Dreier´s Bücherwelt: Dranchenfreunde


   Als Samanta die Pforte durchschritt, befand sie sich plötzlich in einer seltsamen Leere. Es war hell und dunkel zugleich. Das Licht reichte nicht, um etwas genauer erkennen zu können, war aber hell genug, um nicht vom Weg abzukommen. Der Untergrund war weich und hart zugleich. Ihre Schritte hallten ihr entgegen, obwohl sie spürte, dass der Untergrund nachgab. Samanta durchströmte ein seltsames Gefühl. Eine Art Trauer und Freude zugleich. Alles schien hier im Gegensatz zu dem Tatsächlichen zu stehen. Nichts war so, wie es schien. Sie fühlte sich unwohl in dieser unwirklichen Umgebung, und fing an, immer schneller zu gehen. Der Raum schien kein Ende zu haben, so kam es ihr vor. Sie lief nun schon seit über drei Stunden. Ihre Kräfte ließen langsam nach, sie wurde wieder langsamer. Plötzlich stand sie vor einem riesigen verschlossenen Tor. Es sah so aus, wie das, das sie in der Unterwelt gesehen hatte. Es hatte die gleichen Ornamente. Vorsichtig legte sie ihre Hand auf den Riegel, umfasste den Griff und zog langsam daran. Zuerst gab der Riegel nicht nach. Als sie so kräftig sie konnte daran zog, bewegte er sich zur Seite. Ein Geräusch ließ Samanta innehalten. Plötzlich bewegte sich der Riegel wie von Geisterhand weiter. Samanta wich erschrocken zurück, fasste sich aber wieder, riss den Riegel gänzlich zur Seite, öffnete die Tür einen Spalt und huschte hindurch. Kaum dass sie die Tür durchschritten hatte, schloss sie sich wieder. Vor ihr stand eine kleine Gestalt mit weit aufgerissenen Augen. Samanta reagierte blitzschnell und zog ihr Schwert. Sie holte bereits zum Schlag aus, dann hielt sie inne. Etwas schien ihr zu sagen: »Tu es nicht.« Der kleine Erdmensch zuckte zusammen, hielt schützend seine Arme über den Kopf und duckte sich.

   »Ich ... wollte ... wusste ... nein ...«, stammelte er dabei.

   Samanta erinnerte sich an ihre erste Begegnung mit ihnen. Eigentlich waren die Erdmenschen größer. Dies schien ein Kind zu sein. Samanta senkte ihr Schwert und steckte es zurück in die Scheide. Sie kniete sich nieder und strich dem Kleinen über den Kopf.

   »Hab keine Angst. Ich tue dir nichts.«

   Langsam nahm er seine Hände herunter und blickte Samanta an.

   »Ich ... Ich bin Hatramonant. Eigentlich darf ich nicht ...«

   »Ist schon gut. Ich bin Samanta. Wenn du möchtest, kannst du mir helfen.«

   Hatramonant sah Samanta verwundert an. »Wobei soll ich dir helfen?«

   »Ich muss zum Eingang in die Unterwelt. Aber zuerst müssen wir von hier weg.«

   Hatramonant nahm Samantas Arm und zog daran. »Komm mit. Ich kenne den Weg dorthin.«

   »Warte. Ich muss zuerst noch etwas überprüfen.«

   Samanta ging zu dem Durchgang zurück und versuchte diesen zu öffnen. Sie zog an dem Hebel. Langsam glitt dieser zur Seite und die Tür öffnete sich. Sie schloss die Tür und schob den Riegel zurück.

   »Komm her. Versuch noch einmal die Tür zu öffnen.«

   Hatramonant stemmte sich mit aller Kraft gegen den Riegel, aber er bewegte sich nicht.

   »Es geht nicht mehr. Der Riegel klemmt.«

   Zufrieden sah Samanta zuerst über die Tür und dann zu Hatramonant. »Gehen wir.«

   Gemeinsam gingen sie zur Ausgangstür des Raumes. Dort angekommen öffnete Hatramonant diese vorsichtig und sah hindurch.

   »Komm. Es ist niemand in der Nähe.«

   Sie verließen den Raum mit dem verschlossenen Durchgang. Samanta sah noch einmal zurück, dann schloss sie die Tür und folgte Hatramonant.

    

   Sich immer wieder umblickend gingen beide einen Korridor entlang. Hin und wieder sah Samanta Durchbrüche in den Wänden, die wohl die Eingangstüren zu weiteren Gängen oder Räumen waren. Nach etwa einer Stunde nahmen sie eine Abzweigung. Dieser Korridor war schmäler als der, durch den sie zuvor gegangen waren. Hier gab es keine Durchbrüche in den Wänden. Nach etwa zehn Minuten meinte Samanta: »Ist es noch weit?«

   »Nein. Wir sind gleich da.«

   »Wo sind eigentlich die anderen?«

   »Sie haben sich in der großen Halle versammelt. Sie wollen eine neue Truppe zusammenstellen.«

   »Dann müssen wir uns beeilen.«

   Nach weiteren zwanzig Minuten standen sie am Ende des Ganges vor einer Tür.

   Hatramonant öffnete sie und wies Samanta an vorzugehen. Samanta spähte durch die geöffnete Tür und schritt hindurch. Hatramonant folgte ihr. Samanta erkannte den großen Raum, den sie bei ihrem ersten Besuch durchschritten hatte. Beide liefen weiter hinein. Plötzlich blieb Hatramonant stehen.

   »Nimmst du mich mit?«

   Samanta war so überrascht, dass sie zuerst nichts sagen konnte.

   »Nimmst du mich mit an die Oberfläche?«

   »Ich, ich weiß nicht, ob das geht.«

   Traurig ging Hatramonant weiter. Samanta blieb noch eine Weile stehen, dann folgte sie ihm. Es dauerte nicht lange, da hatte sie ihn wieder eingeholt. Kurz darauf erreichten sie den Durchgang. Hatramonant blieb davor stehen und sah Samanta mit traurigen Augen an. Sie ergriff den Riegel, öffnete den Durchgang und schritt hindurch. Hatramonant sah zu, wie sie die Schwelle überschritt, dann drehte er sich um und ging langsamen Schrittes zurück.

   »Hatramonant, komm her!«, rief Samanta und winkte.

   Hatramonant blieb abrupt stehen, als er hinter sich die Stimme rufen hörte. Er rannte zurück zu Samanta. Kurz vor ihr blieb er erneut stehen und sah sich den Durchgang an.

   »Komm schon. Wir müssen uns beeilen.«

   Samanta reichte Hatramonant ihre Hand, dann schritt er vorsichtig über die Schwelle. Dabei besah er sich immer wieder die Öffnung, durch die er ging. Dann waren beide hinter der Tür, die sich augenblicklich schloss. Gemeinsam gingen sie durch den vor ihnen liegenden Raum. Diesmal war es aber anders. Der Untergrund gab nicht nach und das Licht war hell wie die Sonne. Samanta hatte Mühe etwas durch die fast geschlossenen Augen zu sehen. Sie nahmen sich an die Hände und gingen langsam weiter. Plötzlich wurde es dunkel und ein leichter Luftzug umwehte sie. Samanta öffnete die Augen und sah, dass sie sich in einem Erdloch befanden. Über ihnen war der nächtliche Himmel zu sehen. Samanta wollte gerade nach ihrem Vater und Christian rufen, als ein Seil direkt vor ihr von oben herunterkam. Sie nahm das Seil und band es sich um die Hüfte.

   »Komm, Hatramonant, ich halte dich fest, während wir nach oben gezogen werden.«

   Hatramonant klammerte sich an Samanta. Sie pfiff und das Seil wurde nach oben gezogen. Es dauerte nicht lange und beide baumelten am Rande des Loches. Der Galgen, an dem das Seil befestigt war, wurde zur Seite gedreht. Als beide wieder festen Boden unter den Füßen hatten, klammerte sich Hatramonant immer noch an sie.

   »Wir haben es geschafft. Du kannst jetzt loslassen.«

   Nur langsam löste Hatramonant die Umklammerung. Als er frei stand, öffnete er die Augen und sah sich um.

   »Hatramonant! Bist du das?«

   Fabian lief zu ihm und nahm ihn in die Arme. Samanta sah sich die Szene an, konnte aber nicht begreifen, was es zu bedeuten hatte. Christian, der bei Samanta eingetroffen war, meinte: »Ein schöneres Geschenk hättest du deinem Vater nicht machen können.«

   Samanta begriff immer noch nicht. Verwundert sah sie abwechselnd Christian und Fabian mit Hatramonant an.

   »Das kann doch nicht sein!«, rief sie überrascht.

   »Samanta, das ist dein Bruder Johannes. Johannes, das ist deine Schwester Samanta.«

   Beide sahen sich an, als hätten sie sich das erste Mal gesehen. Keiner bekam ein Wort heraus oder konnte sich bewegen. Sie waren wie Statuen, die sich gegenüberstanden. Christian ging zu Johannes. Mit seiner rechten Hand strich er in einigem Abstand über seinen Kopf. In diesem Augenblick veränderte sich Johannes. Seine Haut straffte sich, die Geschwüre bildeten sich zurück, die Haut wurde heller, das Haar luftiger und sein Körper streckte sich. Nach kurzer Zeit war Hatramonant nicht mehr zu erkennen. Vor Samanta stand ein ganz normaler fünfzehnjähriger Junge.

   Ein gewaltiger Luftzug, gefolgt von einem lauten schrillen Geräusch, ließ Johannes zusammenzucken. Samanta dagegen blickte erfreut gegen den Himmel. Sie hielt Ausschau nach dem Verursacher. Zuerst landete Floh neben der kleinen Gruppe. Kurz darauf kam Maya. Samanta rannte sofort zu ihr und umarmte sie.

   »Du bist wieder gesund?«

   »Mir geht es gut. Wer ist das?«

   »Das ist mein Bruder.«

   Maya sah zu Johannes, der sich bei dem starren Blick von ihr unwohl fühlte. Wäre Fabian nicht bei ihm gewesen und hätte ihn zurückgehalten, wäre er wahrscheinlich davongerannt. Samanta ging zu Johannes, nahm ihn an der Hand und führte ihn zu Maya. Nur zögerlich ging er mit. Als sie vor Mayas Kopf standen, zitterte Johannes am ganzen Körper. So etwas Gewaltiges hatte er noch nie gesehen. Samanta führte seine Hand zu Mayas Kopf, was ihr wegen des Widerstandes von Johannes nur schwer gelang. Erst als seine Hand die Wange des Drachen berührte, beruhigte er sich etwas.

   »Das ist Maya, meine Freundin.«

   Johannes sah abwechselnd von Maya zu Samanta. »Er gehört dir?«

   »Nein. Er gehört mir nicht. Wir sind Freunde.«

   »Samanta!«

   Samanta sah zu Christian, der bereits auf seinem Drachen saß.

   »Ich muss jetzt gehen.«

   »Aber ...«

   »Wir werden uns wieder sehen.«

   Mit diesen Worten flog Floh mit Christian davon. Samanta sah den beiden nach. Dann rannte sie zu Maya und saß auf.

   »Ich bin noch zu schwach, um uns beide zu tragen«, protestierte Maya und wandte sich wieder Johannes zu.

   Samanta war wütend und traurig zugleich. Nachdenklich sah sie in den Himmel, wo die Silhouette von Floh langsam in der Ferne verschwand.