Dreier´s Bücherwelt: Dranchenfreunde


   »Es ist bereits zwei Jahre her, seitdem die Tür geöffnet wurde. Wann werden wir endlich wieder an die Oberfläche gehen?«

   »Bald, Hosmonus, bald.« Gromuldus ging zu seinem Freund und legte seine Hand auf dessen Schulter. »Wir müssen noch einige Vorbereitungen treffen, damit unsere Armee an der Oberfläche erfolgreich ist.«

   »Ich habe das Warten langsam satt. Ich möchte endlich wieder die Sonne sehen und frische Luft atmen können.«

   »Das wirst du. Das wirst du.«

   Mit diesen Worten wandte sich Gromuldus ab und verließ den Raum. Hosmonus starrte noch lange auf die Wand vor ihm, in der sich die Tür zur Oberwelt befand. Er überlegte, ob er es vielleicht jetzt schon einmal wagen sollte, auch gegen den Willen des Oberhauptes. Langsam ging er auf die Tür zu, legte die Hand auf den Riegel und schob ihn zur Seite.

   »Was machst du da?«, schrie plötzlich jemand.

   Erschrocken wich Hosmonus zurück, wobei er aus Versehen die Tür aufriss. Er starrte durch die offene Tür in die dahinter liegende Dunkelheit.

   »Geh sofort da weg!«

   Zamkorusla rannte zu Hosmonus, packte ihn am Arm und zog ihn weg. Danach schloss er die Tür und stellte sich mit verschränkten Armen davor. Hosmonus starrte ihn zornig an und ballte dabei die Fäuste. Gerade wollte er sich auf ihn stürzen, als Gromuldus zurückkam.

   »Was ist hier los?«

   »Nichts«, sagte Zamkorusla. »Ich dachte nur, es ist besser, wenn wir die Tür bewachen. Nicht dass noch jemand aus Versehen hindurchgeht.«

   »Das ist eine gute Idee. Langsam werden alle etwas unruhig. Hosmonus, komm bitte mit, wir haben noch einiges zu besprechen.«

   Hosmonus wandte sich nur widerwillig von der Tür ab. Er wollte unbedingt hindurch. Erst als Gromuldus ihn ein zweites Mal ansprach, reagierte er. Gemeinsam verließen sie den Raum und begaben sich in den Kartenraum. Die Wände des Raumes waren vollkommen mit Regalen bedeckt, in denen sich Rollen in unterschiedlichen Größen befanden. In der Mitte stand ein Tisch, der groß genug war, um auch die größten Karten darauf ausbreiten zu können. Beide gingen zu dem Tisch und sahen sich die dort liegende Karte an. Sie zeigte im Osten einen dichten Wald. Im Norden waren Berge zu erkennen, die sich über Westen bis nach Süden streckten, wo sich das unendliche Meer befand. In der Mitte lag eine weite Ebene, auf der sich mehrere Dörfer und Städte mit unterschiedlicher Ausdehnung befanden. In der Nähe eines Dorfes sah man einen Kreis, der den Durchgang an die Oberfläche markierte.

   »Die Karte ist schon sehr alt. Hoffen wir, dass sich nicht allzu viel verändert hat«, meinte Gromuldus.

   Sie sahen sich die Karte an und besprachen, wie sie bei ihrem Durchbruch vorgehen wollten. Nach etwa einer Stunde meinte Hosmonus: »Was ist mit dem Mädchen? Sie wird uns sicherlich verraten haben.«

   »Sie hat die Oberfläche nie erreicht. Somit konnte sie uns nicht verraten.«

   »Was ist, wenn die Legende nicht stimmt?«

   »Was sollte sie denn schon ausrichten können? Niemand wird ihr glauben. Sie ist noch ein Kind.«

   Es entwickelte sich ein Streitgespräch, das mehrere Minuten andauerte.

   »Sag den Kundschaftern, dass sie in den Versammlungsraum gehen sollen. Wir werden ihnen mitteilen, dass wir sie morgen an die Oberfläche schicken.«

   Voller Vorfreude rannte Hosmonus aus dem Raum, er hoffte ebenfalls mit den Kundschaftern gehen zu dürfen. Gromuldus musste bei dem Anblick grinsen. Er rollte die Karte zusammen und steckte sie zu den anderen ins Regal. Zufrieden sah er sich noch einmal um und verließ den Kartenraum.

    

   Im Versammlungsraum warteten bereits die Kundschafter auf Gromuldus. Es waren zehn sorgfältig ausgesuchte junge Männer. Sie durchliefen in den letzten Jahren eine besondere Ausbildung, die sie befähigen sollte, an der Oberfläche unerkannt zu verweilen. Ihr Aussehen wurde so verändert, dass sie von den Oberweltlern nicht gleich erkannt werden konnten.

    

   Als sich Gromuldus auf das Podest stellte, wurde es schlagartig ruhig. Alle sahen gespannt zu ihm auf.

   »Morgen früh wird einer von euch durch diese Tür gehen und danach gleich wieder den Rückweg antreten. Erst wenn dieser wieder bei uns eingetroffen ist, werden alle anderen nach oben geschickt.«

   »Wer wird der Erste sein?«, kam es aus der Gruppe.

   Gromuldus sah zu Hosmonus und grinste. Hosmonus erschrak zuerst, dann schüttelte er unmerklich den Kopf. Er wollte nicht hindurch und dann gleich wieder zurück. Gromuldus hob die Hand und zeigte in die Gruppe.

   »Der erste, der hindurchgeht, bekommt den doppelten Lohn. Wer es sein wird, das entscheidet das Los.« Alle waren so aufgeregt, dass sie durcheinander sprachen. Niemand bemerkte, dass Gromuldus das Podium verließ und mit einem Lederbeutel in der Hand sich ihnen näherte. »Hosmonus, dir gebührt die Ehre das erste Los zu ziehen.« Gromuldus öffnete den Beutel und reichte ihn Hosmonus. Der zögerte zuerst und sah sich um. Alle Blicke waren nun auf ihn gerichtet. Langsam hob er die Hand und führte sie in den Beutel. Er griff tief hinein und durchmischte den Inhalt. Plötzlich verharrte er in der Bewegung und zog langsam seine Hand heraus. In seiner Faust war eine kleine Kugel verborgen. Niemand sollte sehen, welche Farbe sie hatte, bevor alle ihre eigenen gezogen hatten. Der Beutel machte seine Runde durch die Gruppe. Als alle ihre Lose gezogen hatten, stellten sie sich in einer Reihe auf und streckten die Hand, in der sich die Kugel befand, geschlossen nach vorne. Auf ein Kommando von Gromuldus öffneten sich die Hände und gaben die Kugeln frei. Gromuldus ging die Reihe ab und blieb vor Hosmonus stehen. Der hatte sich seine Kugel nicht einmal angesehen.

   »Das Los hat entschieden.« Gromuldus legte eine kleine Sprechpause ein, wobei Hosmonus Unruhe sich verstärkte. »Jokarudis wird die Ehre haben, als Erster von uns die Tür zu durchschreiten.«

   Hosmonus wurde fast schwindlig. Langsam öffnete er die Augen und besah sich seine Hand. Als er die Farbe seiner Kugel sah, atmete er auf. Den Jubel der anderen nahm er nur dumpf war. Kurz darauf verließen die Kundschafter den Raum. Nur Hosmonus und Gromuldus blieben zurück.

   »Warum wolltest du nicht als Erster?«

   »Ich ... nur ... Luft ...,« stammelte Hosmonus.

   »Ist schon in Ordnung. Wir alle haben unsere Ängste.« Gromuldus gab ihm einen Klaps auf die Schulter und ging.

   Hosmonus begann zu schwanken, sein Blut raste durch die Adern. Er beugte sich nach vorne und atmete tief durch. Dabei wurde ihm so schlecht, dass er sich fast übergeben musste.

   »Hosmonus! Was ist mit dir los?«

   »Nichts, Alderine. Es geht gleich wieder. Geh nach Hause und warte dort auf mich. Ich werde gleich nachkommen.«

   Alderine sah ihn noch einmal besorgt an, dann ging sie. Hosmonus erholte sich kurze Zeit später wieder und machte sich auf den Weg. Langsam und nachdenklich ging er durch die Gänge, ohne dabei darauf zu achten, wo er hinging. Die Leute, die an ihm vorbeigingen, beachtete er nicht. Auch ihr Grüßen erwiderte er nicht. Zielstrebig ging er seinen Weg. Vor einer Tür, auf der ein Kreuz eingeritzt war, blieb er stehen und klopfte. Kurz darauf öffnete jemand und zog Hosmonus in den dahinterliegenden Raum.

   »Bist du verrückt, um diese Zeit hier aufzutauchen? Was wenn dich jemand erkannt hat?« Hosmonus antwortete nicht. Er starrte den alten Mann nur an. »Was ist mit dir los? So habe ich dich noch nie erlebt.« Wieder kam keine Antwort. Der alte Mann führte Hosmonus zu einem Stuhl und setzte ihn darauf. Holte einen Becher mit Wasser und reichte ihn ihm. »Nun erzähl schon!« Hosmonus trank einen Schluck und sah dann den alten Mann an.

   »Ich brauche wieder etwas von deinem Heilmittel.«

   »Ich habe dir doch erst gestern eine ganze Flasche davon gegeben!«

   »Die ist bereits leer. Ich konnte es vorhin gerade noch so verbergen. Die Wirkung lässt immer schneller nach.«

   »Dein Körper hat sich bereits an das Mittel gewöhnt. Ich muss den Trank wohl stärker anfertigen.« Der alte Mann ging in einen angrenzenden Raum. Von dort hörte man, wie mit Gläsern und Flaschen hantiert wurde. Nach etwa zehn Minuten kehrte er zurück und gab Hosmonus eine kleine Flasche. »Hier, trink das. Die Wirkung wird etwa zwölf Stunden anhalten. Danach wirst du das Mittel hoffentlich nicht mehr brauchen.«

   »Was ist, wenn ich bis dahin noch nicht durch bin?«

   »Dann hoffe, dass es niemand bemerkt und dich zurückhält.«

   »Ich danke dir für alles, was du für mich getan hast.« Hosmonus trank den Inhalt der kleinen Flasche und gab sie dem alten Mann zurück.

   »Du brauchst mir nicht zu danken. Ich habe es für unser Volk getan.«

   »Pass auf meinen Sohn auf.«

   Der alte Mann nickte. Hosmonus umarmte ihn noch einmal, dann verließ er den Raum. Kurze Zeit später traf er bei seiner Gefährtin Alderine ein. Besorgt sah sie sich ihren Mann an.

   »Es ist alles in Ordnung. Es war nur die Aufregung über den baldigen Durchbruch zur Oberfläche. Ich wünschte, du könntest mitkommen«, dabei sah er sie mit einem Lächeln an.

    

   Hosmonus hatte unruhig geschlafen. Die Tatsache, dass bereits sechs Stunden nach der Einnahme des Mittels vergangen waren, machte ihm Sorgen. Was, wenn die Zeit nicht ausreichte? Um seine Frau nicht zu wecken, schlich er vorsichtig aus der Schlafkammer. Nachdem er sich umgezogen und seine gepackten Sachen aufgenommen hatte, sah er noch einmal nach seinem Sohn. Danach ging er zur Festhalle. Dort warteten bereits einige der Kundschafter. Jokarudis war noch nicht eingetroffen, was Hosmonus Unruhe noch verstärkte.

   »Mach dir keine Sorgen, er wird schon noch kommen«, meinte Gromuldus.

   Hosmonus sah ihn nur an. Wie lange würde es noch dauern? Nur noch fünf Stunden, bis die Wirkung des Mittels nachließ. Hosmonus wurde mit jeder Minute unruhiger. Gerade als er Gromuldus bitten wollte, einen anderen als Ersten hindurchzuschicken, traf Jokarudis ein.

   Hosmonus ging sofort auf ihn zu. »Wo warst du so lange? Alle warten auf dich.«

   Verlegen blickte Jokarudis zu Boden. »Es tut mir leid, aber meine Frau ...«

   »Ist schon gut«, mischte sich Gromuldus ein und besänftige Hosmonus. »Komm jetzt. Heute ist dein großer Tag.« Gromuldus ging mit Jokarudis zu der magischen Tür in die Oberwelt. Er öffnete sie und ließ alle hineinblicken. »Jokarudis, du gehst einfach hier durch, nimmst etwas von der Oberwelt an dich und kommst sofort wieder durch das andere Tor zurück. Wir werden so lange hier auf dich warten.«

   Jokarudis sah in die Gesichter der anderen, konnte sie aber vor Aufregung kaum erkennen. Zögerlich ging er auf die geöffnete Tür zu. Kurz bevor er sie durchschritt, blickte er noch einmal über die Schulter zu seinen Kameraden. Zaghaft hob er die rechte Hand zum Abschied und ging in das dunkle Loch, das die Tür freigegeben hatte.

   Hosmonus sah, wie Jokarudis die Hand hob und einen Schritt in das Dunkel machte. Kurz darauf war er verschwunden. Erschrocken darüber entfuhr ihm ein Schreckenslaut. Alle sahen ihn verwundert an. War er doch derjenige, der immer beteuerte, dass dabei nichts passieren könnte.

   »Dirodatus, geh zu der anderen Tür und warte dort auf Jokarudis. Wir werden hier die Tür bewachen.«

   Während Dirodatus sich auf den Weg zu dem Eingang in die Unterwelt machte, starrten die anderen weiter gebannt auf die geöffnete Tür. Gromuldus blieb die Anspannung nicht verborgen. Er ging zum Tor und schloss es. Ein Raunen ging durch die kleine Gruppe.

   »Setzt euch irgendwo hin. Wir werden wahrscheinlich lange auf seine Rückkehr warten müssen.«

   Hosmonus sah auf seine Uhr. Es waren nur noch vier Stunden, bis das Mittel seine Wirkung verlor, und Jokarudis war erst seit zehn Minuten unterwegs.

    

   Es dauerte nicht lange, da wurden die Kundschafter unruhig. Sie hatten gehofft, dass Jokarudis schneller wieder zurückkehren würde. Damit es nicht ganz so langweilig wurde, vertrieben sie sich die Zeit mit Glücksspielen. Zwei Stunden später war Jokarudis immer noch nicht zurückgekehrt. Hosmonus konnte seine Aufregung kaum noch verbergen. Nur noch zwei Stunden, bis das Mittel seine Wirkung verlor. Was sollte er dann tun? Was würde dabei geschehen? Diese Fragen hämmerten in seinem Kopf so sehr, dass er die Frage von Gromuldus zuerst nicht verstand.

   »Was ist los mit dir? Du bist die ganze Zeit schon so abwesend.«

   »Nichts, ich mache mir Sorgen wegen Alderine. Wird sie auf mich warten?«

   »Ach. Mach dir keine Sorgen. Die bleibt dir bestimmt treu.«

   Verlegen blickte Hosmonus zur Seite, er konnte Gromuldus nicht in die Augen sehen. War der eigentliche Grund für seine Niedergeschlagenheit doch ein anderer. Hosmonus ging die kleinen Gruppen ab und sah ihnen bei ihren Spielen zu. So konnte er wenigstens etwas auf andere Gedanken kommen. Es faszinierte ihn immer wieder, mit welcher Begeisterung einige von ihnen ihr Glück beim Spiel versuchten.

    

   Als Dirodatus mit Jokarudis den Raum betraten, war schon wieder eine Stunde vergangen. Noch eine Stunde, bis das Mittel vom alten Mann seine Wirkung verlor. Hosmonus sah die beiden und ging zu ihnen. Jokarudis zeigte ihm einen kleinen Strauß verschiedener Blumen, die es in der Unterwelt nicht gab. Der Beweis dafür, dass er tatsächlich an der Oberfläche war. Nach und nach versammelten sich alle um Jokarudis und betrachteten den Strauß.

   »Damit ist bewiesen, dass man durch die magische Tür an die Oberfläche gelangen kann«, verkündete Gromuldus erfreut. Danach teilte er die Kundschafter in Zweiergruppen auf. Sie stellten sich vor der magischen Tür auf und warteten, bis Gromuldus sie öffnete. Als er die Tür geöffnet hatte, wollte Hosmonus hindurchgehen, aber Gromuldus hielt ihn zurück. »Warte, lass zuerst die anderen durchgehen. Ich muss noch etwas mit dir besprechen.« Hosmonus beugte sich dem und ging zum anderen Ende des Raumes. Gromuldus schickte eine Gruppe nach der anderen durch die Tür. Zwischen jeder Gruppe ließ er einige Minuten verstreichen. Als alle hindurchgegangen waren, kam er auf Hosmonus zu. Der war so nervös, dass er ständig, wie ein Tiger im Käfig, hin und her lief. Es blieben nur noch knapp zehn Minuten, bis das Mittel seine Wirkung verlor. »Was ist nur los mit dir? Du wirkst so nervös.«

   Hosmonus konnte vor Nervosität kaum sprechen. »Ich ... wollte ... weil ...«, stotterte er vor sich hin, so dass man ihn kaum verstehen konnte.

   »Reiß dich zusammen. Schließlich sollst du mein Nachfolger werden.«

   Hosmonus beruhigte sich etwas. »Das ist mir bekannt. Ich wollte nur so schnell als möglich an die Oberfläche, damit ich die anderen entsprechend beaufsichtigen kann.«

   »Das hat noch Zeit. Setzen wir uns, ich muss dir noch etwas Wichtiges sagen.«

   Unruhig setzte sich Hosmonus auf einen der Stühle. Er hatte nur noch fünf Minuten, bis das Mittel seine Wirkung verlor. Gromuldus setzte sich ihm gegenüber.

   »Beobachte die Kundschafter genau. Mir ist zu Ohren gekommen, dass einer von ihnen ein Spion von der Oberfläche sein soll. Zuerst hatte ich Jokarudis in Verdacht, aber das können wir, denke ich, ausschließen.«

   Während Gromuldus redete, sah Hosmonus immer häufiger auf die Uhr. Nun waren es nur noch zwei Minuten. Er musste dem ein Ende setzen und so schnell wie möglich durch die Tür gehen.

   »Ich hatte mir so etwas auch schon gedacht. Ich denke, ich sollte die Kundschafter nicht zu lange ohne Aufsicht lassen.«

   »Du hast Recht. Lass uns gemeinsam zur Tür gehen.«

   Beide standen auf und gingen zu der magischen Tür. Auf dem Weg dorthin redete Gromuldus weiter. Er erklärte Hosmonus seine Bedenken gegenüber einigen der Kundschafter und worauf Hosmonus achten sollte. Als sie an der Tür eintrafen, war die Zeit um. Das Mittel verlor seine Wirkung.

   Hosmonus zog auf einmal heftig die Luft ein. Ihm schien, als würden sich seine Innereien verflüssigen, so heftig durchzog ein Schmerz seinen Unterleib. Er konnte sich kaum noch gerade halten, als eine zweite Welle des Schmerzes ihn erfasste. Er sackte zusammen und krümmte sich am Boden. Gromuldus kniete sich sogleich neben ihm und versuchte zu helfen. Doch als er in das Gesicht von Hosmonus sah, schreckte er zurück.

   »Du?«

   Im gleichen Augenblick stürmten, durch das Schreien von Hosmonus angelockt, zwei Wachen in den Raum. Gromuldus wich zurück und deutete auf Hosmonus.

   »Nehmt ihn gefangen. Er ist ein Spion.«

   Die Wachen rannten zu Hosmonus, der mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden lag. Als er die Wachen wahrnahm, versuchte er kriechend die Tür zu erreichen. Nur langsam kam er voran, konnte jedoch bereits mit einer ausgestreckten Hand den Türrahmen fassen. Die Wachen waren nur noch wenige Schritte von ihm entfernt, als er sich mit einem Ruck zur Hälfte durch die Tür schob. Die Schmerzen wurden immer stärker, so dass er beinahe das Bewusstsein verlor. Gerade als einer der Wachen nach seinem Fuß fassen wollte, gelang es ihm, auch den Rest des Körpers hindurchzuziehen.

   Die Wachen sahen gerade noch, wie Hosmonus von der Dunkelheit verschlungen wurde. Aus Angst, selbst in der Dunkelheit zu verschwinden, wichen sie zurück. Gromuldus befahl ihnen, die Tür zu schließen und den Eingang zur Unterwelt zu bewachen. Niemand sollte hindurch gelassen werden. Die Wachen schlossen die Tür und begaben sich sogleich auf den Weg zur Eingangshalle.

    

   Das Mittel hatte seine Wirkung gänzlich verloren. Jetzt begann das, wovor Hosmonus am meisten Angst hatte. Er konnte die Schmerzen kaum noch ertragen. Immer wieder verlor er für kurze Zeit das Bewusstsein. Nur langsam konnte er sich Stück für Stück nach vorne ziehen. Ob es die richtige Richtung war, wusste er nicht. Er hoffte inständig, dass sie es war, und er bald die Oberfläche erreichen würde. Nach fast unendlicher Zeit spürte er die Schmerzen kaum noch. Gerade hatte wieder eine Schmerzwelle seinen Körper erfasst, als er etwas Weiches unter seinen Händen spürte. Sehen konnte er nichts, aber er hob langsam den Kopf und sog die Luft durch die Nase ein. Zuerst vernahm er nur einen leisen Duft von saftigem Grün. Mit jedem Atemzug wurde dieser aber stärker. Er hatte es geschafft. Nur, warum konnte er nichts sehen? »Wahrscheinlich ist es gerade dunkel«, dacht er und legte sich wieder flach auf den Boden. Kurz darauf schlief er vor Erschöpfung ein.