Dreier´s Bücherwelt: Dranchenfreunde


   Christian rannte so schnell seine Beine ihn tragen konnten, achtete aber nicht darauf, wo er hinlief. Er wollte so weit weg wie nur möglich von der Lichtung und dem, was sich darauf befand. Er lief bereits seit über zwanzig Minuten, als er stolperte und hinfiel. Geschickt rollte er sich ab, blieb dann aber liegen. Er vergrub sein Gesicht in dem Laub auf dem Boden und weinte vor sich hin. Dabei schlug er mit seinen Fäusten immer wieder auf den Boden und schrie den Baumgeist an. Es dauerte eine Zeit lang, bis er sich beruhigte. Er hörte auf mit den Fäusten auf den Boden zu schlagen und verstummte. Kurz darauf drehte er sich um und sah gegen den Himmel. Die Sonne war gerade am Untergehen und tauchte den Himmel in ein abendliches Rot. Plötzlich fing er an zu lachen. Er lachte immer heftiger und lauter, weil ihm bewusst wurde, dass er jemanden angeschrien hatte, der nicht anwesend war. Ein Geräusch in unmittelbarer Nähe ließ ihn innehalten. Er drehte seinen Kopf in die Richtung, aus der es kam, konnte jedoch niemanden sehen. Er stand auf und sah sich um. Weder ein Tier noch ein Mensch war zu sehen. Langsam setzte er seinen Weg durch den Wald fort. Nach etwa fünf Minuten kam er auf eine kleine Lichtung, die ihm vertraut schien. Eine Feuerstelle und darum ein paar Baumstämme als Sitzgelegenheit. Als er an einem Baum den Stamm hoch sah, erkannte er seine Schnitzereien. Mit hängenden Schultern ging er langsam weiter zum Mittelpunkt. Da! Wieder ein Geräusch, das ihn aufhorchen ließ. In unmittelbarer Nähe sah er eine Gruppe Kinder auf den Platz zukommen. Christian versteckte sich hinter einem der dickeren Bäume. Die Kinder nahmen den Lagerplatz ein und entfachten ein Feuer. Christian belauschte währenddessen deren Gespräche. Die Stimmen kamen ihm seltsam vertraut vor. Vorsichtig lugte er hinter dem Baum hervor, um zu sehen, wer diese Kinder waren.

   »He, Christian, du bist dran, uns was zu essen zu besorgen!«, rief einer aus der Gruppe.

   Christian erschrak zuerst, dann sah er jedoch, dass sich ein Junge von der Gruppe löste und in den Wald ging. Sie hatten nicht ihn, sondern einen anderen Jungen gemeint. Um nicht doch noch entdeckt zu werden, versteckte er sich wieder. Plötzlich stand einer der Jungen direkt vor ihm. Christian erschreckte sich dabei so, dass er einen Laut von sich gab, doch der Junge reagierte nicht. Er blieb unbeirrt stehen, öffnete seine Hose und erleichterte sich. Als er damit fertig war, ging er wieder zu den anderen. Christian war wie versteinert. Es dauerte einige Zeit, bis er den Mut fand, um den Baum herumzugehen und genauer nachzuschauen. Er ging näher an die Feuerstelle und sah sich die Gruppe an. Er erkannte seine alten Freunde wieder, sie waren alle da. Fasziniert rief er jeden einzelnen Namen, die Kinder jedoch reagierten nicht. Erst dann begriff er, dass dies nicht wirklich war, es war seine Vergangenheit. Dann dachte er an den Jungen, der in den Wald ging. Sofort wandte er sich von der Gruppe ab und rannte seinem anderen Ich hinterher. Er konnte ihn gerade einholen, als er die Lichtung mit dem großen Baum betrat. Christian wollte ihn warnen, aber egal was er auch versuchte, er reagierte nicht. Tatenlos musste Christian zusehen, wie sein anderes Ich auf den Baum zuging, den Pfeil abschoss und sich den Stamm ansah. Dann jedoch geschah etwas, was er so nicht in Erinnerung hatte. Hinter seinem anderen Ich stand auf einmal ein gewaltiger Bär. Der Junge drehte sich gerade um, als der Bär ihn mit einem Tatzenhieb zu Boden warf. Als der Junge am Boden lag, stürzte sich der Bär sogleich auf ihn und biss zu. Christian war starr vor Entsetzen. Sollte er das wirklich sein? »Dann bin ich tot.« Der Bär trottete mit dem toten Jungen in den Wald. Christian sah hinterher. Er wäre ihm gerne gefolgt, aber er konnte es nicht.

   »Ich konnte es nicht verhindern, aber ich konnte dich retten.«

   Christian fuhr herum und sah den Baumgeist. Er wollte etwas sagen, aber seine Kehle war zu trocken.

   »Dem Bär habe ich einen Hirsch gegeben. Du warst sehr schwer verletzt. So habe ich dich zu mir geholt. Es hat über sechs Monate gedauert, bis du dich wieder einigermaßen bewegen konntest.« Der Baumgeist machte eine längere Pause und beobachtete dabei Christian, der teilnahmslos dastand. »Ich habe deine Erinnerungen geändert, damit du den Schmerz vergisst, den du dabei erlitten hast. Deine Freunde werden gleich hierherkommen und das Blut, sowie die Spuren des Bären finden. Sie werden glauben, du seist getötet worden.« Kurz darauf erschienen auf der Lichtung mehrere Kinder, die nach Christian riefen. Sie gingen zu dem Baum, sahen das Blut und die Spuren. Danach rannten sie den gleichen Weg von der Lichtung, den sie gekommen waren.

   »Dann dachten meine Eltern, ich sei tot?«

   »Man hatte am nächsten Tag einen Bären erlegt, in dessen Magen ein Stück deiner Kleidung gefunden wurde. Du hättest nicht zurück können.«

   »Warum zeigst du mir das alles? Warum?«

   »Ich wollte, dass du deine wahre Geschichte kennst. Es wird dir bei deiner nächsten Aufgabe helfen, die richtige Entscheidung zu treffen.« Damit verschwand der Baumgeist wieder.

   Die Umgebung, in der sich Christian befand, veränderte sich. Kurz darauf stand er mitten im Wald. Wieder hatte ihm der Baumgeist etwas aus seiner Vergangenheit gezeigt. Aber war dies auch wirklich seine? Wer war er wirklich? Nachdenklich schlug er den Weg zum Baum ein.

    

   Zwei Tage später traf Christian auf der Lichtung ein.

   »Wo warst du die ganze Zeit?«, fragte ihn Floh.

   »Im Wald. Ich musste nachdenken.«

   Christian ging zum Baum und verschwand. In seinem Raum angekommen öffnete er die Truhe und entnahm ihr einen Beutel. Diesen legte er auf das Bett, öffnete ihn und entnahm den Inhalt. Es waren seine alten Kleider, die er trug, als er von dem Bären angefallen wurde. Er nahm sie hoch und betrachtete sie von allen Seiten. Es befanden sich große dunkle Flecke auf dem zerrissenen Hemd und der Hose. Dann zog er die Sachen an und betrachtete sich im Spiegel. Sie passten nicht mehr ganz, aber er konnte erkennen, wo die Verletzungen wohl gewesen waren. Hastig zog er das Hemd wieder aus und betrachtete seinen Oberkörper. Er konnte aber nichts erkennen, was auf eine Narbe hinwies.

   »Wie kann das sein?«

   »Die Narben sind noch da. Ich habe sie unsichtbar gemacht.«

   In diesem Augenblick sah Christian, wie sich Narben an seinem Hals und Brustkorb bildeten. Die am Hals befand sich an der Kehle. Der Bär musste ihm diese durchgebissen haben. Die Narbe auf der Brust sah aus, als ob der Brustkorb aufgerissen worden war. Christian musste husten, als er die Ausmaße erkannte. Da verschwanden die Narben wieder.

   »Nein, lass es!«

   Die Narben erschienen wieder. Christian zog die alten Sachen aus und seine weißen Kleider wieder an.

   »Wie lange wird es dauern, bis ich mich an alles erinnere?«

   »Da du jetzt deine wahre Geschichte kennst, wirst du dich mit der Zeit an alles erinnern.«

   »Danke«, sagte Christian und verschwand. Auf der Lichtung vor dem Baum erschien er wieder und ging zu Floh.

   »Wusstest du es?«, fragte er ihn.

   »Was?«, dabei sah er Christian verlegen an.

   »Du weißt genau, was ich meine. Wusstest du es?«

   »Ja. Ich wusste alles. Der Baumgeist hatte es mir gezeigt.«

   Traurig ließ Christian den Kopf hängen und ging von Floh weg.

   »Ich durfte es dir nicht sagen.«

   Christian regierte nicht. Er ging einfach weiter. Am Rande der Lichtung angekommen, sah er noch einmal zurück, dann verschwand er im Wald.

    

   Es waren bereits vier Tage vergangen, als Christian auf die Lichtung zurückkehrte. Er wirkte fröhlich und gelassen. Beschwingt hüpfte er zu Floh und begrüßte ihn. Voller überschwänglicher Freude umarmte er den Drachen. Floh fragte ihn, was los sei, aber Christian antwortete nicht. Beschwingt, wie er gekommen war, machte er sich auf den Weg zum Baum. Dort wartete bereits der Baumgeist auf ihn.

   »Wie ich sehe, geht es dir besser.«

   »Ich habe über alles nachgedacht. Ich möchte dir für alles, was du für mich getan hast, danken.« Der Baumgeist wollte etwas sagen, aber Christian ließ es nicht zu. »Mir ist noch nicht ganz klar, warum du es getan hast, aber ich kann es mir denken. Bevor ich aber das tue, was du von mir erwartest, möchte ich etwas mehr von dem Leben dort draußen erfahren.«

   »Du kannst gehen und kommen, wann immer du möchtest. Ich werde auf dich warten.«

   »Danke, Baumgeist.« Christian verneigte sich spaßhaft, drehte sich um und rannte zu Floh. Dort sprang er mit einem Satz auf seinen Rücken. Kaum saß er fest im Sattel, da hob Floh auch schon ab. Noch nie zuvor fühlte sich Christian so wohl in der Luft. Dieses Gefühl übertrug sich auf Floh, was in den Flugmanövern zu erkennen war. Sie flogen Pirouetten, Looping und stürzten sich danach in die Tiefe. Beide waren so voller Freude und Energie, dass sie dabei die Zeit vergaßen. Erst als die Sonne bereits am Horizont verschwand, setzten sie zur Landung auf einer Lichtung an. Floh setzte sanft auf und legte sich hin. Christian stieg von ihm ab und bereitete sogleich ein kleines Lagerfeuer. Bald loderten die Flammen darin. Beide lagen danach zufrieden nebeneinender und sahen in den Himmel. Christian umarmte Flohs Kopf und sagte: »Danke.«