Dreier´s Bücherwelt: Dranchenfreunde


   Es war noch früher Morgen, als Samanta aus ihrem Bett sprang und zu ihrem Vater rannte. Sie versuchte so leise wie möglich zu sein. Allerdings passte sie dabei nicht auf und stieß an den Tisch, auf dem eine leere Wasserkanne stand. Der Aufprall war so stark, dass sie anfing, zu wanken und sich dem Tischrand zu nähern. Samanta versuchte noch die Kanne festzuhalten, doch die Kanne erreichte den Tischrand und fiel auf den Steinboden, wo sie mit einem lauten Geräusch zersprang. Samanta zuckte zusammen und kniff dabei die Augen zu. Schnell hatte sie sich wieder von dem Schrecken erholt, öffnete die Augen und sah zu ihrem Vater, der im Bett an der Feuerstelle lag. Vorsichtig, um nicht in die Einzelteile der zerborstenen Wasserkanne zu treten, ging sie in Richtung der Feuerstelle.

   »Guten Morgen, Samanta.«

   Samanta erschrak, als sie die dunkle Stimme vernahm, und drehte sich um. Es war keiner zu sehen. Als sie wieder zum Bett sah, merkte sie, dass Fabian die Augen geöffnet hatte und sie anlächelte.

   »Tut mir leid, ich wollte dich nicht wecken.«

   »Das macht nichts, so habe ich mehr Zeit für dich.«

   Samanta setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett. Sie wollte ihn so viel fragen, wusste aber nicht, wo sie anfangen sollte. So sah sie ihn nur an. Sein Lächeln machte sie verlegen. Plötzlich wurde Fabians Gesicht ernst und er richtete sich auf.

   »Was ist?«

   »Die Kundschafter. Wie lange ist es her? Wir müssen uns verstecken.« Er war so aufgeregt, dass seine Stimme sich erhob.

   Samanta rief laut nach ihrer Mutter. Es dauerte nicht lange, da erschienen Sophie und Seimon. Beide versuchten Fabian zu beruhigen, der jedoch war bereits aus dem Bett gesprungen und lief aufgeregt in der Hütte umher. Er murmelte immer wieder das Gleiche: »Die Kundschafter. Wie kann ich es verhindern?« Es dauerte einige Zeit, bis Fabian ruhiger wurde. In der Zwischenzeit hatte Samanta Maya gebeten, nach Fremden in der Umgebung Ausschau zu halten.

   »Setzt euch, ich muss euch etwas sagen.«

   »Was ist los mit dir? Du solltest noch liegen bleiben. Du musst erst zu Kräften kommen«, schimpfte Sophie besorgt.

   »Dafür haben wir jetzt keine Zeit. Wir sind alle in großer Gefahr. Die Erdmenschen haben Kundschafter ausgesendet, um ihren Angriff vorzubereiten. Jetzt, da sie wissen, wer ich bin, werden sie ihre Pläne, die Welt zu erobern, schneller umsetzen wollen.«

   »Moment mal. Welche Erdmenschen? Die wurden doch schon vor mehreren Jahrzehnten in der Unterwelt eingeschlossen«, wunderte sich Seimon.

   »Das ist nicht mehr so. Die Türen von und zur Unterwelt sind geöffnet worden. Sie können jetzt wieder kommen und gehen, wie sie es wollen.« Im Raum wurde es so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Ein Knacken von der Eingangstür unterbrach die Stille. Der Türriegel wurde zur Seite geschoben und die Tür schwang auf. Gebannt starrten alle auf die sich öffnende Tür. Seimon formte einen Abwehrzauber und schleuderte ihn dem Eindringling entgegen. Dieser wehrte ihn jedoch ohne erkennbare Anstrengung ab.

   »Christian!«, schrie Samanta, sprang auf und rannte zur Tür.

   Christian stand in der Tür und rührte sich nicht. Er hatte selbst nicht bemerkt, wie er den Schutzbann um sich herum angelegt hatte.

   »Christian, es tut mir leid. Ich wusste nicht ...«

   Christian hob die Hand und gab so zu verstehen, dass ihm nichts fehlte.

   »Bist du verletzt?«, fragte Samanta, als sie bei ihm ankam.

   »Mir fehlt nichts.«

   Gemeinsam gingen sie zu den anderen, wobei Samanta ihren Verwandten mit eiserner Miene anstarrte. »Du hättest ihn töten können«, sagte sie anklagend.

   »Ich dachte, es sei ...«

   »Ist schon gut. Mir ist nichts passiert.«

   Christian und Samanta setzten sich mit an den Tisch. Fabian starrte Christian an.

   »Ich bin Christian, ein Freund von Samanta«, stellte Christian sich vor.

   Fabian sah zu Samanta, die bestätigend nickte. Kurz darauf begann Fabian mit seiner Geschichte.

    

   »Was können wir nur dagegen tun?«, fragte Sophie.

   »Als Erstes müssen wir die Kundschafter finden und unschädlich machen. Das wird zwar nicht einfach, aber ich kann sie euch ja beschreiben.«

   »Ich könnte Floh bitten, nach ihnen Ausschau zu halten.«

   »Wer ist Floh?«, fragte Fabian verwundert.

   »Das ist mein Drache.«

   Im gleichen Augenblick öffnete sich die Eingangstür und Floh sah in die Hütte. Fabian war zuerst erschrocken darüber, dann aber doch erstaunt, wie groß sein Kopf war.

   »Er ist ziemlich groß. Wird man ihn nicht sehen?«

   »Nein, er wird so hoch fliegen, dass er mit dem Himmel verschmilzt. Die Leute werden denken, er sei eine Wolke.«

   Fabian schüttelte ungläubig den Kopf.

   »Ich kann ja Maya auch darum bitten«, schlug Samanta erfreut vor.

   »Das ist nicht so gut. Man würde sie zu leicht entdecken«, meinte Christian.

   »Wer ist Maya?«

   »Das ist mein Drache«, sagte Samanta voller Stolz.

   Fabian sah Samanta entgeistert an. Kurz darauf erschien ein bunter Kopf in der Eingangstür. Fabian konnte nicht glauben, was er da sah. Nur langsam erholte er sich von dem gerade Erfahrenen.

   »Ich glaube, ihr müsst mir zuerst einiges erklären«, Fabian sah in die Runde.

   Samanta und Christian berichteten ihm, wie sie zu den Drachen gekommen waren.