Dreier´s Bücherwelt: Dranchenfreunde


   Pergi war orientierungslos. Es war dunkel, so dass er nicht erkennen konnte, wo er sich befand. Er wusste weder, wo oben und unten war, noch wo er war. Nur schwach erinnerte er sich an den Sturz in das bodenlose Loch. Er schüttelte den Kopf, hoffte er doch, dass er damit den Schleier vor seinen Augen und Gedanken lüften könnte. Da spürte er, dass er auf etwas lag, und versuchte sich aufzurichten. Dies gelang ihm nur schwer, da der Untergrund nachgab. Als er es endlich geschafft hatte, schwankte er hin und her. Seine Füße konnten auf dem nachgebenden Untergrund kaum halt finden. Vorsichtig ging er einen Schritt nach dem anderen vorwärts. Nach ein paar Schritten, trat er ins lehre, kippte nach hinten und rutschte hinab. Unten war der Untergrund härter. Er konnte normal darauf stehen und laufen.
   »Was ist das nur gewesen?«, fragte er sich und wandte sich dem zu, was er hinabgerutscht war.
   Vorsichtig streckte er beide Arme aus und ging so lange, bis er es berührte. Es fühlte sich warm und weich an, so als ob es lebendig wäre. Behutsam strich er über die sich seltsam anfühlende Oberfläche, die ihm aber vertraut vorkam. Intuitiv lief er tastend in eine Richtung. Einige Schritte weiter stieß er auf ein Hindernis. Er tastete danach und stellte fest, dass es aus dem gleichen Material wie die Wand, die er entlangging, bestand. Er versuchte herauszufinden, wie groß das Hindernis war. Tastend erkundete er es. Etwa zehn Schritte von der Wand entfernt wurde das Hindernis niedriger und endete schließlich. Die Form erinnerte ihn an eine Hand oder etwas Ähnliches. Es dauerte einige Zeit, bis ihm klar wurde, was es tatsächlich war.
   »Der Fuß einer Echse«, durchfuhr es ihn.
   Schlagartig wurde ihm klar, dass er sich in großer Gefahr befand. Er musste zusehen, dass er so schnell als möglich von hier wegkam.
   Aber wo sollte er hin?
   Die Dunkelheit verhinderte jede Orientierung.
   Pergi dachte darüber nach, was er tun sollte. Er sah nach oben, in der Hoffnung, dass von dort Hilfe kam. In diesem Augenblick glimmte ein kleiner Punkt auf. Zuerst dachte er, es sei ein Stern, aber dann bemerkte er, dass dieser Punkt größer und heller wurde. Als der Leuchtpunkt den Boden erreichte, sprang er auf und fiel Pergi vor die Füße. Das Leuchten des Gegenstandes war so stark, dass Pergi nun seine Umgebung wahrnehmen konnte. Er nahm den Stein auf und hob ihn über seinen Kopf. Er staunte, als er den riesigen Körper sah, der vor ihm lag. Er füllte fast den gesamten Raum aus, in dem sie sich befanden. Den Raum schätzte er auf etwa dreißig Meter im Durchmesser. Nachdem er sich einen Überblick verschafft hatte, bedeckte er einen Teil des Lichtes, so dass es nicht ganz so hell war.
   »Danke, dass du das Licht bedeckst.«
   Pergi erschrak so heftig, dass er zurückwich, über etwas stolperte und hinfiel.
   »Wer ist da?«, rief er verängstigt.
   »Hast du mich etwa schon vergessen?«
   Pergi nahm eine Bewegung wahr und blickte in die Richtung. Sein Atem stockte, als er im Schein des Leuchtsteins den Kopf des Tieres sah. Allein das Maul war so groß, dass es Pergi mit einem einzigen Bissen hätte verschlingen können. Ängstlich versuchte er sich, auf dem Hosenboden rutschend, von dem bedrohlichen Kopf zu entfernen.
   »Du hast Angst vor mir? Das brauchst du nicht. Du kennst mich doch!«
   Pergi war ängstlich und verwirrt zugleich. Einerseits kannte er die Stimme, aber andererseits war das, was er sah, nicht gerade vertrauenserweckend.
   »Wer ... bist ... du?«, stammelte er leise.
   »Du scheinst dich wirklich nicht mehr an mich zu erinnern. Ich bin Kebaikan.«
   »Kebaikan«, wiederholte Pergi für sich. Diesen Namen hatte er doch schon einmal gehört.
   »Kannst du dich jetzt erinnern?«, fragte Kebaikan.
   »Nein. Tut mir leid«, sagte Pergi und sah Kebaikan fragend an.
   Es vergingen unendliche Minuten, bis Kebaikan auf den fragenden Blick Pergi´s einging.
   
   »Alles begann vor sehr langer Zeit, als die Menschen und Drachen noch friedlich nebeneinander existierten«, begann Kebaikan seine Erzählung.
   »Es waren die glücklicheren Tage der Vergangenheit. Aber wie so oft gab es einen unter ihnen, der nicht in Frieden leben wollte. Sein Name war Jahat. Er war ein listiger und zugleich grausamer Drache. Was immer auch die anderen Drachen gegen ihn unternahmen, er fand einen Weg, um sich zu befreien und die Menschen zu quälen. Die Jahrzehnte vergingen und Jahat wurde stärker und grausamer. Nach und nach tötete er alle Drachen, die nicht mit ihm zusammenarbeiten wollten. Ich hatte mich zum Schein mit ihm eingelassen. Ich wollte sein Vertrauen gewinnen, um ihn dann zu vernichten. Vor etwa zehn Jahren war es dann so weit. Ich habe ihn aus einem Hinterhalt angegriffen. Leider gelang es mir nicht, ihn mit dem ersten Schlag auszuschalten. Er wehrte sich vehement und ich erlitt schwere Verletzungen. Trotzdem schaffte ich es, Jahat niederzuringen und zu töten. Allerdings zu einem sehr hohen Preis. Meine Verletzungen waren so stark, dass ich mich nicht selbst heilen konnte, und da kamst du ins Spiel.«
   »Warte. Bei dir war ich die letzten zehn Jahre?«
   »Ja. Du hast mich gesund gepflegt. Und zum Dank dafür habe ich dir deine Jugend erhalten.«
   »Warum kann ich mich dann an nichts erinnern?«
   »Vor etwa vier Wochen hatten wir einen Streit, an dessen Ende du davongelaufen bist. Ich war noch zu schwach, um dir zu folgen. Was dann geschah, entzieht sich meiner Kenntnis.«
   »Worüber haben wir uns denn gestritten?«
   »Es ging um die Behandlung meiner Wunden. Du meintest, dass es mit anderen Kräutern schneller ginge.«
   »Das ist alles? Das kann ich nicht glauben.«
   »Es war auch nur der zündende Funke. Du wolltest mich schon länger verlassen und zurück zu deiner Familie. Nun, das hast du dann auch getan.«
   »Das erklärt aber immer noch nicht, warum ich mich an die letzten zehn Jahre nicht erinnern kann.«
   »Da ich noch nicht vollständig wiederhergestellt war, habe ich, zu deinem und meinem Schutz, deine Erinnerungen gelöscht.«
   Pergi starrte den Drachen fassungslos an.
   »Wie konnte er nur so etwas tun?«, dachte er.
   »Ich kann sie dir aber wieder zurückgeben, wenn du es möchtest«, sagte Kebaikan, als er den Gesichtsausdruck des Jungen sah.
   Pergi überlegte nicht lange. »Klar will ich die wieder haben.«
   Der Drache senkte den Kopf und hauchte den Jungen an. Pergi verspürte dabei nur einen warmen Luftzug, der seinen Kopf frei zu fegen schien. Mit einem mal erinnerte er sich daran, was in den letzten zehn Jahren geschehen war. All die glücklichen und auch unglücklichen Momente. Allerdings auch an etwas, das er nicht richtig verstand.
   »Wer oder was ist Sihir?«, fragte er den Drachen.
   »Deine Zeit bei mir hat dich verändert. Nicht nur, dass du nicht gealtert bist. Aber wie viel es dich verändert hat, das kann ich dir nicht sagen. Nur so viel, du wirst ein sehr langes Leben haben.«
   »Kannst oder willst du es mir nicht sagen?«
   »Es ist noch nie vorgekommen, dass ein Menschenjunge so lange Zeit bei einem Drachen war. Somit weiß niemand, was alles geschehen wird.«
   »Oh. Vielen Dank auch dafür. Jetzt bleibe ich womöglich für immer zehn!«, schrie er den Drachen an und lief aufgeregt hin und her.
   »Das ist durchaus möglich«, antwortete Kebaikan.
   Pergi wusste nicht, ob er sich darüber freuen oder ob er den Drachen dafür hassen sollte. Zornig stellte er sich mit in die Hüften gestemmten Armen vor Kebaikan.
   »Wunderbar, und wie soll ich das meinem Bruder oder den anderen Leuten erklären?«
   Als der Drache ihm keine Antwort gab, wurde er noch wütender. Sein Herz fing an zu rasen. Mit jeder Sekunde wurde es schneller und schneller. An den Schläfen traten die Adern hervor und das Gesicht färbte sich rot. Je länger es dauerte, desto unheimlicher sah Pergi aus.
   »Beruhige dich Pergi«, meinte der Drache schließlich und stieß den Jungen mit seiner Nase an.
   Pergi reagierte darauf noch heftiger. Er atmete jetzt so schnell, als würde er um sein Leben laufen. Die Atemstöße richtete er dabei auf den Kopf des Drachen. Immer schneller und heftiger stieß er den Atem aus. Pergi hob den Kopf und schrie so laut er konnte. Ein grelles fast weißes Licht schoss dabei aus seinem Mund. Erschrocken darüber hielt er sich mit beiden Händen den Mund zu und wandte sich ab.
   »Beruhige dich bitte!«, hörte er den Drachen rufen.
   Pergi benötigte eine Zeitlang, um sich zu beruhigen.
   »Was ... das«, stammelte er und zeigte auf seinen Mund.
   »Das war das Feuer des Zorns. Es vernichtet alles, was damit in Berührung kommt.«
   Pergi brach zusammen, als er das hörte. Weinend lag er zusammengekauert am Boden. Kebaikan legte seinen Kopf neben ihn und summte. Langsam entspannte sich Pergi und sein Weinen ging in ein Schluchzen über. Es dauert nicht lange und er schmiegte sich an den Kopf des Drachen. Kurz darauf schlief er ein.