Dreier´s Bücherwelt: Dranchenfreunde


   Noch vor dem ersten Krähen des Hahns verließen beide mit Bündeln über die Schultern die Hütte. Zuerst gingen sie zu den Stallungen, was die Tiere abermals mit lautem Rufen quittierten. Damit nicht noch jemand auf sie aufmerksam wurde, liefen sie schnell weiter Richtung der Berge. Als sie etwas weiter von den Stallungen entfernt waren, beruhigten sich die Tiere wieder. Die Stille des Morgens umfing sie. Nur die eigenen Schritte hörten sie noch.
   »Was war mit den Tieren los?«, fragte Pergi seinen Bruder verwundert.
   »Keine Ahnung. Aber vielleicht erfahren wir es, wenn du dein Gedächtnis wieder hast.«
   Nebeneinander liefen sie den kürzesten Weg zu den Bergen. Nach einiger Zeit fragte Tinggal: »Kennst du den Weg, den wir gehen müssen?«
   »Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, dass wir richtig sind«, meinte Pergi.
   Sie liefen schweigend weiter. Gegen Mittag hatten sie bereits mehr als die Hälfte des Weges hinter sich gebracht.
   »Lass uns dort unter dem Baum eine Rast einlegen«, sagte Tinggal und lief auf einen einzelnen Baum zu, der nahe des Weges stand.
   Tinggal setzte sich unter dem Baum in den Schatten und holte etwas Brot und Wurst aus seinem Bündel. Er winkte Pergi zu, der wie angewurzelt am Wegrand stand.
   »Was hast du? Komm doch her«, rief Tinggal.
   »Hier stimmt etwas nicht. Lass uns weiter gehn«, drängte Pergi.
   »Hier ist nichts. Lass uns etwas ausruhen.«
   Tinggal hatte kaum den Satz beendet, da fiel vom Baum eine Schlange direkt vor seine Füße. Erschrocken wich er krabbelnd zurück. Die Schlange richtete sich auf, schaute ihn an und züngelte nach ihm. Vom ersten Schrecken erholt, suchte er nach etwas in seiner Nähe, mit dem er die Schlange vertreiben konnte.
   »Tinggal! Geh weg von ihr!«, rief Pergi verängstigt.
   Langsam kroch die Schlange in Tinggal´s Richtung, während der auf dem Boden sitzend sich mit den Füßen zurückdrückend von ihr weg bewegte. Ein Knacken hinter ihm ließ einen heißen Blitz durch seinen Körper jagen. Sein Kopf schnellte herum, doch er sah niemanden. In diesem Augenblick gab es einen Lichtblitz vor ihm. Als er nach vorne sah, war das Tier verschwunden. Pergi starrte derweilen wie in Trance auf die verbrannte Stelle.
   »Pergi! Was ist da passiert!«, rief Tinggal seinem Bruder zu, stand auf und eilte zu ihm.
   Als er bei ihm war, bemerkte er den glasigen Blick seines Bruders. Er nahm ihn an den Schultern und schüttelte ihn sanft.
   »Pergi! Was ist los mit dir?«
   Es dauerte einige Zeit, bis Pergi reagierte. Er blinzelte und schüttelte den Kopf.
   »Was ist passiert?«, fragte er noch abwesend. »Tinggal! Bist du verletzt?!«, rief er plötzlich.
   »Pergi! Wach auf. Mir geht es gut!«
   Pergi registrierte nur langsam, dass sein Bruder direkt vor ihm stand.
   »Tinggal. Was ...?«
   »Ich habe keine Ahnung. Die Schlange war auf einmal weg. Einfach so.«
   »Lass uns von hier verschwinden«, meinte Pergi und zog Tinggal mit sich.
   »Warte einen Augenblick. Ich hole noch schnell meine Sachen. Wir können ja auch während des Laufens etwas essen.«
   Tinggal nahm rasch sein Bündel und folgte dem vorausgegangenen Pergi. Unterwegs verspeisten sie etwas Brot und Dörrfleisch. Immer wieder blieben sie stehen, damit Pergi sich vergewissern konnte, dass sie noch auf dem richtigen Weg waren.

   Gegen Abend erreichten sie den Rand des Gebirges. Dort schlugen sie ihr Lager auf, entzündeten ein Feuer und legten sich hin. Obwohl es noch früh am Abend war, schlief Pergi sofort ein. Tinggal lauschte noch einige Zeit in die Nacht hinein. Kurz nachdem Pergi eingeschlafen war, gab er seltsame Laute von sich. Es hörte sich wie eine fremde Sprache an. Tinggal versuchte zu verstehen, was sein Bruder sagte, schaffte es aber nicht. Nur hin und wieder verstand er ein Wort. Das Gemurmel seines Bruders endete kurz vor Mitternacht. Da sie am Morgen frühzeitig aufbrechen wollten, legte sich auch Tinggal hin und versuchte zu schlafen.