Tür und wartete einen Augenblick, bevor sie eintraten. Manfred lief auf einen Tisch zu, hinter dem eine ältere Frau saß, und verneigte sich. Sabine tat es ihm hastig gleich.

   »Verzeiht mein Eindringen, Gunilla, aber der, den ihr erwartet, ist angekommen«, sagte Manfred und erhob sich langsam.

   Die alte Frau stand auf. »Bringt mich zu ihm.«

   Alle drei verließen den Raum und gingen zu der Tür, hinter der Peter mit seinem Vater war.

   

   Nachdem die Tür verriegelt war, wandte sich Peter erneut seinem Vater zu. Die Strahlen der Verletzung an der Schulter von Hans hatten sich weiter ausgebreitet. Jetzt reichten sie fast schon bis zum Kopf. Peter musste sich beeilen, wenn er ihn noch retten wollte. Er nahm den Beutel heraus, den er unter das Hemd gesteckt hatte, und öffnete ihn. Darin befand sich eine schwarze Substanz, von der Peter eine winzige Menge zwischen den Daumen und Zeigefinger nahm. Er streute das Pulver auf die Wunde seines Vaters und beschwor dabei einen mächtigen Zauber.