Dreier´s Bücherwelt: Dranchenfreunde


   Christian ging vorsichtig an den Rand des Loches, wo er seinen Beutel ablegte. Dann suchte er nach etwas zum Befestigen des Seils. In der Nähe befand sich glücklicherweise ein kleiner Obelisk, der stabil genug war, um ihn zu tragen. Er befestigte das Seil an dem Obelisken und ging zu dem Loch zurück. Zur Sicherheit lotete er die Tiefe noch einmal mit einem Leuchtstein aus. Wieder dauerte es knapp zwei Sekunden, bis der Aufprall zu hören war. Christian zog am Seil, um zu sehen, ob es auch fest genug befestigt war. Als er sich davon überzeugt hatte, nahm er seinen Beutel wieder auf und hielt ihn über das Loch. Gerade als er den Beutel fallen lassen wollte, hörte er ein auffälliges Geräusch in unmittelbarer Nähe. Er legte den Beutel wieder ab und sah sich um. Etwa zwanzig Schritte von ihm entfernt lag etwas am Boden. Als er näher kam, sah er, dass es Samanta war.

   »Samanta! Samanta!«, rief er immer wieder, während er zu ihr lief.

   Sie schien äußerlich unverletzt zu sein. Ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig. Christian rief nach Floh, der kurz darauf bei ihm eintraf. Samanta wurde mit Hilfe von Floh auf dessen Rücken gelagert. Gemeinsam gingen sie zurück zur Hütte. Dort angekommen wunderte sich Christian, dass Sophie nicht mit Maya am Brunnen wartete. Er wollte gerade nach ihr rufen, als er sie mit einer Schüssel und ein paar Tüchern aus der Hütte kommen sah. Als Sophie bei ihnen eintraf, kniete sie sich neben Samanta und fing an, ihr Gesicht mit einem feuchten Tuch zu reinigen. Dabei murmelte sie etwas vor sich hin, was Christian nicht verstand. Es dauerte nicht lange und Samanta öffnete ihre Augen.

   »Gromuldus!«, schrie sie und richtete sich hastig auf.

   Erschrocken wichen Sophie und Christian zurück. Samanta war ängstlich und verwirrt. Erst als sie ihre Mutter und Christian erkannte, beruhigte sie sich.

    

   Alle drei saßen auf der Veranda vor dem Haus. Maya und Floh hatten es sich in unmittelbarer Nähe bequem gemacht und lauschten der Unterhaltung. Samanta erzählte gerade, was sie erlebt hatte. Sie beschrieb die beiden Gestalten und die Tür, so gut sie konnte.

   »Dann muss das Loch der Eingang und die Tür der Ausgang in diese Welt sein«, stellte ihre Mutter fest.

   »So scheint es zu sein. Aber ich verstehe das trotzdem nicht«, entgegnete Samanta.

   »Das ist doch klar. Sie brauchten dich, um den Ausgang zu öffnen. Jetzt können sie zwischen beiden Welten hin und her«, meinte Christian.

   »Das mag sein, aber es erklärt nicht, woher sie meinen Namen kannten, und was es mit den Schnitzereien auf der Tür auf sich hat.«

   »Vielleicht kann Sophie euch das erklären?«

   Samanta stutzte, als Floh den Namen ihrer Mutter nannte, und sah sie entgeistert an. Christian wandte sich zu Floh.

   »Was meinst du damit?«

   Floh antwortete nicht. Christian sah zu Sophie. Als er ihren Gesichtsausdruck sah, verstand er, was Floh meinte.

   »Floh hat Recht. Es ist an der Zeit einiges zu erklären«, Sophie sah zu Samanta und Christian, die sich erstaunt anblickten. »Ich kann eure Drachen hören. Ich bin nicht nur eine einfache Heilerin. Als ich etwa so alt war wie du, Samanta, erkannte ich, dass ich mehr konnte, als meine Eltern und Geschwister. Eines Tages war ich mit meiner Mutter bei einem Kranken. Ich konnte seine Leiden spüren. Während meine Mutter ihn behandelte, bemerkte ich, dass es ihm schlechter ging. Um ihn zu beruhigen, legte ich meine Hand auf seine. Dabei geschah etwas, was ich damals nicht verstand. Durch meinen gesamten Körper ging ein Kribbeln, das sich in meinen Händen sammelte. Kurz darauf ging es ihm besser, er war geheilt.«

    

   Mit der Zeit hatte Sophie ihre Fähigkeiten weiter ausgebaut. Eines Tages heilte sie jemanden, der eigentlich nicht hätte geheilt werden können. Von da an konnte sie ihre Gabe nicht mehr verbergen. Sie war fünfzehn, als sie von Zuhause weggehen musste, um den Anfeindungen der Dorfgemeinschaft zu entgehen. Auf ihrer Reise lernte sie eine Heilerin kennen, die ihre Gabe weiter entwickelte. Dabei erfuhr sie auch, dass sie nicht die Einzige war und dass es Mächte gab, die nicht zum Guten verwendet wurden. Es gab Wesen, die in der Unterwelt lebten und versuchten an die Oberfläche zu gelangen. Diese waren den Menschen gegenüber nicht besonders freundlich gesonnen. Vor mehreren Hundert Jahren gab es einen Kampf zwischen den beiden Völkern. Die Unterweltler verloren ihn. Damit sie nicht wieder an die Oberfläche gelangen konnten, hatte man den Zugang zur Oberwelt und den zur Unterwelt mittels Magie verschlossen. Vor etwa zehn Jahren wurde der Eingang zur Unterwelt durch ein Versehen geöffnet.

    

   »Es war dein Vater, der den Eingang zur Unterwelt gefunden hatte und hindurchging. Du hast den Unterweltlern den Zugang zu unserer Welt geöffnet.« Sophie senkte den Kopf, ihre Stimme klang traurig. »Jetzt können sie wieder an die Oberfläche.«

   »Mein Vater? Ist er noch da unten?«

   »Das weiß ich nicht. Vielleicht lebt er noch, aber wenn die Geschichten über die Unterweltler nur ansatzweise der Wahrheit entsprechen, dann ist er bereits seit langem tot.«

   »Wieso haben die Erdmenschen Samanta hindurch gestoßen und nicht gefangengenommen oder getötet?«, warf Christian ein.

   »Das hätten sie sicherlich getan, wenn sie geahnt hätten, dass Samanta dabei nicht getötet wird. Der Überlieferung zufolge sollte derjenige, der die Tür öffnet, beim Durchgehen sterben.«

   »Das erklärt aber noch nicht, warum ICH die Tür öffnen konnte.«

   »Das ist wahrscheinlich zum Teil meine Schuld«, sagte Sophie mit trauriger Stimme. »Du warst nach deiner Geburt schwer erkrankt. Um dich nicht zu verlieren, habe ich die stärksten Heiltränke und Magie angewendet, die ich kenne. Dabei ist wohl etwas schief gegangen.«

   Die Unterhaltung der drei dauerte bis zum nächsten Morgen. Sie versuchten eine Lösung zu finden, wie sie die Erdmenschen aufhalten könnten. Als die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster brachen, stand Sophie auf.

   »Wir sollten versuchen etwas zu schlafen. Heute Mittag werden wir mit den Vorbereitungen beginnen.«

   Samanta und Christian sahen sich verwundert an. Gerade als sie etwas sagen wollten, fuhr Sophie fort.

   »Ihr müsst vorbereitet sein, wenn die Erdmenschen an die Oberfläche kommen. Geht jetzt schlafen. Ihr werdet hierfür all eure Kraft brauchen. Christian, du kannst in meiner Kammer schlafen.«

   »Das ist nicht nötig. Ich werde bei meinem Drachen auf der Lichtung schlafen«, Christian stand auf und verließ die Hütte.

   Samanta sah ihm nach, sagte aber nichts. Sie ging in ihre Kammer, legte sich hin und schlief sofort ein. Während beide schliefen, bereitete Sophie das Mittagessen vor. Dabei ging sie mehrmals zu einem kleinen Schränkchen, das sie, nachdem sie etwas herausgenommen hatte, immer wieder verschloss. Die entnommenen Pulver und Flüssigkeiten gab sie sparsam in den Eintopf. Die Sonne erreichte gerade ihren höchsten Punkt, als sie von dem Eintopf kostete und ihn zufrieden als gut empfand. Sie ging zu Samantas Kammer und klopfte. Samanta antwortete fast sofort. Kurze Zeit später setzte sie sich an den Tisch.

   »Wo ist Christian?«

   »Er wird gleich hier sein.«

   Sophie hatte kaum zu Ende gesprochen, als Christian zur Tür hereinkam und sich neben sie setzte.

   Sophie stellte den beiden jeweils eine Schüssel mit Eintopf hin. »Hier esst, soviel ihr könnt, ihr werdet es brauchen.«

   Samanta und Christian hatten so großen Hunger, dass sie sich gleich über den Eintopf hermachten. Sophie sah ihnen dabei mit einem Lächeln zu. Erst als beide aufgegessen hatten, bemerkte Samanta, dass Sophie nichts von dem Eintopf aß.

   »Hast du keinen Hunger?«

   »Ich habe schon gegessen, Samanta. Wollt ihr noch einen Nachschlag?«

   Beide hoben ihre Schüssel und nickten heftig. Auch die zweite Schüssel wurde leergegessen, als hätten sie seit Tagen nicht zu essen bekommen.

   »Das reicht erst einmal. Jetzt sollten wir mit eurer Ausbildung beginnen.«