Dreier´s Bücherwelt: Dranchenfreunde


   Zwei Jahre waren vergangen, ohne dass sich die Erdmenschen gezeigt hatten. Maya war nun ausgewachsen, jedoch blieb sie wesentlich kleiner als Floh. Zu Anfang war sie sehr traurig darüber, aber mit der Zeit erkannte sie die Vorteile. Durch ihre geringere Größe konnte sie sich in der Luft wesentlich wendiger und geschickter bewegen. Floh hatte bei den Luftkämpfen meistens das Nachsehen. Beide Drachen ergänzten sich in ihren Fähigkeiten so, dass sie stets wie ein einziger wirkten.

    

   Samanta und Christian nutzten die Zeit, um sich für einen eventuellen Kampf mit den Erdmenschen vorzubereiten. Sie lernten von Sophie, wie man sich am Boden mit dem Schwert verteidigt. Auch der Kampf ohne Waffen wurde dabei nicht ausgelassen. Selbst der Umgang mit der Armbrust und Pfeil und Bogen wurde jeden Tag geübt. Als sie auch im Laufen mit beiden Waffen sicher trafen, versuchten sie es während des Fluges vom Rücken ihrer Drachen. Die Übungen während der Ausbildung fielen ihnen mit der Zeit immer leichter. Sophie hatte ihr Bestes gegeben und konnte ihnen nun nichts mehr beibringen.

    

   Sie waren gerade auf dem Rückflug vom Übungsgelände, als Sophie ihnen mitteilte, dass am nächsten Morgen jemand kommen würde, der ihre Ausbildung vervollständigte. Darüber waren die beiden nicht gerade erfreut, hatten sie doch geglaubt, sie hätten es endlich hinter sich. Kurz darauf landeten die Drachen mit den Dreien auf dem Rücken vor der Hütte. Sophie stieg als Erste ab und begab sich in diese. Samanta und Christian unterhielten sich noch einige Zeit mit den Drachen, bevor sie Sophie folgten. Sie hatten die Hütte noch nicht ganz erreicht, da hörten sie einen lauten Schrei. Fassungslos starrten sie zuerst sich und dann die Hütte an. Was mag dort geschehen sein? Hastig rannten sie zur Hütte, öffneten die Tür und liefen hinein. Kaum hatten sie einen Schritt in die Hütte getan, da wurde es plötzlich dunkel.

    

   »Was meinst du, wie lange werden sie noch schlafen?«

   »Sie müssten gleich wach werden.«

   Langsam öffnete Samanta die Augen. Ihr tat der Kopf so weh, dass sie ihn in beide Hände vergrub. Christian erging es nicht anders.

   »Da seid ihr ja wieder!«

   Beide sahen den Fremden, konnten aber dessen Worte nicht verstehen. In ihren Köpfen pochte es, als wäre dort eine Schmiede eingezogen. Der Fremde kam näher und sah die beiden an. Als er versuchte, sie zu berühren, schreckten sie zurück. Er gab ihnen jedoch zu verstehen, dass sie sich ruhig verhalten sollten, da er ihnen helfen wolle. Er legte seine Hände auf die Stirn der beiden. Kurz darauf war die Schmiede verschwunden, sie konnten wieder klar denken.

   »Ihr hattet Glück. Wäre ich kein Freund gewesen, dann wärt ihr jetzt tot«, sagte er ruhig. »Entschuldigt, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Seimon, der Bruder deines Vaters.« Dabei sah er Samanta an.

   Christian und Samanta sahen Seimon fassungslos an. Plötzlich schreckte Christian auf, rannte zur Tür, riss sie auf und stürmte hinaus. Samanta konnte nicht so schnell reagieren. Ihr Mund stand noch offen, als Christian schon außer Sichtweite war.

   »Was hat dein Freund?«

   »Ich weiß nicht!«

   Samanta rannte Christian hinterher. Sophie hob ihre Schultern, als Seimon sie fragend ansah. Beide gingen vor die Tür und sahen nach. Nicht weit von der Hütte lagen die beiden Drachen in der Sonne. Samanta und Christian standen vor ihnen und gestikulierten wild umher. Was die beiden mit ihren Drachen besprachen, verstanden Sophie und Seimon nicht. So standen sie einige Zeit nur da und beobachteten die Drachen und die Kinder.

   »Ich mache uns einen Tee«, Sophie ging zurück in die Hütte. »Sie werden sich wieder beruhigen und zurückkommen.«

   Seimon wandte sich von der Szene ab und folgte ihr.

    

   »Wieso habt ihr uns nicht geholfen?«

   »Was ist mit euch los?«

   Samanta und Christian schrien wild durcheinander die Drachen an. Diese regierten jedoch nicht, was die beiden noch wütender werden ließ. Ihre Stimmen wurden immer lauter und feindlicher, bis Floh plötzlich ein Auge öffnete und mit ruhiger Stimme meinte: »Ihr wart nie in Gefahr.« Danach schloss er es wieder. Maya hatte während dessen keine Reaktion gezeigt. Sie lag nur ruhig da und genoss die Sonne. Christian und Samanta sahen sich an, ihnen fehlten die Worte. Verärgert über das Verhalten ihrer Drachen gingen sie zurück. In der Hütte setzten sie sich an den Tisch und starrten Seimon an.

   »Sophie hat sie vorher eingeweiht, sie waren damit einverstanden.«

   Die Worte von Seimon machte die beiden noch wütender. Sie kochten innerlich so stark, dass sie rot anliefen.

   »Nun beruhigt euch erst einmal. Geht zu euren Drachen zurück und entschuldigt euch bei ihnen. Morgen werden wir dann mit eurer Ausbildung beginnen.«

   Seimon stand auf und verließ die Hütte. Christian rannte ihm noch hinterher, aber als er in der Eingangstür stand, konnte er ihn nicht mehr sehen.

   »Er ist weg!«

   Samanta kam zu ihm und sah ebenfalls nach, konnte ihn aber auch nicht entdecken. Mit gesenktem Kopf machten sie sich auf den Weg zu den Drachen. Sie unterhielten sich mit ihnen die ganze Nacht. Da es bereits spät war, schliefen sie bei ihren Drachen.

    

   Am nächsten Morgen wurden Christian und Samanta noch vor dem Sonnenaufgang geweckt. Nur langsam wollte der Schlaf aus den Gliedern weichen. Alles Strecken und Recken half jedoch nur wenig. Erst als Maya beide mit Wasser aus dem nahegelegenen See bespritzte, wurden sie munter. Nass bis auf die Haut standen sie da und starrten Maya an. Das Wasser tropfte an ihnen herunter, als seien sie mit den Kleidern baden gewesen.

   »Zieht euch um und kommt wieder hierher. Wir müssen so schnell wie möglich mit eurer Ausbildung fortfahren.«

   Christian und Samanta trotteten mit hängenden Schultern Richtung Hütte.

   »Beeilt euch, wir haben nicht so viel Zeit!«, rief Seimon ihnen hinterher.

   Beide fingen daraufhin an zu laufen. Als sie in Samantas Kammer angekommen waren, blieben sie vor Staunen in der Tür stehen. Mitten im Raum standen zwei Stühle, auf denen Kleider lagen. Auf dem linken Stuhl lagen Kleidungsstücke, die Samanta noch nie gesehen hatte. Die Farbe konnte sie nicht richtig erkennen, da sie sich mit dem Blickwinkel darauf jedes Mal veränderte. Sie ging darauf zu und nahm die Hose auf. Sie fühlte sich weich und samtig an. Rasch zog sie ihre alten Sachen aus und schlüpfte in die neuen. Vor lauter Aufregung hatte sie Christian ganz vergessen.

    

   Auf dem rechten erkannte Christian seine alten Kleider, die er beim Eintreffen bei Samanta getragen hatte. Schon kurz nach der Ankunft hatte er von Sophie neue bekommen, die weniger auffällig waren. Sicherlich waren sie ihm mittlerweile zu klein geworden. Als er zu dem Stuhl ging und mit der Hand über den Stoff fuhr, fühlte dieser sich seltsam an. Plötzlich ging ein Leuchten von dem Stoff aus und die Kleidungsstücke fingen an zu wachsen. Als sie die richtige Größe hatten, hörten sie damit auf. Hastig zog sich Christian um. Er fühlte sich auf einmal wieder wie zehn.

    

   Einige Zeit standen Samanta und Christian nur da und sahen sich von allen Seiten an.

    

   Nach etwa zwanzig Minuten kehrten sie zu den Drachen zurück. Immer noch voller Aufregung zeigte Samanta Maya ihre neuen Kleider, wobei sie sich immer wieder um die eigene Achse drehte.

   »Setzt euch auf eure Drachen«, sagte Seimon im Befehlston.

   Zwischenzeitlich war auch Sophie eingetroffen und bewunderte nun mit Seimon zusammen das Bild. Ein weiß gekleideter Junge auf einem weißen Drachen und ein in allen Farben schillerndes Mädchen auf einem eben solchen. Drachen und Reiter sahen nun wie eine Einheit aus.

   »Jetzt können wir mit der Ausbildung beginnen. Steigt wieder ab und kommt mit«, Seimon ging zu der Wiese neben dem freien Platz. Samanta und Christian stiegen von ihren Drachen und folgten ihm. »Sagt euren Drachen, dass sie zu dem Waldrand dort drüben fliegen sollen.« Kurz darauf flogen Maya und Floh davon. »Ihr beide geht zu diesem Stein und verhaltet euch ruhig.«

   Samanta und Christian gingen zu dem Stein in ihrer Nähe und stellten sich dort nebeneinander.

   »Was meinst du, was er vorhat?«

   »Keine Ahnung.«

   Kaum hatte Samanta den Satz beendet, da ertönte ein lautes schrilles Heulen. Es war so laut, dass sie sich die Ohren zuhalten mussten. Während das Geräusch immer lauter wurde, fing der Stein neben ihnen an zu vibrieren. Er zitterte nun so stark, dass die Erde um ihn herum erbebte. Beide sprangen fast gleichzeitig zur Seite, rappelten sich wieder auf und liefen in die Richtung, wo Seimon noch vor kurzem stand. Nach etwa zwanzig Metern blieben sie stehen. Seimon war verschwunden. Als sie sich umblickten, zerbarst der Stein und seine Stücke flogen in alle Richtungen. Sie duckten sich, um nicht getroffen zu werden. Nach kurzer Zeit war der Spuk vorbei. Es herrschte wieder Stille.

   »Unsere Drachen!«, riefen beide erschrocken auf und rannten Richtung Waldrand. Als sie die Stelle erreichten, wo die Drachen warten sollten, waren diese nicht da. Aufgeregt liefen sie umher und suchten nach ihnen, wobei sie ständig ihre Namen riefen. Es dauerte über zwei Stunden, bis sie die Suche aufgaben und zurück zur Hütte liefen. Dort wartete bereits Seimon auf sie.

   »Wo wart ihr denn so lange?«

   »Der Stein ... unsere Drachen ... nicht finden!«, riefen beide durcheinander.

   »Beruhigt euch erst einmal. Maya und Floh sind mit Sophie zum See geflogen. Setzt euch.«

   Samanta und Christian setzten sich vor dem Brunnen und sahen Seimon ungläubig an.

   »Ihr müsst lernen, ständig mit euren Drachen in Verbindung zu bleiben. Auch wenn ihr damit beschäftigt seid, euch aus einer Gefahrensituation zu befreien. Bei dem Stein habt ihr sehr gut reagiert und die Lage richtig eingeschätzt. Aber bei euren Drachen, da habt ihr versagt.«

   Beide senkten die Köpfe und murmelten etwas, was Seimon aber nicht verstand. Sie versuchten vergeblich eine Verbindung zu ihren Drachen aufzubauen.

   »Lasst den Kopf nicht hängen, das werden wir schon hinbekommen.«

   Samanta richtete sich auf. »Ich kann Maya nicht erreichen. Was, wenn ihr etwas zugestoßen ist?«

   »Maya und Floh sind wohlauf. Ihr braucht euch um die beiden keine Sorgen zu machen. Sie werden gleich hier eintreffen.«

   Kaum hatte Seimon den Satz beendet, da rief Christian: »Da sind sie!«, und zeigte gegen den Himmel.

   Aufgeregt sprangen beide auf und liefen den Drachen winkend entgegen. Kurz darauf landeten Maya und Floh vor ihnen. Sophie stieg von Maya ab und ging zu Seimon.

   »Wie haben sie sich geschlagen?«

   »So wie ich es erwartet habe. Es wird noch einige Zeit dauern, bis sie mit ihren Drachen eine richtige Einheit bilden.«