Dreier´s Bücherwelt: Dranchenfreunde


   »Hallo, Tinggal. Bist du da?«, rief eine Frauenstimme.
   »Ja, komm herein Penyembuh«, antwortete Tinggal.
   »Wer ist das?«, fragte Pergi leise.
   »Darf ich vorstellen, das ist Penyembuh, unsere Heilerin. Penyembuh, das ist Peri.«
   »Peri, ein seltener Name für einen Jungen. Wie geht es dir heute?«
   »Ganz gut«, meinte Pergi.
   »Er kann sich nicht erinnern, woher er kommt«, warf Tinggal dazwischen.
   »Das ist nicht verwunderlich, wenn man eine Woche schläft. Sein Gedächtnis wird wieder kommen.« Penyembuh sah sich Pergi genauer an. »Zieh bitte dein Hemd aus, damit ich sehen kann, ob deine Wunde verheilt ist.«
   Pergi zog hastig sein Hemd aus und versuchte die Wunde zu finden. Er hatte nicht bemerkt, dass er verwundet war.
   »Dreh dich bitte um«, sagte Penyembuh.
   Pergi tat, was ihm gesagt wurde. Eine warme Hand berührte zuerst seine Schultern und glitt dann langsam über den Rücken, bis zu seiner Hüfte.
   »Seltsam. Es ist kaum noch etwas zu sehen. Normalerweise bilden derart tiefe Wunden eine Narbe.«
   »Das hatte ich eigentlich auch erwartet«, warf Tinggal ein.
   »Was ist los?«, fragte Pergi nervös.
   »Nichts. Es ist alles in Ordnung. Die Wunde ist kaum noch zu sehen.«
   »Welche Wunde? Ich weiß nichts von einer Verletzung.«
   »Du warst schwer verletzt, als ich dich gefunden hatte. Ich wollte es dir nicht sagen, da ich dich nicht noch mehr verwirren wollte«, meinte Tinggal.
   »Wieso noch mehr verwirren?«, wollte Penyembuh wissen.
   Tinggal wusste zuerst nicht, was er darauf sagen sollte.
   »Setzen wir uns«, meinte er. »Da spricht es sich leichter.«
   Zuerst gab es ein betroffenes Schweigen. Tinggal sah abwechselnd zu seinem Bruder und der Heilerin. Erst als Pergi leicht nickte, sagte er etwas.
   »Peri heiß eigentlich Pergi und ist mein Bruder.«
   »Das wusste ich bereits, als ich ihn zum ersten Mal sah. Ich kenne deine Familie seit über fünfzehn Jahren«, unterbrach ihn Penyembuh.
   Sichtlich erleichtert sprach Tinggal weiter. »Wie ich ihn gefunden habe, das wissen Sie ja bereits. Leider konnte ich bisher nicht mehr herausfinden. Was glauben Sie, wie lange es dauern wird, bis er sein Gedächtnis wieder erlangt?«
   »Das kann man nicht sagen. Es kann sein, dass er sich morgen bereits wieder erinnert, oder aber auch nie. Manchmal hilft es, wenn man Orte aufsucht, die man kennt. Oder welche, an denen man eventuell war. So weit ich noch weiß, ist er damals Richtung der Berge verschwunden. Vielleicht hilft es, wenn ihr euch dorthin begebt.«
   »Da gibt es nur ein Problem: Musuh. Er ist bereits neugierig geworden«, wandte Tinggal ein.
   »Den überlasst mir. Ich werde dafür sorgen, dass er euch die nächsten Tage nicht belästigt. Um eure Tiere kann ich mich auch kümmern.«
   »Warum hilfst du uns?«, fragte Pergi verwundert.
   »Sagen wir einfach, ich habe da eine Ahnung, was eventuell in den letzten zehn Jahren mit dir geschehen ist.«
   Pergi und Tinggal sahen die Heilerin fragend an.
   »Fragt mich jetzt bitte nicht, was es genau ist. Aber um mir Gewissheit zu verschaffen, Pergi, darf ich ein kleines Experiment mit dir machen?«
   »Was wollen Sie mit mir machen?«
   Die Heilerin ging zu Pergi. »Du brauchst keine Angst zu haben, es tut nicht weh.«
   Als Pergi kurz darauf nickte, hob die Heilerin ihre Hände und ließ sie über Pergi´s Kopf schweben. Sie bildete mit beiden Händen zuerst eine Haube, dann trennte sie sie und glitt mit ihnen an Pergi’s Körper herunter ohne ihn zu berühren.
   »Danke Pergi, das war alles.«
   »Und, was haben Sie herausgefunden?«, wollte Pergi wissen.
   »Meine Vermutung scheint richtig zu sein. Wenn dies tatsächlich so ist, dann müsst ihr beide so schnell als möglich in die Berge. Nur dort wird er sein Gedächtnis wiedererlangen. Pergi, versuch den gleichen Weg zu gehen, den du vor zehn Jahren genommen hattest. Auch wenn du dich nicht mehr bewusst daran erinnern kannst, konzentriere dich, und du wirst den richtigen Weg finden.«
   Penyembuh ging langsam zum Ausgang der Hütte, Tinggal folgte ihr. Draußen schloss Tinggal die Tür und meinte: »Ist das wirklich notwendig?«
   »Ja. Bitte frage nicht weiter warum. Ich kann dir nur so viel sagen, wenn er nicht innerhalb der nächsten drei Tage sein Gedächtnis zurückerlangt, wird er es für immer verloren haben.« Die Heilerin griff in ihre Tasche und holte etwas heraus. »Hier, nimm das. Du wirst es brauchen.«
   »Was ist das?«
   »Verliere es nicht. Wenn es so weit ist, wirst du wissen, was du damit tun sollst.«
   Die Heilerin wandte sich von Tinggal ab und ging Richtung des Dorfes. Tinggal sah ihr nach. Dann betrachtete er den Gegenstand in seiner Hand.

   Es war ein grauer unscheinbarer Stein. Er hatte die Form eines langgezogenen Eis. Als Tinggal über den Stein strich, bemerkte er, dass die Oberfläche eine unterschiedliche Wärme aufwies.



   Er steckte den Stein in seine Hosentasche und ging zurück in die Hütte. Pergi saß noch immer am Tisch.
   »Lass uns ein paar Sachen packen. Wir werden Morgen in aller Frühe aufbrechen. In der Truhe findest du deine alten Sachen.«
   Pergi nickte und ging in sein Zimmer. In der Truhe fand er eine zweite Hose, ein Hemd und ein paar andere Kleidungsstücke, die er zu einem kleinen Bündel schnürte. Dies legte er neben das Bett, legte sich darauf und schlief sofort ein.