Dreier´s Bücherwelt: Dranchenfreunde


   Kaum hatte er die Tür geöffnet, da hörte er ein Knurren.
   »Aus, Ramah! Aus!!«, rief Tinggal mit erhobener Stimme, und das Knurren verstummte.
   Pergi durchschritt die Tür und betrat den angrenzenden Raum. Hier gab es außer einem Tisch mit Stühlen eine Feuerstelle mit einem Topf darüber.
   »Setz dich«, sagte Tinggal und deutete auf einen der Stühle.
   Pergi setzte sich und sah sich um.
   »Wo ist Vater?«
   Tinggal senkte den Kopf und ging auf seinen Bruder zu.
   »Er ist letzten Winter gestorben.«
   Pergi konnte nicht fassen, was er das hörte. Wie konnte sein Vater letzten Winter verstorben sein, wenn er ihn erst gestern noch gesehen hatte.
   »Aber, wie ...?«, stotterte er.
   Tinggal hatte sich zu seinem Bruder gesetzt.
   »Sieh mich an, Pergi.« Er machte eine kurze Pause und sagte dann: »Es ist zehn Jahre her, als du von Zuhause fortgelaufen bist. Wo warst du nur?«
   Tief betroffen und völlig verwirrt starrte Pergi in Tinggal´s Gesicht. Zum Teil erkannte er seinen Bruder und zum anderen seinen Vater in ihm. Tränen drückten sich vor seine Augen und sein Blick verschwamm. Er ließ den Kopf hängen und sah auf seine Beine. Da erkannte er, dass etwas nicht stimmte. Er streckte seine Arme aus und besah sich diese. Dann schnellte er vom Stuhl hoch, sah an sich herunter. Fassungslos und kopfschüttelnd starrte er seinen Bruder mit ausgestreckten Armen an.
   »Wie ... ist ... das ... möglich?«, stammelte er.
   »Ich weiß es nicht.«
   Pergi hatte sich derweil wieder auf den Stuhl gesetzt.
   »Ich kann es genauso wenig verstehen wie du. Eigentlich müsstest du jetzt schon zwanzig sein. Kannst du dich an irgend etwas erinnern?«
   Pergi schüttelte den Kopf. »Nur dass Vater und du auf den Markt gefahren seid und ich hier blieb, um die Tiere zu versorgen. Dann bin ich in meinem Zimmer aufgewacht.«
   Beide sahen sich betroffen an. Es dauerte einige Zeit, bis Tinggal das Wort ergriff.
   »Vor einer Woche, ich kam gerade vom Markt, habe ich dich vor der Tür liegend gefunden. Ich dachte zuerst, du seist eines der Kinder, die hier in der Gegend umherstreunern. Als ich aber dein Gesicht und die Narbe an deinem Kinn sah, da erkannte ich, wer du warst.«
   Tinggal hielt inne, ging zur Kochstelle und füllte eine Schüssel mit dem Eintopf, der im Topf über dem Feuer kochte.
   »Hier, du hast bestimmt Hunger«, meinte er und stellte die Schüssel mit einem Löffel darin vor Pergi.
   Während Pergi den Eintopf genüsslich aß, erzählte Tinggal weiter.
   »Als du am nächsten Tag nicht aufgewacht bist, bin ich zur Heilerin gegangen und habe sie gebeten, nach dir zu sehen. Leider konnte sie dir nicht helfen. Sie meinte nur, dass man abwarten solle. Als sie mich nach deinem Namen fragte, sagte ich, dass ich den nicht wüsste. Ich erzählte ihr, dass ich dich am Waldrand gefunden habe.«
   Pergi hielt inne und sah seinen Bruder verwundert an.
   »Ich konnte ihr ja nicht sagen, dass du mein Bruder bist. Sie hätte dann sicherlich noch andere Fragen gestellt, auf die ich keine Antwort hätte geben können«, meinte Tinggal.
   »Das verstehe ich. Wie hättest du auch erklären sollen, dass ich immer noch so jung bin?«
   »Aus diesem Grund müssen wir auch vorsichtig sein. Niemand darf erfahren, dass du mein Bruder bist. Die Leute würden sonst wer weiß was unternehmen, um herauszufinden, warum du nicht gealtert bist.«
   Pergi stimmte mit einem Nicken zu, als er den letzten Löffel des Eintopfes herunter schluckte. Tinggal nahm die Schüssel und ging damit zur Feuerstelle.
   »Danke, ich bin satt. Wie ist Vater eigentlich gestorben?«, fragte Pergi.
   Tinggal ließ die Schüssel, die er noch in der Hand hielt, in den Wascheimer gleiten.
   »Der letzte Winter war sehr streng. Wir brauchten mehr Holz, als wir den Sommer über sammeln konnten. Als die Vorräte zur Neige gingen, sind wir in den Wald, um neues Holz zu holen. Die Bäume bogen sich bereits unter den Schneemassen und es brachen immer wieder Bäume unter dem Gewicht. Wir mussten sehr vorsichtig sein, damit wir nicht erschlagen wurden. Als der Karren voll war, bin ich zum Hof zurück, um ihn abzuladen. Vater blieb im Wald, um weiter zu arbeiten. Als ich zu ihm zurückkam, fand ich ihn unter einem Baum. Es war bereits zu spät, er war tot.«
   »Wo ist Vaters Grab?«, fragte Pergi.
   »Es ist gleich hinter dem Haus, neben dem Kirschbaum, den er so mochte.«
   Pergi verließ die Hütte und lief zu dem Kirschbaum. Tinggal folgte ihm.
   »Wessen Grab ist das daneben?«, fragte Pergi, als er ein zweites Kreuz entdeckte.
   »Dort liegt Menonton. Er starb kurz nach Vater.«
   Pergi stiegen die Tränen in die Augen. Er wollte nicht, dass sein Bruder sah, dass er weinte. Also drehte er sich von ihm weg und wischte mit dem Ärmel sein Gesicht ab. Tinggal hatte es bemerkt, sagte aber nichts, um seinen Bruder nicht in Verlegenheit zu bringen. Beide standen schweigend einige Zeit vor den Gräbern.

   »Wie ich sehe, geht es deinem Findling besser!«, ertönte plötzlich eine Stimme.
   Tinggal und Pergi fuhren erschrocken herum.
   »Was willst du hier, Musuh?«, fragte Tinggal gereizt.
   »Ich wollte mich nur erkundigen, wie es dem Jungen geht. Er ist ja jetzt schon eine ganze Woche bei dir.«
   Tinggal stellte sich vor Pergi und meinte: »Es geht ihm gut. Er ist vor ein paar Stunden aufgewacht. Und jetzt entschuldige uns bitte, wir haben zu tun.«
   »Einen Augenblick bitte. Ich muss doch noch unseren neuen Bewohner begrüßen. Wie heißt du denn?«
   »Per...«, Tinggal gab seinem Bruder einen Stoß mit dem Ellenbogen. »Peri.«
   »Peri. Soso. Und woher kommst du?«
   »Daran kann ich mich nicht erinnern«, meinte Pergi.
   »Die Heilerin meinte, dass es einige Zeit dauern wird, bis er sich wieder an alles erinnert. Komm jetzt Peri«, sagte Tinggal, ergriff Pergi am Arm und zog ihn zu den Stallungen.
   Mit düsterem Blick stand Musuh da und sah den beiden nach.