Dreier´s Bücherwelt: Dranchenfreunde


   »Johannes, wie war das eigentlich in der Unterwelt?«

   »Es war ... einsam.« Johannes senkte den Kopf und sprach nicht weiter.

   »Wieso? Fabian war doch bei dir.«

   »Ich durfte keine Freunde haben. Fabian hatte Angst, dass jemand bemerkt, dass ich eigentlich nicht dorthin gehörte. Das Mittel, um wie ein Erdmensch auszusehen, durfte ich nur nehmen, wenn es unbedingt notwendig war. Und dann auch nur so lange, bis die Gefahr entdeckt zu werden, vorbei war. Somit habe ich die meiste Zeit in unserer Unterkunft verbracht.«

   »Tut mir leid.«

   »Das ist jetzt vorbei. Komm, lass uns zurück zur Hütte gehen.«

   Gemeinsam gingen sie zur Hütte und setzten sich zu ihren Eltern. Sie plauderten noch einige Zeit, dann gingen sie in ihre Schlafräume.

    

   Die Tage vergingen und alle kamen sich dabei etwas näher. Nach etwa drei Monaten war es so, als ob Fabian und Johannes nie weg gewesen wären. Sie sprachen nicht mehr von den Erdmenschen oder den Kämpfen am Palast. Auch Christians Name fiel in den letzten Wochen nicht mehr.

    

   Es war gerade Mittagszeit, als Seimon wieder einmal zu Besuch kam. Maya hatte ihn auf einem ihrer Alleinflüge entdeckt und mitgenommen. Als er von Maya abstieg und zu den Wartenden ging, hatte er ein besorgtes Gesicht.

   »Was ist mit dir, Seimon?«, fragte Fabian.

   »Habt ihr noch nichts davon gehört?«

   »Von was denn?«

   »Eine Gruppe von Erdmenschen hat die Stadt Gontras eingenommen!«

   Alle sahen Seimon ungläubig an.

   »Wie kann das sein?«

   »Sie haben wohl einen zweiten Trupp entsendet, der dann nach Gontras ging.«

   Seimon erzählte, wie es zurzeit um Gontras stand. Es sah nicht gut aus. Gontras war der Knotenpunkt für alle Handelsstraßen. Ohne Gontras würde es schwer werden, den Handel mit den anderen Städten weiter aufrecht zu erhalten.

   »Dann müssen wir sofort los und die Stadt befreien«, meinte Samanta und sprang auf.

   »Warte, Samanta. Du kannst das nicht alleine schaffen. Sie haben die Stadt bereits vor einem Monat abgeriegelt und befestigt.«

   »Aber wir müssen doch etwas dagegen tun können!«

   »Dazu benötigen wir Hilfe. Was ist eigentlich mit Christian?«

   Als Seimon den Namen aussprach, wurde es still. Man hatte ihn seit mehreren Wochen nicht mehr ausgesprochen.

   »Er hat sich seit seiner Abreise nicht mehr gemeldet. Wir wissen nicht, wo er ist«, meinte Samanta zurückhaltend.

   »Ich finde den Jungen faszinierend. Vor allem sein Zauber ist sehr stark. Ich habe versucht etwas über ihn heraus zu bekommen. Allerdings weiß ich nicht viel von ihm. Kannst du mir etwas über ihn erzählen?«

   Samanta blickte in die Runde und begann dann Seimon von ihrer ersten Begegnung im Traum zu erzählen. Als sie damit fertig war, nickte Seimon nur. Samanta erzählte danach die Geschichte, die Christian ihrer Mutter und ihr nach seiner Ankunft erzählt hatte. Als sie den Straßennamen Barthstraße nannte, horchte Seimon auf. Samanta bemerkte dies und stoppte mit ihren Ausführungen.

   »Kennst du sie?«

   »Erzähle weiter. Darüber sprechen wir später.«

   Samanta fuhr mit der Geschichte von Christian fort. Sie erzählte ihm alles, was sie über ihn wusste. Nachdem Samanta endete, stand Seimon auf.

   »Ich muss noch einmal nach Hause. Wenn ich zurückkomme, werde ich alles erklären. Kannst du Maya bitten, mich zu begleiten?«

   Samanta nickte und gab Maya zu verstehen, dass sie Seimon nach Hause fliegen solle. Als Maya mit Seimon in der Ferne verschwand, sahen sich die übrigen nur ratlos an.

    

   Es wurde Abend und Morgen, doch Maya war immer noch nicht zurückgekehrt. Samanta hatte mehrmals versucht eine Verbindung zu ihr aufzubauen, aber es gelang ihr nicht. Erst am späten Vormittag vernahm Samanta einen Satz von Maya. »Wir sind auf dem Weg zurück.« Dies berichtete Samanta sogleich ihrer Familie. Gemeinsam warteten sie auf dem Vorplatz des Hauses auf die Ankunft von Maya. Gegen Mittag landete sie auf dem Vorplatz. Seimon sprang von Mayas Rücken und lief zu den Wartenden.

   »Kommt mit, ich habe euch etwas zu erzählen.«

   Gemeinsam gingen sie zum Tisch vor der Hütte und setzten sich. Maya kam so nahe heran, wie es ihre Größe erlaubte.

   »Ich glaube zu wissen, wer Christian wirklich ist.«

   Alle lauschten gespannt den Worten von Seimon. Sie klebten förmlich an seinen Lippen. Je mehr er über Christian erzählte, desto unglaublicher klang es.

   »Wenn das alles stimmt, was ich herausbekommen habe, dann ist er der Einzige, der uns im Kampf um Gontras helfen kann.«

   »Aber wir wissen nicht, wo er sich befindet«, räumte Samanta ein.

   »Ich glaube, er wird kommen, wenn wir seine Hilfe brauchen«, Seimon sah Samanta lächelnd an. Samanta wurde verlegen und sah zur Seite. »Wäre er sonst so lange bei dir geblieben?« Samanta stand auf und lief zu Maya.

   »Kannst du versuchen Floh zu erreichen?«

   Maya hob ihren Kopf und sah Richtung Berge. »Er ist bereits auf dem Weg hierher.« Langsam senkte sie ihren Kopf wieder und sah Samanta an. »Er hat sich verändert.«

   »Was meinst du damit?«

   »Er kennt seine Zukunft.« Maya legte ihren Kopf auf den Boden und schloss die Augen.

   Samanta starrte Maya an. Sie verstand die Antwort nicht, die ihr Maya gegeben hatte. Sie eilte zu den anderen und berichtete ihnen, was sie von Maya erfahren hatte. In den folgenden Stunden sahen alle immer wieder erwartungsvoll zu den Bergen. Jedes Mal, wenn ein Vogel die Sicht kreuzte, meinten sie, Christian wäre es. Es dauerte nicht lange, da gaben sie es auf und gingen ihrem Tagewerk nach. Gegen Abend sah Samanta noch einmal hoffnungsvoll in Richtung Berge. Es war aber bereits zu dunkel, um etwas erkennen zu können. Die Berge waren nur noch als schemenhafte Schatten in der Ferne wahrzunehmen. Enttäuscht ging Samanta in die Hütte und legte sich hin.

    

   Es war fast Mitternacht, als sie durch ein Geräusch geweckt wurde. Sie stieg aus ihrem Bett, zog sich etwas über und ging in den angrenzenden Raum. Dort sah sie, dass jemand am Tisch saß, konnte ihn jedoch zuerst nicht erkennen.

   »Hallo, Samanta. Dachte schon, du stehst nie auf.«

   »Christian!?«

   »Erwartest du jemand anderen?«

   »Christian!«, rief sie noch einmal und rannte zu ihm. Kurz bevor sie ihn erreichte, blieb sie stehen. Sie stemmte die Arme in die Seite und sah ihn mit strenger Miene an.

   »Was ist? Habe ich etwas falsch gemacht?«

   »Wo warst du die ganze Zeit? Warum hast du dich nie gemeldet?«

   »So viele Fragen auf einmal. Warte, bis alle wach sind, dann muss ich es nicht zweimal erzählen.«

   Samanta rief auf einmal mit all ihrer Kraft Christians Namen. Kurz darauf stand Seimon im Raum.

   »Was ist los, Samanta?« Zur gleichen Zeit trafen Sophie, Fabian und Johannes ein.

   Samanta sah alle nur kurz an. »So, jetzt sind sie wach. Du kannst anfangen zu erzählen.«

   Als alle am Tisch saßen, fing Christian an zu erzählen. Er berichtete ihnen, was er die letzten Monate in Erfahrung gebracht hatte. Dabei verschwieg er ihnen aber wissentlich, dass er bald schon wieder zurück zum Baum musste. Als Christian seine Ausführungen beendet hatte, sandte er einen Gedanken an Seimon. »Behalte dein Wissen vorerst für dich.« Seimon sah ihn erschrocken an, nickte dann aber zur Bejahung. Die anderen am Tisch hatten von dem nichts mitbekommen.

   »Samanta, sind Mayas Wunden wieder vollständig verheilt?«

   »Ja. Komm mit, sie wird sich freuen, dich zu sehen.«

   Samanta und Christian standen auf und gingen zu Maya. Sie lag auf dem Vorplatz neben Floh. Als Christian bei ihr eintraf, stellte sie sich auf und breitete ihre Schwingen aus. Sie präsentierte sich in ihrer ganzen Größe, um Christian zu zeigen, dass sie wieder gesund war.

   »Sie sieht wirklich gut aus«, sagte Christian. »Floh, steig mit ihr auf und zeige uns ein paar Flugmanöver.« Kurz darauf waren Floh und Maya in der Luft. Floh jagte zuerst Maya hinterher, danach wechselten sie. Während ihrer Jagd vollführten sie die tollkühnsten und schwierigsten Manöver. Samanta staunte darüber, dass so etwas überhaupt möglich war. Nach etwa einer halben Stunden landeten beide wieder auf dem Vorplatz.

   »Ruht euch jetzt aus, heute Abend brechen wir nach Gontras auf«, sagte Christian, nicht nur zu den Drachen.

    

   Samanta konnte vor Aufregung nicht einschlafen. Sie dachte immer wieder darüber nach, was sie wohl in Gontras erwarten würde. Erst am späten Nachmittag kam sie zur Ruhe und schlief etwas. Als Christian sie rief, wollte sie zuerst nicht aufstehen. Nach kurzer Zeit aber sprang sie aus dem Bett, zog sich an und ging zum Vorplatz, wo alle bereits auf sie warteten. Fabian gab Samanta ihre Waffen, während Sophie den Proviant an Maya befestigte. Christian saß bereits auf Floh und wartete.

   »Beeil dich. Wir haben nicht mehr viel Zeit.«

   Samanta umarmte alle zum Abschied. Dann kletterte sie auf den Rücken von Maya und band sich an dem Sattel fest. Floh erhob sich als Erster in die Luft, dann folgte ihm Maya.

    

   Sie flogen in Richtung der Berge. Dort landeten sie am Ufer eines Sees. Christian bat Samanta sitzen zu bleiben und stieg von seinem Drachen. Er stellte sich vor Maya, die ihren Kopf zu ihm herabgesenkt hatte. Er sprach ein paar Worte zu ihr, dann trat er beiseite.

   »Samanta, was jetzt auch immer geschieht, bleib auf Maya sitzen.«

   Samanta nickte und Christian gab Maya ein Zeichen anzufangen. Maya nahm einen tiefen Atemzug und blies die Luft über dem See aus. Immer wieder wiederholte sie diesen Vorgang. Samanta wurde langsam langweilig und sie fragte Christian, was das solle. Der jedoch antwortete nicht. Gerade hatte Maya erneut Luft geholt, als es plötzlich taghell und heiß wurde. Samanta konnte gerade noch die Augen schließen, bevor sie geblendet wurde.

   »Was zum Teufel war das?«

   Wieder holte Maya tief Luft und atmete aus. Diesmal war der Feuerstrahl, der aus ihrem Maul kam, noch stärker und reichte wesentlich weiter als beim ersten mal. Samanta erschrak wiederum und kniff sogleich die Augen zu. Sie konnte nicht glauben, was sie soeben erlebt hatte. Ihre Maya konnte Feuer speien!

   »Warum hast du mir nie etwas davon gesagt?«, fragte sie Maya.

   »Ich wusste es nicht, bis es mir Christian sagte.«

   Beide sahen Christian vorwurfsvoll an.

   »Sie war bei meinem letzten Besuch noch nicht alt genug dafür. Hätte sie es vorher versucht, hätte sie sich verletzen können. Die meisten Drachen überleben ihren ersten Feuerschwall nicht, da sie dafür noch nicht reif genug sind. Jetzt können wir nach Gontras aufbrechen.«