Dreier´s Bücherwelt: Dranchenfreunde


   Christian wachte auf, noch bevor es richtig hell wurde. Ihm war kalt und seine Kleider waren feucht, das Feuer war in der Nacht ausgegangen. Er stand auf und entfachte es mit der noch vorhandenen Restglut. Nachdem er sich an dem Feuer etwas gewärmt hatte, frühstückte er und sammelte noch etwas Feuerholz. Er hatte beabsichtigt zu warten, bis seine Freunde wieder kamen. Damit es nicht so langweilig wurde, sah er sich den Lagerplatz genauer an. Dort stand ein Baum, in dem er beim letzten Besuch seine Initialen eingeritzt hatte. Mit wenigen Schritten hatte er ihn erreicht.

   »Merkwürdig. So dick war der doch damals nicht«, dachte er und suchte nach seinen Initialen.

   Er umrundete den Baum mehrmals, fand jedoch nichts. Er sah sich die Lichtung von dem Baum aus noch einmal genauer an. Etwas schien anders zu sein, als bei seinem letzten Besuch. Langsam wurde er unruhig. Was stimmte hier nicht? Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Es gab hier wesentlich mehr dicke Bäume als damals. Als er dies begriff, sah er an dem Baumstamm hoch, in den er die Initialen geritzt hatte. In etwa vier Meter Höhe sah er eine Unregelmäßigkeit in der Rinde. Er entfernte sich rückwärts von dem Baum, wobei er die Unregelmäßigkeit im Auge behielt. Da brach die Sonne durch die Äste und erhellte die Stelle, auf die er starrte. Was er sah, konnte er nicht glauben: Es waren seine Initialen. Wie konnte das sein? War doch mehr Zeit vergangen, als er zuerst glaubte? Ihm gingen wieder die Worte des Baumgeistes durch den Kopf.

   »Nein!«, schrie er plötzlich, so laut er konnte, und ließ sich auf den Boden fallen.

   Er hatte begriffen, dass nicht nur ein paar Tage oder Wochen vergangen waren.

    

   Es dauerte einige Zeit, bis er sich so weit gefangen hatte, dass er wieder aufstehen konnte. Danach löschte er das Feuer, nahm sein Bündel und machte sich auf den Weg nach Hause. Er kannte den Weg noch ganz genau, aber überall sah er, dass die Bäume dicker und zum Teil auch anders angeordnet waren. Normalerweise dauerte es vom Lagerplatz aus zwei Stunden, bis man das Dorf erreichte. Christian benötigte diesmal drei. Am Dorfrand angekommen blieb er verwundert stehen. Das Dorf sah, wie auch der Wald schon, anders aus, als er es in Erinnerung hatte. Langsam ging er auf die Brücke zu, die über den Fluss vor dem Dorf gespannt war. Sie war nicht aus Holz, wie früher, sondern aus Stein. Die Straße war befestigt, damals war es nur ein Sandweg. Vorsichtig betrat er die Brücke und überquerte sie. Auf der anderen Seite angekommen lief er langsam weiter in das Dorf. Auch die Häuser waren nicht mehr die, die er kannte. Nur hier und da sah er ein vertrautes Haus stehen. Zielstrebig ging er weiter in die Richtung, in der sein Elternhaus stand. Die Erwachsenen, denen er begegnete, sahen ihm verwundert und zugleich fasziniert nach. Die Kinder starrten ihn mit weit aufgerissen Augen an und folgten ihm. Christian fühlte sich unwohl, langsam bekam er Angst. Plötzlich stand ein kleiner Junge neben ihm und zupfte an seinem Mantel.

   »Bist du ein Engel?«

   Erschrocken sah Christian den Jungen an. »Was?«

   »Bist du ein Engel?«, wiederholte der Junge.

   »Nein. Wie kommst du darauf?«

   Der Junge zeigte auf ihn. Christian sah an sich herunter, konnte jedoch nichts Verwunderliches entdecken.

   Achselzuckend sagte er: »Ich kann nichts sehen.«

   Der Junge zeigte noch einmal in seine Richtung. Dann begriff Christian, dass er nicht auf ihn, sondern auf etwas hinter ihm zeigte. Er drehte sich um, sah ein großes Fenster und darin sein Spiegelbild. Voller Erstaunen und mit langsamen Schritten ging er darauf zu. Was um ihn herum geschah, nahm er nicht mehr wahr. Vor dem Fenster angekommen, sah er sich sein Spiegelbild an.

   Sein Haar und seine Kleider waren weiß wie Schnee. Obwohl er in seinen Kleidern auf dem Waldboden geschlafen hatte, war kein einziger Fleck darauf zu finden.

    

   Es dauerte etwas, bis er sich wieder an den Jungen erinnerte. Er wandte sich von dem Fenster ab und ging auf ihn zu. Der Junge wich zurück. Erst als Christian ihm zulächelte, blieb er stehen. Als er vor dem Jungen stand, sah er ihm direkt in die Augen.

   »Ich bin kein Engel. Aber wenn du möchtest, dann kannst du mir helfen.«

   Der Junge bekam kein Wort heraus, so aufgeregt war er.

   »Ich bin übrigens Christian. Wie heißt du?«

   »Ich ... bin ... Hans«, stammelte der Junge.

   »OK, Hans. Kannst du mir zeigen, wo die Barthstraße ist?«

   Hans nickte und ging voraus. Christian folgte ihm zuerst in einem kleinen Abstand, dann ging er neben ihm her. Langsam schien Hans sich zu entspannen, er war nicht mehr ganz so verkrampft. Sie liefen etwa zehn Minuten, bis sie die genannte Straße erreicht hatten. Christian bedankte sich und ging die Straße entlang, Hans folgte ihm. Die Straße sah nicht so aus, wie er sie in Erinnerung hatte. Es gab keine Gärten vor und zwischen den Häusern. Die Häuser standen dicht an dicht. Christian wohnte im Haus mit der Nummer neun. Als er das Haus erreichte, musste er feststellen, dass es nicht mehr seins war.

   »Woher weißt du, wo ich wohne?«

   Christian senkte seinen Blick und sah zu Hans.

   »Welches Jahr haben wir?«

   Hans nannte es ihm, was Christian fassungslos aufnahm. Wenn das stimmte, was er soeben gehört hatte, dann war er über einhundert Jahre in dem Baum gefangen gewesen. Seine Eltern und all seine Freunde waren nicht mehr da. Niemand würde sich an ihn erinnern oder sich freuen, ihn wieder zu sehen. Nachdenklich und mit gesenktem Kopf ging er die Straße entlang. Nach etwa einer Stunde orientierungslosem Umherirren hatte er die Brücke über den Fluss erreicht. Hans war ihm die ganze Zeit schweigend gefolgt.

   »Wo willst du hin?«

   Christian sah Hans an und sagte mit trauriger Stimme: »Nach Hause«, wobei er damit den Baum meinte.