Dreier´s Bücherwelt: Dranchenfreunde


   Das Oberhaupt und seine engsten Vertrauten hatten sich im Kartenraum versammelt und besprachen die momentane Lage.

   »Wir müssen unseren Angriff früher starten. Hosmonus oder wie er jetzt auch heißen mag wird die Oberweltler bereits gewarnt haben«, meinte Gromuldus.

   »Wir benötigen noch ein paar Tage, um die Krieger auf die neue Situation vorbereiten zu können.«

   »Die Zeit haben wir nicht mehr. Kontrasimus, du wirst mit deiner Truppe morgen nach oben gehen und den Palast in Hostros angreifen.«

   »Was ist mit den Kundschaftern? Sie haben sich noch nicht gemeldet«, warf einer der Anwesenden ein.

   »Das werden sie auch nicht. Sie sind sicherlich bereits tot«, entgegnete Gromuldus. »Jetzt geht und bereitet alles für morgen vor. Nostromus, warte, ich muss noch etwas mit dir besprechen.«

   Als alle gegangen waren, setzte sich Gromuldus auf einen Stuhl und wies Nostromus an, sich ebenfalls zu setzen.

   »Nostromus, für dich habe ich eine besondere Aufgabe.« Ein leises Geräusch ließ Gromuldus aufhorchen. Er sah zur Tür und entdeckte einen Schatten. Er gab Nostromus zu verstehen, dass er sich ruhig verhalten solle. Dann stand er auf und schlich zur Tür. Als er die Tür erreicht hatte, nahm er sein Messer und sprang mit einem Satz hindurch. Gerade als er zustoßen wollte, erkannte er Zamkorusla. »Was machst du hier?«, fragte er. Doch Zamkorusla war so erschrocken, dass er kein Wort herausbekam. »Was machst du hier?«, wiederholte Gromuldus mit strenger Stimme.

   »Ich ... ich wollte ...«, mehr bekam Zamkorusla nicht heraus.

   Gromuldus senkte sein Messer. »Tut mir leid, Zamkorusla, aber zurzeit kann ich nicht vorsichtig genug sein. Bleib bitte hier und bewache die Tür. Lasse niemanden herein oder davor stehen.« Mit diesen Worten ging Gromuldus zurück und schloss die Tür hinter sich. Er ging zu Nostromus und setzte sich. »Es war Zamkorusla. Er bewacht jetzt die Tür, damit wir ungestört sind. Hosmonus wird sicherlich dafür gesorgt haben, dass unsere Kundschafter gefangen oder tot sind. Da die Oberweltler wissen, was wir vorhaben, habe ich mir etwas überlegt. Du gehst nicht, wie geplant, mit den anderen. Du begibst dich mit einer kleinen Truppe nach Gontras. Dort wirst du ...« Gromuldus erklärte ihm, was er dort tun sollte. Am Schluss übergab Gromuldus Nostromus ein Pergament, das er erst in der Stadt Gontras öffnen sollte. Nostromus bedankte sich und ging, während Gromuldus noch einige Zeit sitzen blieb und nachdachte.

    

   Bereits am frühen Morgen begann man die Truppen durch die Tür an die Oberfläche zu schicken. Kontrasimus Truppe bestand aus etwa achtzig Mann mit leichter Bewaffnung, die aus Schwertern, Bogen, Armbrüsten und einem magischen Amulett bestand. Zuerst war Kontrasimus mit seiner Mannschaft aufgebrochen. Sofort nach der Ankunft an der Oberfläche machten sie sich auf den Weg. Im Schutze der Dunkelheit schlichen sie in Richtung Hostros, unmittelbar an der Hütte von Samanta vorbei. Durch das magische Amulett, das die Truppe unsichtbar und unhörbar machte, gelang es ihnen, ohne entdeckt zu werden. In etwa sieben Tagen sollten sie Ihr Ziel erreichen. Der Morgen war bereits angebrochen, als Nostromus mit seiner zwanzig Mann starken Truppe nach Gontras aufbrach. Auch er hatte ein magisches Amulett erhalten, das er, an der Oberfläche eingetroffen, benutzte.

    

   Maya erwachte als Erste. Vorsichtig stand sie auf, so dass Samanta dabei nicht wach wurde. Mit großen Schritten, die sie so sanft wie möglich aufsetzte, schlich sie davon. Sie wollte zum See am Rande der Berge. Als sie weit genug von Samanta, Christian und Floh entfernt war, breitete sie ihre Schwingen aus und hob ab. Da sie dabei zaghaft mit den Schwingen schlug, um nicht doch noch jemanden aufzuwecken, gewann sie nur langsam an Höhe. Sie war nur fünfzehn Meter über dem Boden, als sie über den Eingang zur Unterwelt flog. In diesem Augenblick trat Nostromus aus der Tür. Maya erschrak, als sie ihn sah. So kräftig, wie sie nur konnte, schlug sie nun mit ihren Schwingen auf und ab und gab dabei einen markerschütternden Schrei von sich. Der Schrei breitete sich so schnell in alle Himmelsrichtungen aus, dass es nur Sekunden dauerte, bis alle gewarnt waren. Maya versuchte an Höhe zu gewinnen, um möglichen Angriffen zu entgehen. Die ersten mit Armbrüsten Bewaffneten kamen durch die Tür und zielten auf sie. Kurz darauf flogen ihr die ersten Pfeile entgegen. Nur mit Mühe konnte sie ihnen ausweichen.

   »Achtung! Wir werden angegriffen! Dort oben!«, schrie Nostromus.

   Die Männer sprangen auseinander und verteilten sich in unmittelbarer Nähe der Tür. Sie richteten ihre Bogen gegen den Himmel und suchten nach dem Angreifer. Nostromus zeigte in die Richtung, wo sich Maya befand. Fast gleichzeitig ließen sie ihre Pfeile gegen den Himmel los. Kaum hatten die Pfeile ihre Bogen verlassen, war bereits ein neuer in die Sehne eingelegt. Wieder schossen sie auf den großen Schatten. Plötzlich drehte der Schatten ab.

   Maya verspürte auf einmal einen brennend stechenden Schmerz in ihrer linken Schwinge, wodurch sie noch lauter schrie. Sie konnte die Schwinge nicht mehr richtig bewegen, ohne die Schmerzen zu verstärken, und sank dadurch immer tiefer. Plötzlich erschien ein riesiger Schatten über ihr, packte sie und trug sie höher außer Reichweite der Pfeile.

    

   »Verdammt, was war das denn? Ich dachte, Drachen seien längst ausgestorben«, wütete Nostromus. »Lasst uns so schnell wie möglich von hier verschwinden.«

   Die Männer sammelten sich und liefen mit schnellen Schritten in Richtung Gontras.

    

   Maya wehrte sich anfänglich dagegen, erkannte dann aber die weißen Klauen von Floh. In ihrer Aufregung hatte sie sein Rufen nicht gehört. Floh setzte Maya am Schlafplatz ab und begab sich mit Christian wieder zu der Tür. Samanta rannte zu Maya und untersuchte sie. Sie fand zuerst nichts. Als sie jedoch an der linken Schwinge ankam, erschrak sie. Ein Pfeil hatte sich durch einen Knochen der Schwinge gebohrt. Vorsichtig betastete Samanta die Wunde und den Pfeil. Bei jeder Berührung zuckte Maya vor Schmerzen zusammen. Als Seimon eintraf, besah auch er sich den Pfeil und die Wunde. Er traute der Sache nicht und wendete einen Zauber an, der ihm anzeigen sollte, ob der Pfeil ein Gift enthielt. Es geschah nichts, was Seimon erleichtert aufatmen ließ. Er wies Samanta an, Lappen und Salben aus der Hütte zu holen, damit er die Wunde verbinden konnte. Als Samanta zur Hütte eilte, gab Seimon Maya zu verstehen, dass er nun versuchen würde, den Pfeil zu entfernen. Vorsichtig fasste er den unteren Teil des Pfeiles mit beiden Händen an und brach mit einem Ruck die Spitze ab. Dabei hatte sich der Pfeil in der Wunde bewegt, was Maya erneut vor Schmerzen aufschreien ließ. Hierbei bewegte sie sich so ruckartig, dass Seimon ihrer Schwinge nur knapp entkommen konnte. Den Pfeil konnte er nicht einfach entfernen. Er musste sich etwas einfallen lassen. Kurz darauf traf Samanta mit dem Verbandszeug bei den beiden ein. Seimon sagte ihr, sie solle versuchen, Maya etwas zu beruhigen und abzulenken. Vielleicht gelinge es ihm dann, den Pfeil zu entfernen. Samanta ging zu Mayas Kopf und streichelte sie. Sie sagte ihr, was Seimon vorhatte, und dass sie dabei ruhig liegen bleiben musste, egal wie schmerzhaft es auch sei. Langsam kam Maya wieder zur Ruhe. Seimon ging erneut zu der verwundeten Stelle an der Schwinge. Aus seinem Beutel, den er bei sich trug, nahm er eine kleine Flasche. Einen Teil des Inhalts goss er langsam in die Wunde. Maya zuckte nur kurz zusammen, als die Flüssigkeit in die Wunde floss. Nach etwa einer Minute tropfte die Flüssigkeit am anderen Ende der Wunde wieder heraus. Seimon legte sich unter die Schwinge, fasste den Pfeil mit beiden Händen, stützte sich mit seinen Beinen an der Schwinge ab und zog, so kräftig er konnte. Nur langsam bewegte sich der Pfeil aus der Wunde. Maya merkte davon nichts, die Flüssigkeit hatte die Wunde betäubt. Millimeter für Millimeter rutschte der Pfeil weiter aus der Wunde. Seimon war mit seinen Kräften fast am Ende, als der Pfeil endlich nachgab und mit einem Ruck heraus glitt. Aus der zuvor trockenen Wunde floss jetzt Blut, das Seimon im Gesicht traf.

   »Samanta, hilf mir die Wunde zu verbinden!«

   Samanta eilte zu Seimon und half ihm. Gemeinsam drückten sie einige Tücher auf die Wunde. Die Blutung hörte bereits nach kurzer Zeit wieder auf, so dass sie die Wunde verbinden konnten.

   »Es ist nicht so schlimm, wie ich dachte. Es wird allerdings einige Wochen dauern, bis sie die Schwinge wieder voll belasten kann.«

   Maya hatte alles mit angehört und meinte, dass sie in ein paar Tagen bereits wieder fliegen könnte. Traurig und glücklich zugleich legte Samanta ihren Kopf an Mayas Schwinge.

    

   Floh war mit Christian wieder auf dem Weg zur Tür der Unterwelt. Als sie dort eintrafen, war jedoch niemand mehr zu sehen. Sie suchten die Gegend ab, fanden aber keinen Hinweis auf den Aufenthalt der Truppe der Unterwelt. Die Erdmenschen waren wie vom Erdboden verschluckt.

   »Vielleicht sind sie zurückgegangen«, meinte Christian und wies Floh an zurückzufliegen.

   Floh flog auf direktem Weg zu Maya. Dort landete er in sicherem Abstand und ging den Rest des Weges zu Fuß. Christian stieg vom Floh und ging zu Seimon und Samanta, die die Wunde versorgten.

   »Ist es schlimm?«

   »Nein, in ein paar Wochen wird sie die Schwinge wieder voll belasten können.«

   »So viel Zeit haben wir nicht«, meinte Christian. »Wir müssen die Erdmenschen so schnell als möglich zurückdrängen.«

   »Ich wüsste nicht, wie ich die Heilung beschleunigen könnte.«

   »Wir werden einen Weg finden. Ohne Maya ...«

   »So lange Maya nicht fliegen kann, könnte ich doch bei dir auf Floh mitfliegen«, unterbrach Samanta Christian.

   Christian sah zu Floh.

   »Meinst du, ich könnte Maya dabei helfen, dass die Wunde schneller verheilt?«

   »Das ginge, aber bedenke der Worte des Baumgeistes!«, ermahnte Floh ihn. »Die Verletzung ist nicht lebensbedrohlich, könnte aber bei zu schneller Heilung zum Verlust der Schwinge führen.«

   »Wie meinst du das?«

   »Der Knochen wäre geheilt, aber noch schwach. Bei Belastung könnte er brechen.«

   Die Worte von Floh machten Christian nachdenklich. Völlig in Gedanken ging er zum Brunnen und setzte sich.

    

   Seimon schloss den Verband, packte die restlichen Sachen zusammen und ging zur Hütte. Dort wartete bereits Sophie und Fabian, die wissen wollten, wie es um Maya stand.

   »Maya, du musst deine Schwinge schonen. Wenn du etwas benötigst, dann bitte Floh oder mich es dir zu holen.«

   Maya sah Samanta mit traurigen Augen an.

   »Es tut mir leid, aber ich habe sie zu spät gesehen.«

   »Das macht nichts. In ein paar Wochen kannst du wieder fliegen.«

   Samanta versuchte Maya zu trösten und streichelte liebevoll ihren Kopf. Langsam entspannte sich Maya, legte ihren Kopf auf die Vorderläufe und schlief ein.