Dreier´s Bücherwelt: Dranchenfreunde


   Pergi stocherte mit dem Ast vor sich den Waldboden ab und setzte so einen Fuß vor den anderen. Je dunkler es wurde, desto unsicherer wurde er. Schließlich blieb er ganz stehen.
   »Geht es nicht weiter?«, fragte Tinggal von hinten.
   »Ich kann nichts mehr sehen. Ich habe Angst.«
   »Las uns hier kurz rasten. Ich werde versuchen, uns eine Fackel anzufertigen.«
   Tinggal suchte die Umgebung nach einem geeigneten Ast ab, während Pergi auf einem umgestürzten Baum saß. Es dauerte nicht lange und Tinggal hatte einen brauchbaren Stock gefunden. Er nahm ein Hemd aus seinem Beutel und wickelte es um den Stock. Jetzt musste er sich nur noch überlegen, womit er den Stoff tränken könnte, damit er nicht gleich verbrannte.
   »Eine Fackel haben wir, allerdings fehlt uns jetzt noch das Pech, mit dem wir die Fackel tränken können«, stellte Tinggal fest.
   »Dann nützt uns das nichts«, sagte Pergi resigniert.
   Tinggal setzte sich neben Pergi. »Dann war es das wohl. Wir müssen zurück«, stellte er fest.
   Ein Knacken in unmittelbarer Nähe ließ beide aufschrecken.
   »Was war das?«, flüsterte Pergi.
   »Ich weiß es nicht. Hoffentlich nur ein kleines Tier«, entgegnete Tinggal.
   Aus Angst, es könnte doch etwas Größeres und Gefährliches sein, entzündete Tinggal die halbfertige Fackel. Der trockene Stoff brannte lichterloh. Hastig wedelte Tinggal mit der Fackel hin und her, um die Umgebung damit auszuleuchten. Es dauerte auch nicht lange, da erlosch das Feuer, denn der Stoff war verbraucht.
   »Hast du etwas gesehen?«, fragte Pergi.
   »Nein. Es war zu kurz. Aber mit etwas Glück wurde es durch das Feuer vertrieben.«
   »Was machen wir jetzt?«, wollte Pergi wissen.
   »Ich glaube, ich habe da etwas am Ende des Stammes gesehen. Da war eine Mulde.«
   Tinggal tastete sich zum Ende des Stammes und fand dort die erwähnte Mulde. Vorsichtig griff er hinein, zog aber seine Hand sofort zurück, als er auf etwas Eigenartiges stieß. Er nahm seine Feuersteine, hielt diese über die Mulde und schlug damit Funken. Es dauerte nicht lange, und der Inhalt der Mulde fing Feuer. Zuerst war es nur eine kleine Flamme, die aber stetig wuchs. Schnell präparierte Tinggal einen Stock zur Fackel und tauchte diese in die brennende Mulde. Er drehte den Stock darin so lange, bis der Stoff mit der klebrigen Flüssigkeit vollgesogen war. Es dauerte nicht lange und Tinggal hatte eine hell brennende Fackel, die genügend Licht bot, um den Weg fortzusetzen. Das Feuer in der Mulde löschte Tinggal, indem er es mit einem großen Stück Rinde abdeckte.
   »Wir haben Glück, in der Mulde befindet sich genug Harz, das wir für weitere Fackeln benutzen können.«
   Pergi nahm zwei herumliegende Äste, zog aus seinem Beutel einige Kleidungsstücke, zeriss diese und wickelte sie um die Stöcke. Damit ging er zu der Mulde, entfernte die Rinde und tauchte einen Stock nach dem anderen hinein. Erst als die Stofffetzen gut mit dem Harz getränkt waren, nahm er sie wieder heraus. Danach wickelte er eine weitere Lage Stoff um die getränkten Tücher.
   »Ich denke, das reicht«, meinte er und ging zu Tinggal.
   Zusammen setzten sie den Weg fort. Jetzt, da sie sehen konnten, wohin sie liefen, kamen sie schneller voran. Nach einigen hundert Metern wurde das Gelände begehbarer. Die Bäume standen hier weiter auseinander und das Unterholz war weniger dicht. Wenige Minuten später standen beide auf einer Lichtung, die etwa einhundert Meter im Durchmesser hatte. Inmitten der Lichtung stand ein Obelisk von etwa fünfzehn Metern Höhe und einen Umfang von ungefähr zehn Metern.
   »Kennst du diesen Ort?«, fragte Tinggal seinen Bruder.
   Pergi überlegte einige Zeit. »Ich bin mir nicht sicher.«
   Zielstrebig begaben sich beide zu dem Obelisken. Dort angelangt berührte Pergi diesen sanft. In diesem Augenblick fing der Obelisk an zu vibrieren. Zuerst kaum spürbar, doch mit jeder Sekunde wurden die Vibrationen stärker. Als Pergi es auch an den Füßen spürte, nahm er seine Hand von dem Stein. Das Vibrieren verebbte.
   »Berühre du ihn«, meinte Pergi zu Tinggal.
   Der näherte sich dem Pfeiler und berührte ihn, doch es geschah nichts.
   »Seltsam«, stellte Tinggal fest.
   Pergi versuchte es gleich noch einmal, denn er wollte wissen, ob dies nur ein Zufall war. Kaum hatte er den Obelisken berührt, begann der Stein zu vibrieren. Je länger er die Oberfläche des Steins berührte, je intensiver wurden die Schwingungen. Als sie sich beide kaum noch auf den Beinen halten konnten, gab es ein lautes Knacken und die Vibrationen hörten auf. Erschrocken sahen sich die Brüder an. Ein erneutes Knacken, das von oben zu kommen schien, ließ beide aufschauen. In der Spitze des Obelisken hatte sich ein Riss gebildet, der sich langsam nach unten fortsetzte. Pergi und Tinggal entfernten sich rückwärtsgehend von dem Obelisken. Dabei achteten sie darauf, den Riss im Auge zu behalten. Als sie etwa zwanzig Meter entfernt waren, schoss der Riss bis zum Boden und die beiden Säulenhälften bewegten sich auseinander. Zuerst langsam und dann, von der Schwerkraft unterstützt, immer schneller, bis beide Teile mit einem lauten Gepolter auf den Erdboden aufschlugen. Eine Wolke aus Staub und Schutt raste von ihm weg, den Brüdern entgegen.
   »Auf den Boden!«, schrie Tinggal und warf sich hin. Pergi tat es ihm gleich.
   Tief an den Boden gepresst und den Kopf mit den Händen schützend, lagen sie da und warteten, bis die Wolke an ihnen vorbeigezogen war und keine Gesteinsklumpen mehr auf sie fielen. Es dauerte nur wenige Augenblicke, aber es reichte, dass beide mit einer dünnen Sandschicht bedeckt waren.
   »Hast du dich verletzt!«, fragte Tinggal seinen Bruder und robbte zu ihm.
   »Nein. Ich bin in Ordnung«, erwiderte Pergi.
   Beide standen auf und sahen sich um. Wo vorher noch saftiges Gras zu sehen war, gab es jetzt nur noch die Farbe Braun und Grau. Eine dünne Sandschicht hatte sich auf alles gelegt, was im näheren Umkreis des Obelisken stand. An Stelle der Säule war nun ein tiefes Loch. Als die beiden hineinsahen, konnten sie den Boden nicht erkennen. Tinggal stieß einen am Rand liegenden Stein hinein und wartete, bis er aufschlug. Auch Pergi horchte gespannt in die Tiefe.
   Nach etwa einer halben Minute meinte Pergi: »Wow. Hast du den Aufprall gehört?«
   »Nein«, sagte Tinggal fassungslos. »Das Loch muss unendlich tief sein.«
   Pergi ging etwas näher an den Rand des Loches, um besser sehen zu können.
   »Nicht so nah!«, ermahnte ihn sein Bruder und zog ihn am Arm zurück. »Lass uns gehen.«
   »Warum? Vielleicht hat es ja etwas mit mir zu tun. Schließlich ist der Stein ja erst zerbrochen, als ich ihn länger angefasst hatte«, meinte Pergi.
   »Ich habe kein gutes Gefühl dabei. Lass uns woanders suchen.«
   Pergi sah noch einmal zu dem Loch, wandte sich dann davon ab und folgte Tinggal. Er war nur wenige Schritte gegangen, als ihn etwas an den Füßen packte und festhielt. Noch bevor Pergi es richtig registrierte, zog ihn etwas zu dem Loch.
   »Tinggal!«, schrie er, als er stürzte und nach hinten gezogen wurde.
   Tinggal schnellte herum, sah seinen Bruder am Boden liegend zum Loch gleiten. Hastig eilte er ihm zu Hilfe. Pergi war nur noch wenige Meter von dem Abgrund entfernt, als Tinggal ihn erreichte. Er ergriff die ausgestreckten Arme seines Bruders und zog daran. Die unsichtbare Kraft, die an Pergi zog, zog nun auch ihn. Sie war einfach zu stark, er konnte ihr nicht entgegenwirken. Mit aller Kraft stemmte er sich entgegen, aber sie zog ihn ebenfalls mit. Pergi kämpfte verzweifelt gegen den Sog. Er versuchte sich aus dem herauszuwinden, was ihn festhielt. Mit den Fingern krallte er sich in den Boden, die daraufhin tiefe Rillen hinterließen. Kurz vor dem Abgrund geschah etwas, was Tinggal veranlasste seinen Bruder loszulassen und ihn zurückwarf. Mit weit ausgestreckten Armen und einem verzerrten Gesicht flog er von seinem Bruder weg. Bevor er auf dem Boden aufschlug, sah er noch, wie Pergi den Rand des Loches hinabglitt und aus seinem Blickfeld verschwand. Tinggal versuchte zu schreien, aber seine Stimmbänder reagierten nicht. Den Aufschlag auf den Boden spürte er nicht. Das, was ihn getroffen hatte, als er seinen Bruder festhielt, hatte sein Empfinden gestört. Regungslos lag er da. Nur langsam kam das Gefühl in die Arme und Beine zurück. Es dauerte mehrere Minuten, bis er sich wieder normal bewegen konnte.
   »Pergi!«, rief er, und lief zu dem Loch.
   Am Abgrund angelangt, sah er in die Tiefe. Auch jetzt konnte er den Boden nicht erkennen. Aber es hatte sich etwas verändert. Aus der Tiefe stieg warme Luft empor. Immer wieder rief er den Namen seines Bruders in die Tiefe. Immer in der Hoffnung, eine Antwort zu bekommen. Es dauerte nicht lange und Tinggal brach weinend zusammen. Hatte er doch seinen Bruder erst kürzlich wiedergefunden. Da erinnerte er sich an etwas, was ihm die Heilerin gab und sagte. Er durchsuchte sein Bündel und nahm kurz darauf etwas heraus. Den Stein in der Hand überlegte er, was er damit machen sollte. Die Heilerin sagte, er würde es dann schon wissen.
   Soll ich ihn in das Loch werfen?
   Kaum hatte er den Stein über das Loch gehalten, fing er an zu leuchten. Je weiter der Stein sich dem Abgrund näherte, desto intensiver wurde es. Kurz entschlossen ließ Tinggal den Stein fallen und sah ihm nach, wie er in der Tiefe verschwand.